In dem großen fränkischen Reiche war der einstige Gegensatz zwischen »Römern« und fränkischen Barbaren zu einem kulturellen Gegensatz des überwiegend romanischen, kultivierteren Westens (Neustriens) zu dem rückständigeren germanischen Austrasien, dem nun die innerdeutschen Stämme angegliedert waren, geworden. Nationale Gefühle spielten dabei noch nicht mit. Die Germanen selbst empfanden zwar ganz dumpf eine gewisse Verwandtschaft, aber der Franke sah den Sachsen doch keineswegs als Glied eines gemeinsamen Gesamtvolkes an, und die Angliederung und Christianisierung der Sachsen vollzog sich so blutig und grausam, wie später etwa die Sachsen gegen die Slawen vorgingen. Man empfand nur den Gegensatz zwischen Christen und Heiden. Das nationale Moment war auch nicht für die Abtrennung des ostfränkischen, später deutschen Reiches entscheidend: aber es war doch nicht bedeutungslos, daß in ihm sprach- und stammverwandte Völker, wenn auch nur äußerlich, vereinigt und im wesentlichen von den Romanen geschieden waren. Freilich bestand auch ein Sprachgegensatz der Franken zu den Sachsen, die ebenso wie die Friesen und Niederfranken die sogenannte Lautverschiebung nicht mitgemacht hatten, also der für die Zukunft so wichtige Sprach-(überhaupt Kultur)gegensatz zwischen Ober- und Niederdeutschen, aber er wurde doch weniger empfunden als der nun deutlich werdende Sprachunterschied von den Romanen, der bei der Eidesleistung zu Straßburg 842 schon beachtet wurde. Karl der Kahle schwor in teudisca lingua. Von der Volkssprache her kam man denn auch zu der Bezeichnung der »Deutschen«. Das Wort, zuerst 786 vorkommend, bezeichnet zunächst nur den Gegensatz zur lateinischen Sprache. Es bezeichnet die »volkstümliche« (thiudisc) Mundart, zunächst auch nur die des betreffenden Stammes. Als Gesamtname wird »Teutisci«, das Walahfrid Strabo schon 840 für deutschsprechende Leute anwendet, zuerst bei den Romanen, so 845 in einer Trienter Urkunde, gebraucht. Erst im 10. Jahrhundert beginnen die Deutschen in ihrer Gesamtheit sich selbst als »Deutsche« (Teutonici) zu bezeichnen.

Der Ausgangspunkt war also wieder ein kultureller, der Gegensatz der Volkssprache zur lateinischen Kultursprache, des Volkstums zur höheren Kultur. Wie diese Volkssprache sich nicht besiegen läßt, so ist es mit dem ganzen Leben. Das romanische, internationale Kulturelement ist dem deutschen Volke eingefügt; man empfindet seine Übermacht und läßt es in seinem höheren Bereich wirken: aber ebenso bleibt man, für die Aufnahme jener Kultur in weiterem Maße noch gar nicht reif, in Wesen und Art durchaus bei der eigenen Kultur und entwickelt diese, meist nur äußerlich (und zwar besonders im Westen) romanisch beeinflußt, langsam weiter. So wenig gestört und so eigenartig germanisch verlief diese Entwicklung nicht wie im skandinavischen Norden, wo trotz der später auch dahin gelangten christlichen und antiken Einflüsse Poesie und Mythologie eine Welt großartig-gewaltiger Eigenart widerspiegeln. Auf der anderen Seite schloß die Bodenständigkeit der deutschen Stämme ein Erliegen gegenüber der höheren Kultur wie bei den in das römische Reich eingedrungenen Germanen aus. In der Hauptsache müssen wir