Eben die Funde helfen uns besser über die Einzelheiten des römischen Einfuhrgutes unterrichten als die Lehnwörter, auf die man sich sonst stützt. Von den Funden zeigen zunächst die Münzen, daß stärkerer römischer Handel vor Nero nur bis an die Ems drang und nach dem eigentlichen Innergermanien erst gegen Ausgang des 2. Jahrhunderts einsetzt. An eingeführten römischen oder provinzialrömischen Gegenständen kommen in Betracht: Bronzegefäße (italische [kapuanische Bronzeeimer und Kasserollen], später gallische, besonders vom Niederrhein stammend), Gläser, Tongefäße (Terra sigillata), daneben seltener und meist erst später Gürtelschnallen, Fibeln u. dergl., möglicherweise auch Trinkhornbeschläge, die aber ebenso wie die Hängezierate unter römischem Einfluß in Germanien selbst hergestellt sein können. Daß derlei im germanischen Norden und auch im inneren Deutschland begehrt wurde, bestätigt wieder, was bereits über die nicht zu unterschätzende Lebenshaltung und Kulturstufe der Germanen gesagt wurde. Die Gefäße scheinen übrigens durchweg mit dem Weinhandel zusammenzuhängen. Was wir sonst von Entlehnungen wissen, betrifft die römischen Besetzungs- und Grenzgebiete an Rhein und Donau, von denen sie erst viel später durch Vermittlung des fränkischen Staates und der Kirche ins Innere drangen. Dahin gehören die römisch gearteten Bezeichnungen der Wochentage (zum Teil nur Übersetzungen) und die Übernahme der römischen Zeitrechnung; die Germanen zählten sonst nach Nächten (noch im 16. Jahrhundert Briefschlußformel: Hiermit viel guter Nächt) und hatten das Mondjahr. Dahin gehört alles, was mit der Weinkultur, mit der feineren Obst- und Gemüsekultur, der Kochkunst, auch schon mit dem Steinbau zusammenhängt; dahin die Reihe der Münz- und Gewichtsbezeichnungen u. a. In jenen Gegenden wird aber infolge der innigen Berührung auch eine starke, freilich nicht zu übertreibende und im eigentlichen Sinne wesentlich nur für die westlichsten, wirklichen Grenzgebiete (Moselland) geltende[3] Romanisierung des ganzen Lebens bis zu einem gewissen Grade behauptet werden können, und das Fundmaterial soll sogar zeigen, daß gerade die wenigen germanischen Stämme dieser Gebiete derselben viel geringeren Widerstand entgegensetzten als die keltischen. Wie der Saterdag (Saturntag, engl. saturday) nur in niederrheinischen Landen vorkommt, so ist dieses den Römern (Plinius) am besten bekannte Gebiet auch sonst eine Hauptstätte römischen Einflusses, wie sich diesem ja schon früh die Ubier oder, wie sie sich lieber nennen hörten, die Agrippinenser gern hingaben. Im übrigen verfielen hier aber diesem Einfluß weniger Germanen als Kelten; von ihnen kam durch Händler manches Römische auch zu den Friesen und weiter zu den übrigen Küstengermanen, viel mehr als zu den anscheinend allem Römischen und Keltischen mehr abgeneigten Germanen am rechten Ufer des Niederrheins.
