Alles dies gilt wesentlich von den östlichen Franken: die westlichen, die unter einer viel stärkeren romanischen Bevölkerung saßen, haben sehr rasch viel mehr von romanischer Art angenommen, ähnlich den Goten usw. Wenn nun aber von dieser Art schon durch die Zugehörigkeit zum Frankenreiche allmählich vieles auch auf die östlichen Franken überging, so folgten dieser Entwicklung die übrigen östlichen und nördlichen Stämme doch viel, viel langsamer. Anders liegt die Sache naturgemäß nur im Süden, im einstigen Noricum und Raetien, also auch in Teilen, die jetzt die Bayern besetzt hatten. Hier war von der romanisch-keltischen Bevölkerung, trotzdem Odoaker große Teile nach Italien hatte bringen lassen, doch viel sitzen geblieben, so in den »Walchenorten« (mit Walch-, Wal- zusammengesetzte Ortsnamen), so in dem wesentlich von Romanen bewohnten Regensburg, das ganz als römische Stadt weiter bestand. Vieles von der römischen Kultur blieb so ungestört erhalten. In den eigentlichen Alpenländern, in Oberbayern, dem heutigen Tirol und der rätischen Schweiz, steigt der romanische Anteil und damit die romanische Beeinflussung der Lebenshaltung, die sich in manchen Resten (wie in der Sprache) noch heute zeigt. Die Almwirtschaft ist wesentlich romanisch; ebenso trieb man den Weinbau in den Talgegenden in römischer Weise weiter und verbreitete ihn auch nach Norden. Romanische Einflüsse zeigt weiter nördlich überhaupt die Landwirtschaft, aber auch Handwerk und Kunstgewerbe, wie die weiter blühende Waffenindustrie in Regensburg. Römische Münzen liefen noch lange um. Auch in den nunmehrigen Sitzen der Alemannen (Schweizer Vorlande, Schwaben, Baden, Elsaß) wirkte zum Teil die Kultur der einst keltischen, dann romanisierten Bevölkerung einigermaßen nach (vgl. schon oben S. [10]). Diese Alemannen, ein einheitlicher Stamm, wie ihr Recht und wie die nur ihnen eigene Kultur des Dinkels zeigen, kamen den Franken am nächsten, aber waren durchaus die Empfangenden ebenso wie die Bayern. Wieder etwas mehr zurück standen die Thüringer, die im übrigen von den Franken besonders beeinflußt wurden, noch mehr zurück die erst spät dem fränkischen Reich angegliederten Friesen, die trotz ihres frühen Seeverkehrs, ihrer Wollweberei und ihres Tuchhandels, trotz ihrer ständigen Berührung mit den Franken und ihrer frühen Bekanntschaft mit den Erzeugnissen höherer Kultur zäh am Alten hingen, und die Sachsen, die das Gegenbild zur fränkischen Kultur darboten. Auch bei den vorgeschrittensten Stämmen ist aber von einer Romanisierung nicht die Rede. Folgenreich war nur, daß sie alle, die Sachsen unter Trennung von den mit ihnen enger verbundenen, noch länger ihre volle Eigenart bewahrenden Nordgermanen[6], zu einem politischen Ganzen, zunächst gewaltsam, vereinigt und an das jetzige Ausgangsgebiet höherer Kultur angegliedert wurden. Damit waren die Möglichkeiten, die die starken Stammesgegensätze, die wenig beschränkte politische Selbständigkeit z. B. der Bayern, Alemannen usw. und die große kulturelle Verschiedenheit in sich bargen, beseitigt und auch die Grundlage zu einer späteren, zunächst nur christlichen, noch nicht nationalen Kulturgemeinschaft gegeben. Andererseits war ja auch der politische Charakter des Frankenreichs überwiegend germanisch geworden, nur die Kirche stellte das Romanentum dar. Das Werk Karls d. Gr. war dann noch jene Angliederung der Sachsen. Die nunmehr im Frankenreich vereinigten großen Teile germanischer Herkunft konnten freilich auf die Dauer mit den romanischen Teilen im Westen nicht vereinigt bleiben. Aus dem fränkischen Reich und der karolingischen Universalmonarchie, die bald zerfiel, blieb aber die dauernd wirksame Grundanschauung bestehen, daß die später im ostfränkischen, dann im deutschen Reich vereinigten »Barbaren« bezüglich der höheren Kulturelemente auf den romanischen Westen bzw. Süden angewiesen waren.