also für die nun sich kräftig entwickelnden deutschen Stämme von einer eigenen Kultur reden. Die später so bezeichnende Bildungskluft freilich bestand schon. Ein Teil des Volkes, damals der Klerus, lebte in einer ganz anderen Kulturwelt als der andere, so wenig seine Glieder sich von ihrem eigentlichen Volkstum völlig freimachen konnten. Viele Elemente der romanischen Lebensverfeinerung gingen sodann immer stärker auf die Herrenschicht, die sich dadurch wieder in einen Gegensatz zu der unteren Schicht setzte, über; an der höheren Bildung aber nahm auch diese Herrenschicht, abgesehen von ihren weiblichen Gliedern, die meist im Kloster erzogen wurden, nicht teil, dachte und fühlte vielmehr im wesentlichen wie das Volk. So entwickelte sich in der großen Masse der Laien bis etwa zu den Kreuzzügen im wesentlichen alles aus dem Alten heraus, wenn auch der Pfahl im Fleisch saß und der geistige, sittliche, künstlerische, wirtschaftliche Einfluß des Klerus langsam auf eine Erziehung zu höherer Kultur hinwirkte. Freilich war der großen Masse des Volkes gegenüber der Frühzeit vieles genommen. Von einer Mitwirkung im öffentlichen Leben war nicht mehr die Rede; Könige und Herren, gestützt auf die Geistlichen, waren allein ausschlaggebend. Die große Masse beschränkte sich auf ein bäuerliches Dasein, das sich im Rahmen der Markgenossenschaft abspielte. Die Landwirtschaft war auch die Grundlage des Lebens der Herren, freilich mit einem starken Einschlag kriegerischer Interessen. Mit den rasch fest gewordenen Sitzen hatte nach der Völkerwanderung, der letzten großen Störung organischer Fortentwicklung, ein langes Zeitalter des Ausbaus der deutschen Stammesgebiete begonnen, vom 6. Jahrhundert bis zum 13. reichend und vor allem durch gewaltige Rodungen charakterisiert, durch die Erschließung immer neuen Kulturlandes für die immer zunehmende Bevölkerung. Man rodete in der Sucht nach Neuland auch auf solchen Gebieten, die sich zum Ausbau nicht eigneten und daher später wieder zu Wüstungen wurden. Allmählich hielten sich Wildland und Kulturland etwa die Wage, aber die Waldmasse bleibt lange noch stark und schreckend genug. Im übrigen litt der Wald auch unter rücksichtslosester Nutzung (Weide, Holzverbrauch usw.) Von der Bruchlandschaft der Flußtäler blieb das Kulturland noch ziemlich lange fern. Das Gesamtergebnis war aber eine außerordentliche Vermehrung dieses Kulturlandes.

Zunächst hatte nun das junge »deutsche« Leben noch große äußere Fährnisse zu bestehen. Das ostfränkische Reich bedrohten die Normanneneinfälle, weniger freilich als das westfränkische, weiter das Vorfluten der Slawen, die zerstörenden Ungarneinfälle, die vor allem in Bayern auch die Bevölkerung stark mitnahmen. Dazu kam die dauernde Schwächung der Reichsgewalt durch die einst von Karl d. Gr. unterdrückten, jetzt neuerstandenen Stammesherzogtümer. Aus dem Chaos rettete Reich und Volk eigentlich erst die Übertragung der Königswürde an den Sachsenherzog Heinrich. Gerade dadurch wurde der deutsche Charakter von Staat und Kultur erst recht befestigt; von einem ostfränkischen Reich ist nicht mehr die Rede, so sehr auch Hof, Kanzlei und Verwaltung an die fränkische Grundlage anknüpften.