Wohl zu unterscheiden von diesem römischen Einflußbereich ist aber Innergermanien, vor allem Nordwestdeutschland. Hier ist, wie gesagt, in den ersten beiden Jahrhunderten n. Chr. von wirklichem römischen Einfluß keine Rede, auch noch kaum von römischer Handelsware. Auch Tacitus bestätigt für seine Zeit, daß nur die Grenzgermanen allerlei Römisches annahmen und erhandelten, nicht die Innergermanen. Der Überlandverkehr im Osten (Bernstein) hat dorthin allerdings namentlich seit Neros Zeiten schon viel römisches Handelsgut gebracht; ebenso mag der Seehandel den Küstengermanen mancherlei eher vermittelt haben als denen im Binnenlande. Vor allem zeigt dies die fehlende Beeinflussung der heimischen Keramik. Im Laufe der Zeit aber wuchsen die Einflüsse infolge der Beziehungen zu den römischen Provinzen und des wachsenden Einströmens von Germanen in römische Dienste. In spätrömischer Zeit muß z. B. die Wein- und Obstkultur schon weiter nach Osten gedrungen sein. Man hat in Pfahlbauten in Fulda aus dieser Zeit Trauben- und Pfirsichkerne gefunden. Später wirkten sodann Einflüsse von der Donau her. Die die Grenzen bedrängenden Markomannen mochten auch durch friedliche Berührungen mannigfache Einwirkung erfahren. Am meisten gewannen in dieser Beziehung die Goten, zumal in der von ihnen besetzten dazischen Provinz, von der höheren Kultur, bekanntlich auch bereits vom Christentum. Im Westen aber waren es die neuauftretenden großen Stämme der Franken und Alemannen, die immer heftiger die römischen Grenzlande bedrängten und sie weiter und weiter in Besitz nahmen oder sich durch Einwanderung festsetzten. Franken und Alemannen stellten auch das Hauptkontingent als Söldner für das römische Heer, das zu Ende des 4. Jahrhunderts überhaupt überwiegend germanisch war. Trotzdem nun die Alemannen als die typischen Barbaren, als rohe, wilde Zerstörer galten, zeigen sie ebenso wie die Franken bald erheblichere römische Einwirkungen. Beide wurden nun zu wirklichen Bauernvölkern; die Lebenshaltung nahm mancherlei Römisches an. Die Alemannen hatten nach Ammianus Marcellinus um die Mitte des 4. Jahrhunderts nach römischer Art erbaute Dörfer, d. h. sie wohnten z. T. schon in Steinhäusern oder verwendeten bei ihren Häusern wenigstens schon stärker die Steine. Ganz anders steht es aber noch immer bei den Stämmen des Nordwestens, den Friesen und den jetzt ältere Stämme vereinigenden Sachsen. Immer bleibt es zwar bei dem erwähnten römischen Einfuhrgut: sonst ist aber weder von höherer Landwirtschaft, Obst- und Weinkultur, Steinbau noch von sonstigen vorgeschritteneren Kulturerscheinungen wichtiger Art die Rede. Indessen ist auch für die zum Teil stärker romanisierten Westgermanen, insbesondere die Franken, festzuhalten, daß die germanische Eigenart trotz allen äußerlichen Entlehnungen durchaus bewahrt wird. Das zeigt im Kunsthandwerk vor allem jener sogenannte »Völkerwanderungsstil«, auf den hier nicht näher eingegangen sei.
Das zeigt aber auch Art und Wesen der Franken selbst dann noch, als sie nach den Stürmen der Völkerwanderung ihr großes Reich gegründet hatten. Es sollte von all den Reichsgründungen auf römischem Boden – von dem Sonderreich der Angelsachsen abgesehen – allein dauernden Bestand haben und für die späteren Deutschen eine grundlegende kulturelle und staatliche Bedeutung gewinnen. Vom Standpunkt der Weltkultur aus gesehen bedeutete die Zeit der Völkerwanderung, der Zertrümmerung des römischen Reiches, zweifellos eine schwere Erschütterung. Immerhin ist von einer Vernichtung der bisherigen Kultur nicht die Rede. Die Zeitgenossen empfanden nichts von einem Abschneiden der bisherigen Entwicklung. Das römische Reich ist in den Augen der Völker nicht zugrunde gegangen: Kaisertum und Christentum blieben lebendig. Die kulturellen Überlieferungen lebten vor allem in der Kirche fort, abgesehen von Byzanz, dem eigentlichen Rückzugsort der Kultur und des staatlichen Wesens der Antike. Für den neuen Entwicklungsabschnitt des Abendlandes war eine eigenartige Mischung von Römertum, dem mit ihm schon verbundenen Christentum und germanischem Barbarentum bezeichnend. Aber als kriegerisch-politische Macht von urwüchsiger Kraft hat gerade das Frankenreich die Verhältnisse des gesamten Abendlandes neu gefestigt: als karolingisches Universalreich trat es auch äußerlich an die Stelle des römischen Reiches. Für die romanische Welt bedeutete das Frankenreich die Fortdauer der Barbarenherrschaft, die Franken selbst aber wurden gelehrige Schüler der Romanen, ohne doch ihre Eigenart aufzugeben. Als sich später ein östliches, eigentlich deutsches Reich bildete, blieb wieder bei diesem die militärisch-politische Vorherrschaft, und die Idee der Fortdauer des römischen Reiches haftete auch an ihm: aber für Franzosen und Italiener blieben die Deutschen die »Barbaren«, und diese suchten von jenen immer wieder zu lernen, als den Erben der auch in ihren Trümmern überlegenen alten Kultur.