Bewußt nahm diese Aufgabe der »Kultivierung«, d. h. der Romanisierung Karl d. Gr., der als Ostfranke weit mehr als einst die romanisierten Merowinger seine eigene Zurückgebliebenheit empfand, trotz aller Vorliebe für das germanische Volkstum in Angriff. Die von ihm geförderte Bildungsbewegung, die man nicht ganz treffend als karolingische Renaissance bezeichnet – denn noch war die Antike eine von selbst wirkende Kraft, und es handelt sich um ein letztes Zeichen dieser unmittelbaren Wirkung –, ist insofern besonders geartet, als Karl durch die Verbindung mit Italien wieder auf die reineren Elemente der Antike zurückging. Besser als in Gallien, wo allerdings die Kirche die Reste der verfallenden römischen Bildung rettete, hatte sich diese bei den Angelsachsen gehalten; auf sie, die überhaupt auf die Franken einen bedeutenden kulturellen Einfluß übten, d. h. auf Alkuin stützte sich auch Karl. Aber es war doch eine rein auf der Person des großen Herrschers beruhende, durchaus höfische Bewegung. Und der wichtigste Faktor dieser karolingischen Kulturpolitik war doch die mächtiger gewordene orthodoxe Kirche, die schon Pipin viel zu verdanken hatte und die von Karl äußerlich und innerlich gestärkt, freilich selbst in rein kirchlichen Fragen noch völlig beherrscht wurde. Seine wesentlich formalen Bildungsbestrebungen (Neubelebung des Lateinischen) waren auch durchaus von christlichem Geiste erfüllt und sollten namentlich den Geistlichen zugute kommen. Eben diese christliche Zielsetzung aller Bildungspflege entstammte vor allem dem Geiste Alkuins. Die Kirche sah andererseits, was auch für die spätere Aufnahme des Kaisertums durch die Ottonen, überhaupt für das ganze Mittelalter bestimmend wurde, im fränkischen Reich ihre Stütze, wie ja gerade das Papsttum erst durch die Verbindung mit den »nordischen Barbaren« groß geworden ist, und zugleich das berufene Organ für die Durchführung ihrer Ideen. Karl sah wieder im Christentum das gegebene Mittel, seine Völker zu höherer Gesittung und Bildung zu bringen; seine Schulbestrebungen gehen nur auf christliche Unterweisung aus. Und wenn Karl, dessen »Renaissance«streben später rasch vergessen wurde, gerade durch seinen persönlichen Eifer die kulturelle Betätigung der Kirche förderte, stärkte, ja diese Betätigung ihr als selbstverständliche Aufgabe ein für allemal einprägte, überhaupt die eigenartige Verquickung des Christlichen mit dem Weltlichen im Mittelalter begründete, so kam die Zeit, wo alle höhere Kultivierung und damit eben die Romanisierung allein von der Kirche ausging. Selbst die auf romanische Vorbilder zurückgehende Hebung der wirtschaftlichen Kultur, für die Karl eifrig tätig gewesen war, wenn auch seine vielgerühmten Musterwirtschaftsordnungen im ganzen nur für Westfranken in Betracht kommen, wurde nun wesentlich Sache der Kirche, insbesondere der Klöster, die z. B. von den Agilulfingern in Bayern geradezu wegen der Rodung und Kolonisierung des Wildlandes gefördert wurden. So war es auch mit den romanischen Überlieferungen der äußeren Zivilisation, z. B. mit dem Steinbau. Wesentlich von der Kirche und dem Hofe des Herrschers gerettet, beeinflußten sie zunächst nur die Herrenschicht. Dem Volke blieben diese Dinge noch lange fremd, gingen auch nur sehr langsam auf weitere Kreise über, zu allerletzt die geistigen Kulturgüter. Die spätere Übertragung dieser wie der wirtschaftlichen römischen Kulturgüter sollte, vor allem durch das Klosterwesen, das Werk der Kirche sein, die durch ihren internationalen Charakter, durch ihre römische Spitze ja auch fortwährend innige Berührungen mit dem französischen und italienischen Klerus und so mit den besser erhaltenen antiken Überlieferungen der romanischen Länder hatte, im übrigen aber auf das Volk als Inbegriff alles Höheren einen überwältigenden Einfluß üben mußte.

Fußnoten:

[2] Im übrigen sei auf mein Büchlein: »Germanische Kultur in der Urzeit«, 3. Aufl., verwiesen.

[3] Es sei auf das in dieser Sammlung (Nr. 112) erschienene treffliche Bändchen von H. Dragendorff, Westdeutschland zur Römerzeit, verwiesen.

[4] Vgl. dazu Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur I², S. 87.

[5] Vgl. Steinhausen, Gesch. d. d. Kultur I², S. 84.

[6] Das ist ein wichtiger Vorgang. Bis dahin hängen das skandinavische und das südliche Germanentum noch eng zusammen.

Zweites Kapitel.
Erste Fortschritte deutschen Lebens im Rahmen deutscher Eigenart unter wachsender Führung der Herrenschicht.

(Ländlich-kriegerische Kultur.)