Jenes Übergewicht der Stammesherzöge hängt mit der Bedeutung der Stämme überhaupt zusammen. Die neue deutsche Volkskultur ist zunächst Stammeskultur. Politisch ist weder von einem Nationalbewußtsein noch von einem Einheitsstaat die Rede. Franken und Sachsen, einst gleichsam zwei feindliche Völker, sind nur äußerlich vereinigt. »Das Reich der Sachsen und Franken« hieß jetzt das Reich. So haben auch die fremden Völker des öfteren die mittelalterlichen Deutschen je nach dem Stamm bezeichnet, der ihnen gegenübertrat, als Alemannen (Allemands), als Sachsen (so im Norden), als Schwaben. Der Unterschied der Stämme beruhte zum Teil auf der schon hervorgehobenen Verschiedenheit des Kulturgrades. Im ganzen glichen sie sich freilich in jener einfachen ländlichen Haltung. Überall hatte sich nun der Eigenbesitz des einzelnen völlig durchgesetzt; es herrschte Naturalwirtschaft, und von irgendwie bedeutendem Handel und Verkehr ist noch keine Rede. Aber je weiter nach Westen und auch nach Süden, um so weiter war man. Vom Westen her kamen vor allem, wie schon erwähnt, Obstkultur und Weinbau, von Westen her schritt der Steinbau fort, von dort kamen allerlei Fortschritte und Verfeinerungen des Lebens sowie die von der Kirche gepflegten Elemente geistiger Bildung und künstlerischen Schaffens, kamen die Formen der staatlichen Verwaltung.

Dieses wichtige westliche Vermittlungsgebiet, das neben der materiellen namentlich auch seine geistlich-geistige Kultur dauernd an das Innere Deutschland weitergab, war jetzt in dem künstlich entstandenen Herzogtum Lothringen, das ja zum Teil mehr westfränkischen Charakters war, begriffen; Cöln, Aachen, Trier, Metz gehörten dazu. Dagegen stellte das neugegründete jetzige Herzogtum Franken mit den Hauptorten Mainz, Frankfurt, Worms, Speier sowie Würzburg im Osten nur einen Teil des fränkischen Gebiets dar und war schon mehr von der unmittelbaren Berührung mit dem romanischen Westen abgedrängt. Allmählich machten sich nun aber auch stärkere Beziehungen zu dem italienischen Süden bei den ohnehin z. T. auf altem Römerboden sitzenden Schwaben (Alemannen) und Bayern (s. S. [17]) geltend. Freilich traten die Schwaben zunächst vor den Bayern, die ja schon im ostfränkischen Reich auch eine kräftigere politische Rolle gespielt hatten, zurück. Wichtiger als jener, die spätere Handelsgröße des Südens langsam vorbereitende Verkehr über die Alpen waren aber in dieser Zeit die Beziehungen der Bayern nach Südosten. Die Donau verband sie mit der überragenden Handels- und Kulturstätte Byzanz, und Regensburg gewann besondere Bedeutung. Das Wesentliche war aber natürlich auch in Bayern die ländliche Haltung, und der Stand des Ackerbaus und der Viehzucht wird schon in einer Quelle des 8. Jahrhunderts sehr gerühmt. Die wirtschaftliche Kultur machte auch durch zahlreiche frühzeitige Klostergründungen Fortschritte. Gerade in Bayern bildete sich auch ziemlich früh die große Grundherrschaft aus, während bei den Alemannen die Siedelungen vollfreier Bauern weit länger vorherrschen. Immerhin sind es neben den noch zu nennenden Sachsen gerade die Bayern, die ihre volkstümliche Eigenart am meisten bewahren, trotzdem sie z. T. früh von der römischen Kultur beeinflußt sind. Aus Sachsen und Bayern stammt, wie Vogt hervorgehoben hat, unser Besitz an deutscher Alliterationsdichtung, bei Sachsen und Bayern-Österreichern lebt in der mittelhochdeutschen Zeit die alte nationale Epik wieder auf. Es ist daher auch nicht wunderbar, daß den Westdeutschen wie die Sachsen, so auch die Bayern später als rückständig galten. Selbst ein Bayer, Wolfram von Eschenbach, hat ironisch den »Preis« (»Lob«) der Bayern einmal auch den »Wâleisen« zuerteilt: »die sind toerscher (noch einfältiger) denne beiersch her.