Schon im Frankenreiche selbst bestand ein ähnliches Verhältnis. Der kulturelle Schwerpunkt lag in seinem romanisierten Westen, aber der politisch wirksame Teil war der schon ganz germanisch gewordene Osten mit seiner frischeren Volkskraft. Dazu kam nun die Richtung der kulturell-politischen Betätigung des Frankenreichs nach Osten, wodurch auch die auf altem Germanenboden gebliebenen Stämme, zuletzt die urwüchsigsten von allen, die Sachsen, dem Frankenreich einverleibt wurden. Für diese Stämme bedeutete das eine (nach Osten immer geringere) Annäherung an die höhere römisch-germanische, fränkische Kultur, einen neuen Abschnitt der Entwicklung. Das fränkische Reich wurde der Vermittler der von ihm aufgenommenen Elemente der römisch-christlichen Kultur. Freilich handelt es sich um eine aus den verschiedenen Elementen neu schaffende, eigenartige fränkische Mischkultur. Trotz der Durchdringung römischen und germanischen Wesens ist es aber nützlich, kurz die römischen Elemente, die zunächst dem Frankenreich, dann durch dieses und vor allem später durch die Kirche den Deutschen vermittelt wurden, für sich zu überblicken, wie ich das ausführlicher in meiner »Geschichte der deutschen Kultur« (I², S. 74 ff.) getan habe.
In der äußeren Lebenshaltung handelt es sich da zunächst um den (übrigens auch im Frankenreich noch sehr beschränkten) Steinbau, um Hausgerät (Tafeltuch, Kissen, Sack, Flasche, Kelch, allerlei Metallgeschirr, Metallspiegel, Schlüssel, Kette u. a.), Beleuchtungsgerät (Kerze, Öllampe), von Trachtstücken nur um das Hemd und die Socke und gewisses Schuhwerk, um allerlei Schmuck und Zierat, um den Kopfputz der Frauen, den Siegelring, weiter um neue oder veränderte Waffen (Hakenlanze, Langschwert), um Verfeinerung der Körperpflege (Haar- und Bartpflege) und des Badewesens, um die Bekanntschaft mit einer vorgeschritteneren ärztlichen Kunst, um neue Musikinstrumente (Pfeife, Fiedel) und Spiele (Brettspiel). Man lernte sodann eine feinere Kochkunst, namentlich auch die bald übertriebene Verwendung neuer Gewürze – vom Pfeffer war schon die Rede –, eine feinere Backkunst, gewöhnte sich z. T. auch an leichtere Kost (Gemüse, Früchte, Fische), worauf später auch die Kirche hinwirkte, und an größere Mäßigkeit im Essen, namentlich bezüglich des Frühmahls. Am Wein, den man auch würzte, fand man immer mehr Geschmack; das Bier galt seit der Christianisierung zunächst als heidnisches Getränk. Die Weinkultur drang immer weiter vor, im 7. Jahrhundert in die Pfalz, nicht minder die gleichfalls von den Römern übernommene Obst- und Gemüsekultur, auch das Okulieren und Pelzen. Man lernte zu den früher schon eingedrungenen Arten neue weitere kennen. Von den Römern übernahm man ferner die Wiesenkultur, die Düngung des Bodens, die Wassermühle, bessere Butter- und Käsebereitung, die Wollschur. Weiter beruhte der Handel vielfach auf römischen Elementen. Für das fränkische Münzwesen war Rom selbstverständlich das Vorbild: von einer wirklichen Geldwirtschaft konnte bei den wieder ganz naturalwirtschaftlichen Zuständen sonst keine Rede mehr sein. Zu den heimischen, übrigens jetzt vielfach vervollkommneten Gewerbsarten kamen neue hinzu, die der Maurer, der Glaser, der Schlosser.