« In unserem Zeitalter lebten auch große Teile namentlich der nördlichen Bayern in sehr einfachen Verhältnissen. Dasselbe gilt von den Schwaben im Schwarzwald und anderswo, während im Bodenseegebiet und im Westen (Straßburg) wie auch im Osten (Augsburg) sich alte Kulturstätten befanden. Erst viel später sollten die Schwaben in politischer wie in kultureller Beziehung eine Zeitlang an die Spitze der Stämme treten. Ziemlich primitiv waren sodann die Zustände der mitteldeutschen Stämme der Hessen und der Thüringer, von denen jene, mit diesen zum Teil gemischt und am wenigsten von den Stürmen der Völkerwanderung berührt, einen Teil des fränkischen Herzogtums bildeten, diese aber jetzt zu dem sächsischen, dem größten und eigenständigsten aller, gehörten. Die Sachsen hatten immerhin trotz ihrer zähkonservativen Art, mit der sie die früheren Zustände bis ins 9. Jahrhundert bewahrten, einige Fortschritte gemacht. In fränkischer Zeit hatten sie auch äußerlich in ihrer weiten Leinentracht mit dem langwallenden Haar noch der Frühzeit nahegestanden, hatten ohne Könige unter einer alten Führeraristokratie ziemlich zersplittert und nur durch den Kult zusammengehalten gelebt, treu der alten Sitte und trotz der (nur äußeren) Christianisierung treu dem alten Glauben an Wotan und Donar und Saxnot, überaus stolz und unbändig. Römerreste, Städte und Castelle, gab es im Lande nicht. Ihre großen Fluchtburgen waren besonders eigenartig ausgebildet. Der Ackerbau hatte seit germanischer Zeit nicht allzugroße Fortschritte gemacht, die Viehzucht war noch vielfach bevorzugt. Vom Meer waren sie, seit Karl d. Gr. ganze Stämme aus ihren Küstensitzen fortgeführt hatte, fast ganz abgedrängt. Das Herzogtum, das sich bei ihnen über jene Aristokratie erhoben hatte, war durchaus bodenständig und kraftvoll. Aber es war ein besonders begabter Stamm, und als die Berührung mit der fränkischen Kultur lebhafter wurde, vor allem jedoch, als die deutsche Königswürde an die Sachsenherzöge überging, da erblühte in diesen sächsischen Landen eine nicht zu verachtende Kultur, die indes weit mehr als die des Westens durchaus jenen eigenständigen Charakter, freilich auch eine gewisse Spröde und Herbheit bewahrte. Ja, diese sächsische Frühkultur wurde nun vielfach maßgebend für den jetzt feindlich gesinnten germanischen Norden; vor allem aber trat sie, wie die bayerische in der südlichen Ostmark, den Slawen überlegen entgegen und beeinflußte sie. Weitaus am rückständigsten von den deutschen Stämmen waren die Friesen, die jetzt fast die ganze Küste der Nordsee besetzt hatten und zum Teil in ihrem alten kühnen Seefahrer- und Strandräuberleben aufgingen – schon im 9. Jahrhundert waren sie zu gut gebauten, hochbordigen Segelschiffen (Koggen) ohne Rudereinrichtung gekommen –, die aber auch als Bauern ihre Unabhängigkeit und Freiheit gegenüber der im Binnenlande immer auffälligeren Herabdrückung der Freien durch die Grundherrschaft tapfer aufrechterhielten. Es war ein rohes und trotziges Volk, das sich um die Kirche nicht viel und immer weniger auch um das Reich kümmerte. Die Friesen standen noch viel später in bösem Rufe. Der westliche Teil hatte sich freilich früh über das rein ländliche Dasein erhoben. Diese Friesen verhandelten die selbsthergestellten groben und die feineren englischen Tuche weit in die Lande, trieben daneben auch früh sonstigen Handel, z. B. Weinhandel. Vermittler mit England, aber auch mit Skandinavien, gingen sie ihrerseits den Rhein hinauf und sonst in die aufkommenden westdeutschen Städte, wo es zum Teil besondere Friesenviertel gab.

Es sind nun nicht nur die kulturellen Unterschiede, die die wichtige Verschiedenheit der einzelnen Stämme ausmachen: es ist auch eine besondere Art und Veranlagung, die aus langem Zusammenleben anfangs nur äußerlich vereinigter Gruppen entsteht, aber auch an Himmel und Boden gebunden und aus dem Urgrund des Volkstums entsprungen ist (vgl. S. [1]). Die Verschiedenheit der äußeren wirtschaftlichen Verhältnisse (Viehzucht, Besitzformen), weiter der Landschaft, des Bodens, der Stammesart, auch z. T. römische Beeinflussung bringen dann die Mannigfaltigkeit der später zäh festgehaltenen Haustypen hervor, die hier nicht im einzelnen besprochen werden können und deren Ausbildung etwa in unser Zeitalter (10./11. Jahrh.) fällt. Sie sind gewissermaßen das äußere Hauptmerkmal der gerade damals so wichtigen Stammesunterschiede, obwohl die Benennung der Haustypen nach Stämmen mit gutem Recht angefochten wird und die Hausformen durchaus nicht ausschließlich an einen bestimmten Stamm gebunden sind.

Diese Stammesunterschiede, namentlich bezüglich der größeren oder geringeren Annäherung an romanisch-fränkische Traditionen, sind nun immer im Auge zu behalten, wenn jetzt im allgemeinen dargelegt werden soll, daß trotz der erwähnten Einflüsse das nun erblühende deutsche Kulturleben – gerade die äußere Zusammenfassung ergibt, abgesehen von dem überhaupt Gemeinsamen, auch wieder Annäherung und Ausgleich – eine große Eigenart bewahrte. Die Art der Menschen zunächst, die auch physisch noch im wesentlichen den germanischen Typus zeigten, hatte noch immer viel Ursprüngliches, Triebhaftes. Die alte individualistische Unbändigkeit ward freilich mehr und mehr für die Herrenschicht bezeichnend, von deren Unbotmäßigkeit und gegenseitigem ewigen Hader die Geschichte genug Belege gibt. Und mochte es ähnlich in kleinen Kreisen gelegentlich zugehen, so war für die niederen Schichten doch jene Herabdrückung der kleinen Freien ebenso ein beschränkendes Moment wie die Gebundenheit durch den genossenschaftlichen Charakter nicht nur des wirtschaftlichen, sondern auch des sozialen Lebens. Gewalttätige Übergriffe der Herrenschicht gegen die Niederen wurden immer häufiger. Freilich hatte die Gewalttat unter diesen natürlich auch ihre Stätte, und selbst den Herren gegenüber fehlte trotziger Widerstand und Rachedurst nicht. Die Freien trugen alle noch Waffen, auch sonst die besseren Abhängigen, und nur der ganz Niedere mußte sich schon waffenlos ducken. Blutige Szenen waren nirgend selten, namentlich durch die alte Trunksucht hervorgerufen. Auch die Geistlichen verleugneten vielfach solche Züge nicht. Der rohe Barbar, bei dem die natürlichen Leidenschaften zum offenen Ausdruck kommen, ist noch vollkommen erkennbar, im Westen freilich weniger. Der Lothringer urteilte über den Sachsen schon nach Art der Romanen. Wie man sich etwa im geschlechtlichen Leben unbefangen und naturwüchsig gab, so herrschte auch sonst kräftige Derbheit. Ein rauher, fast brutaler Zug ging durch das Dasein. Auf Menschenleben legte man wie früher keinen besonderen Wert, auch auf das eigene nicht. Den persönlichen Feind schlug einer nieder, wo er ihn traf. Man griff noch immer leicht zur Selbsthilfe, kannte auch kaum ein Billigkeitsgefühl. Die unsicheren Zeiten des ostfränkischen Reiches hatten ferner eine starke Neigung zu gewalttätigen Räubereien, namentlich bei den