Gewisse Elemente höherer Technik, etwa beim Straßenbau (strata), und auch der großen Kunst retteten sich aus der Antike in die spätere Überlieferung. Letzteres geschah wesentlich durch die Kirche. Schon der Kirchenbau geht in seiner Grundform, der Basilika, auf die Antike zurück, und selbst in den eigenartig entwickelten späteren Kirchenstilen, dem romanischen vor allem, ist doch an römische Grundelemente angeknüpft. Aber eben nur die von der Kirche übernommenen Kunstelemente konnten noch wirken, nicht mehr die eigentliche Antike. Ganz treffend weist Dehio darauf hin, wie verständnislos die Barbaren die römischen Baudenkmäler in den Rheinlanden anblickten. Aber immerhin wirkte die antike Kunst auch in der kirchlichen Vermittlung doch eben noch als lebendige, wenn auch beschnittene und verkümmerte Antike, so zuletzt in der karolingischen Renaissance.
In sozialer Beziehung blieben bei der nunmehr sich bildenden Grundherrschaft – die eindringenden Germanen setzten sich von Anfang an als große und kleine Grundherren fest – die Abhängigkeitsverhältnisse der Zinsleute nicht ohne römische Beeinflussung (durch die Domänenwirtschaft und die Übertragungsformen der Precarei [von der Kirche ausgebildet] sowie die eigentliche Kommentation, durch die sich einer in den Schutz eines Mächtigen begab) (s. S. [38] f.). An die römische Immunität knüpfte sich später eine bedeutsame Entwicklung (s. S. [42]). Das Staatswesen, die Verfassung und die Auffassung der öffentlichen Ämter blieben im Grunde germanisch, aber, soweit es die sich immerhin entwickelnden Verhältnisse erforderten, waren römische Einrichtungen doch nicht ganz ohne Einwirkung. Dem entwickelten Finanz- und Steuerwesen waren die Franken, wie ja in Westeuropa nun allgemein ein naturalwirtschaftlicher Rückschlag hereinbrach, nicht gewachsen, aber das später so wichtige Zollwesen behielten sie dauernd. Infolge der Verwendung im öffentlichen Leben vor allem übernahmen sie die römischen Monatsnamen. Die Verwaltung der späteren Zeit zeigt in manchen Dingen Spuren römischen Einflusses, vor allem die Kanzlei. Gewisse Einzelheiten des Beamtenstaats ferner, die man aber auch noch umgestaltete, wurden übernommen (Grafenamt) oder mit germanischen Dienstverrichtungen verknüpft. Das seit der Wanderungszeit viel fester ausgebildete Königtum wurde nun römisch gefärbt, wenn auch sein Grundcharakter, ebenso wie der der fränkischen Verfassung überhaupt, germanisch bleibt. Es wirkte aber die absolutistische Auffassung der Romanen; die Ausübung der Regierungsgewalt ähnelte mehr und mehr dem Wesen des Imperiums, dem man auch gewisse Titel entnahm. Die Salbung und die Insignien wie Zepter und Krone kamen später auch hinzu. Schließlich ist dann der Begriff des universalen Kaisertums selbst wieder aufgetaucht, wohl durch den Einfluß der Kirche, und als eine sehr hochgehaltene Erbschaft von den Germanen dauernd bewahrt worden. Das römische Recht war zu entwickelt und fremdartig, als daß es auf die Germanen übergehen konnte. Das geschah erst im ausgehenden Mittelalter. Die Kirche lebte aber natürlich nach römischem Recht, und in Italien war es überhaupt nicht nur einigermaßen lebendig geblieben, sondern auch weiter entwickelt. Aus dem Strafrecht gingen übrigens das Gefängniswesen (Kerker, Kette) und die Folter früh auf die Franken über. Die entwickelteren Verhältnisse erforderten ferner die Aufzeichnung des heimischen Rechts, d. h. der einzelnen Stammesrechte. Sie erfolgte unzweifelhaft nach römischem Beispiel – wie denn auch die Zeitfolge der Aufzeichnungen der stufenmäßigen Annäherung der Stämme an die höhere Kultur entsprach, von der noch unter Chlodwig (Ende des 5. Jahrhunderts) niedergeschriebenen Lex Salica bis zu der erst unter Karl d. Großen erfolgten Aufzeichnung des friesischen und sächsischen Rechts. Sie erfolgte auch durch lateinisch gebildete Leute und in lateinischer Sprache.