Herren, hervorgerufen. Auch niedere Räuber fuhren zahlreich umher. Hier griff die unter den Sachsen erstarkte Königsgewalt, von der man vor allem eine gesicherte Rechtspflege erwartete, schärfer durch, namentlich unter Otto d. Gr. und Heinrich II., der streng strafte. In den Strafen war man noch grausam wie in der Urzeit, ebenso im Behandeln der Kriegsgefangenen, die man zuweilen erst folterte und dann hinmordete. Solche Wildheit war naturgemäß mit der alten Kampfesfreude eng verbunden, und unbändige Tapferkeit war ein Zug, den die anderen Völker, vor allem die sich überlegen dünkenden Italiener, den Deutschen als hervorstechendsten zugestanden. Nach dem nunmehrigen christlichen Schutzpatron der Kämpfer, dem heiligen Michael, dessen Namen die Mannen im alten Schlachtgesang, ähnlich wie im germanischen Barditus, brüllten, benannte man die Deutschen selbst. Von sonstigen barbarischen Zügen mag die alte, häufig belegte Treulosigkeit hervorgehoben werden, die neben sympathischen Eigenschaften, Treuherzigkeit und Gutmütigkeit, durchaus einherging. Selbstverständlich ist, den noch immer primitiven Verhältnissen entsprechend, die Gastlichkeit, die in weitgehendem Maße nunmehr vor allem auch von den Klöstern geübt wurde.

Wie stand im übrigen eben die Kirche zu diesem von Naturtrieben erfüllten deutschen Menschen? Unzweifelhaft hat sie bereits eine gewisse Milderung des barbarischen Wesens herbeigeführt, zum Teil freilich nur mittelst Formen, die das gewaltige Naturmenschentum auf andere Weise sich übertrieben ausströmen ließen. Aber vorher ist zu fragen: hat das Christentum überhaupt eine innere Umwandlung des deutschen Menschen bewirkt? Schon das oben Angeführte zeigt, daß davon nur in geringem Maße die Rede sein kann. Es ist andererseits eine überaus starke Beeinflussung des geistigen und des Gemütslebens ganz selbstverständlich, ohne daß jedoch alte, tiefgewurzelte Vorstellungen und Gemütsregungen vernichtet wurden. Es kam vielmehr zu einer ganz eigenartigen Mischung, ohne die wir das ganze spätere Geistesleben des Volkes nicht verstehen können. Wenn noch im Italien der Renaissancezeit das antike Heidentum innerhalb der katholischen Kirche in allerlei mehr oder weniger abergläubischen Formen und Auffassungen fortlebte, wenn man dasselbe noch zum Teil von der heutigen Volksreligion im romanischen Süden sagen kann, so wird man nicht erwarten dürfen, daß die Christianisierung der deutschen Stämme die wirkliche Annahme eines Glaubens, für den jene noch lange nicht reif waren, bedeutete. Das erwartete die Kirche damals selbst nicht. Getreu der Anweisung Gregors d. Gr. an einen Missionar der Angelsachsen begnügte man sich vielfach mit einer christlichen Verbrämung heidnischer Bräuche, mit einer äußerlichen Umwandlung alter Kultstätten in christliche Gotteshäuser, der Verquickung heidnischer Naturfeste mit christlichen Festen, der Göttergestalten mit christlichen Heiligen. Man darf in solcher Gleichsetzung freilich nicht zu weit gehen. Dem alten Volksglauben an Seelen und Dämonen, deren schädigende Macht man durch Zauberspruch und Opfer bannen oder zum Heil, zur Wohltat wenden könne, kam ferner der schon von der fränkischen Kirche ausgebildete Wunderglaube und Heiligenkult geradezu entgegen und hatte die Heiligen schon damals volkstümlich gemacht. So sah man auch jetzt im Gebet, im Bekreuzigen, im Besprengen mit