Das war insofern kaum anders möglich, als schreiben noch lange nur lateinisch schreiben bedeutete. Dieses Schriftwesen mit dem damals so wichtigen Urkundenwesen war eine der wichtigsten Kulturerrungenschaften, die die Franken und die späteren Deutschen dem Römertum verdankten, aber es blieb lange ein fremder, bald mit Respekt, bald mit Scheu betrachteter Bestandteil im deutschen Leben, wie die gesamte höhere Bildung und die völlig römisch-romanische Wissenschaft überhaupt. Schrift-, Schul- und Bildungswesen wie die Gelehrsamkeit waren unter gründlicher Minderung des in Gallien erreichten Hochstandes auf den eigentlichen Träger der Romanisierung, auf den Klerus, als Monopole übergegangen und wurden in elementaren Formen weiter überliefert. Der Geistliche pflegte allein die Sprache, die das Mund- und Ausdrucksstück für alle diese höheren Dinge war und die Grundlage aller Bildung und Kultur darstellte, das Latein, das sich freilich immer mehr den neuen Ansprüchen anpaßte und von Klassizität weit entfernte. Da das entwickeltere Leben die Beurkundung so vieler Vorgänge erforderte, wurde der Geistliche als Handhaber der Schrift auch der Beherrscher der weltlichen, der staatlichen Verwaltung, der Kanzlei. Aber das unerhörte Joch dieser fremden Sprache war vor allem deshalb dauernd aufgerichtet, weil sie die Sprache derjenigen Macht war, die als ein fremdes, orientalisches Element schon der Antike siegreich eingefügt war, die nun als durchaus romanisch von vornherein zu dem germanisch gebliebenen Staat wie erst recht zu dem eigentlichen Volksleben im Gegensatz stand, gleichwohl, wenn auch ihrerseits beeinflußt und »barbarisiert«, auf beide einen immer stärker beherrschenden Einfluß ausübte, der christlichen Kirche. Sie war das Gefäß des neuen Glaubens, der freilich schon wie der Steinbau vor der Gründung des Frankenreichs von den Römerstädten am Rhein und in Noricum aus sich ein wenig verbreitet hatte, zum Teil in der Form des Arianismus, wie manche griechische Lehnwörter (Kirche, Engel, Pfingsten, Samstag u. a.) zeigen sollen[4], der nun aber allgemein, wenn auch zunächst nur äußerlich, auf die Franken und Deutschen überging. Seine Verbreiter, die Geistlichen, schon durch ihre römische Tracht vom Volk geschieden, waren überhaupt die Vertreter des fremden Kulturgeistes, der später auch über das zunächst bei seiner Art bleibende deutsche Volk kommen sollte, Erzieher zu höherer Religion und Sittlichkeit, zu geistiger Kultur, ebenso aber Träger antiker künstlerischer Überlieferungen sowie vor allem jener segensreichen wirtschaftlichen Fortschritte und Bereicherungen. Aber diese Geistlichen, anfangs aus Romanen ergänzt, waren schließlich auch Deutsche, und so färbte denn wieder deutsche Volksart auch sie, und man kam miteinander aus.
Bei der Übermittelung der Elemente der höheren Kultur, also bei der Romanisierung, war die Kirche überhaupt sehr bald die eigentlich treibende Kraft geworden, nicht um der Kulturmission selbst, vielmehr um der Ausbreitung des Christentums willen, bei der jene Mitteilung der absichtslos bewahrten Kulturgüter sich ganz von selbst ergab. Das erste ist also immer die Christianisierung, und so haben denn auch die späteren »deutschen« Stämme aus dem Frankenreich von all dem genannten römischen Gut zuerst nur gerade das am wenigsten antike, aber um so mächtigere Element des Christentums übernommen, trotzdem ihrem jugendlich-frischen Geist der starr-fanatische orientalische Gottesglaube, das formalistische, metaphysische Gedankengewand, das ihm der überkultivierte hellenistische Geist in seinem Absterben, die Kulturmüdigkeit des späteren Altertums, gegeben hatte, das hierarchische Organisations- und Machtsystem, das Rom hinzugefügt hatte, geradezu entgegengesetzt waren. Aber wie der Frankenkönig Chlodwig das Christentum wesentlich nur aus äußeren Gründen annahm, so konnte auch die später vom Frankenreich ausgehende Christianisierung der innerdeutschen Stämme nur äußerlich sein. Der langsame äußere Fortgang der Christianisierung bleibe hier beiseite. Unter Karl d. Gr. erreichte sie endlich auch die Sachsen. Auf die Art des Christentums kommen wir im nächsten Kapitel (S. [28] ff.) noch zurück.
Die Christianisierung ist also in ziemlich früher Zeit für das spätere Deutschland äußerlich vollendet, von sonstiger Romanisierung kann man aber noch auf lange hinaus nicht sprechen. Mit Ausnahme gewisser Äußerlichkeiten waren die Stämme eben doch für die höheren Kulturelemente einfach noch unempfänglich. Die Romanisierung machte schon im Osten des eigentlichen Frankenreichs, der selbst ziemlich weit links des Rheines überwiegend germanisch geworden war, nur langsame Fortschritte. Der Hauptteil der Franken blieb überhaupt nicht nur städte-, sondern auch bildungsfeindlich. Es waren Bauern geworden auf eigenen Höfen mit eigenen Äckern, Bauern, die nun auch schon Wein, Obst und Gemüse bauten, aber noch ihre Waffen nicht abgelegt hatten; sie lebten in der Markgenossenschaft als Nachbarn in gemeinsamer, alle bindender Ausübung der Wirtschaft mit gemeinsamen Rechten an der Allmende. Der Sippenverband hatte mit den Zeitverhältnissen freilich schon an Bedeutung verloren, aber fest stand das alte Gefüge der eigentlichen Familie. Schon hatte aber größere soziale Ungleichheit durch vermehrten Besitz, Verleihung von Königsland usw. Platz gegriffen. Schon suchte der neue Adel kleine Leute zu Zinsbauern herabzudrücken, oft mit Gewalt. Andererseits trieben wirtschaftliche Nöte oder Kriegslasten manchen in den Schutz eines Mächtigen oder der Kirche. Eine Sonderung der Stände ist indes noch nicht eingetreten. Von der souveränen Macht der Gesamtheit der Freien ist freilich nicht mehr die Rede: außerordentlich ist die Königsmacht, die auch die Mitwirkung des Volkes im Rechtsleben in gewisser Weise schmälerte[5], gewachsen – sogar über die Befugnisse der alten Volksgemeinde hinaus –, aber auch schon die Macht der Großen. In deren Lebenshaltung ging auch mehr Römisches über als in die der übrigen Franken, die auch in der Tracht trotz einiger Zutaten (dem leinenen Hemd), der Ausbildung des Gürtels und mancher Vervollkommnung germanisch blieben, freilich nicht mehr, wie jetzt nur noch der König, das Haar herabwallen ließen und nur einen Lippenbart trugen. Der Luxus im Gürtelschmuck, in Spangen, Ringen, Halsschmuck, beim Hausrat und bei den Waffen, die Verwendung von Perlen, Edelsteinen, Silber und Gold bleibt auf die Vornehmeren beschränkt. Dergleichen Zierat verstanden aber die Franken bereits selbständig herzustellen; und in der Verzierungsweise bewahrten sie durchaus germanische Eigenart (Flecht- und Verschlingungswerk). Echt volkstümlich war die alte Gelagefreude, war der alte Brauch der Chorgesänge, die Bewahrung der Zauberlieder, war die Freude an epischen Vorträgen. Gerade aus den sturmreichen Zeiten der Völkerwanderung heraus war erst bei den Goten und dann bei den übrigen Stämmen der Heldensang erblüht, getragen von einer Art Sängerstand.