Weihwasser treffliche Zaubermittel. Die Wundersucht zeigt jetzt natürlich eine rein kirchliche Beeinflussung in Anlehnung an die biblischen Wundererzählungen: zugleich nimmt sie außerordentlichen Umfang an. Die Tätigkeit der Heiligen wird in der Hauptsache als Wundertun insbesondere zur Heilung der Gebrechen und Krankheiten aufgefaßt, ihre Reliquien dienen nur diesem Zweck. Dabei erhalten die Wundergeschichten einen jugendlich rohen, stark übertriebenen Charakter. Die Geistlichen förderten die ganze Sache, trieben den bösen Dämon aus, suchten durch Handauflegen und Gebet eine Heilwirkung zu erzielen, priesen die geschehenen Wunder der Reliquien usw. Wenn aber die Kirche andererseits streng ein Abschwören der heidnischen Götter verlangte, ja diese mit dem Schimmer des Bösen, des Teuflischen umgab, so blieb in Sinn und Brauch des Volkes doch noch lange Zeit vieles auch von dem Heidentum bewahrt, das die Kirche nicht verchristlicht hatte oder sonst nicht duldete. Man ersetzte auch wohl in einem alten Zauberspruch Götternamen durch Christus oder Maria, bewahrte aber ebenso oft entstellt auch jene Namen (z. B. Wodan). Freilich brachte jene Verfluchung das Scheuverborgene, Unheimlich-Düstere in den nicht christlich verbrämten alten Volksglauben, und wer den christlichen Zauber nicht kräftig genug erachtete – trotzdem im ganzen eben der Zauber des neuen Gottes und seiner Heiligen in den Augen des Volkes die Kraft der alten Gestalten übertraf –, der begab sich heimlich nächtlich zu den Bewahrern oder, man denke an die weisen Frauen der Germanen, den greisen Bewahrerinnen heidnischen Zaubergutes, die die Kirche nun ihrerseits heftig verfolgte und grausam strafte. Manche wieder machten gerade diese heidnischen Zauberer für Schädigungen und Übel verantwortlich und feindeten sie, ganz im Sinne der Kirche, obwohl diese solchen Glauben verwarf, ingrimmig an. Im übrigen herrschte ja bereits in vorchristlicher Zeit der Glaube an zauberisch schädigende Menschen (Weiber), und man verbrannte sie schon damals. Umgekehrt ging wieder auf den Geistlichen der Nimbus des mit geheimnisvollen Kräften Begabten über, und ebenso ist es im Grunde das Vertrauen auf die Zauberkraft der Kirche, wenn man ihr Schenkungen machte, d. h. opferte. Diese Opferung erweiterte sich jetzt vor allem zur Hingabe von Landbesitz, der eigentlichen Machtquelle jener Zeit. Dazu trieb nun aber jetzt besonders auch der neue Gedanke an das Jenseits. Man stimmte die dämonische Macht nicht nur wie einst für das irdische Leben günstig, bannte Schädigungen usw., man erkaufte sich auch den Himmel. Der Sporn dazu war die von der Kirche als wirksames Mittel namentlich später benutzte Sorge um das Seelenheil, die Furcht vor der Verdammnis, die andererseits die noch zu schildernde aufgeregte, zum Teil krankhafte Stimmung der Zeit mächtig förderte.

So war also die Christianisierung zunächst kein so ungeheures Erlebnis der Deutschen, vielmehr blieb dabei wieder die alte Eigenart zum guten Teil bewahrt. Wenn nun weiter die Geschichte des Heilandes den von jeher auf das Hören alter Geschichten erpichten Deutschen in einfachen Formen erzählt wurde, so fesselte sie solche Rede sicherlich. Aber ihrem Geschmack entsprach sie nicht: da wurde nicht von Helden aus edlem Geschlecht gesagt, nicht von kriegerischen Taten, rauher Härte und ruhmvollem Ende, sondern von Menschenliebe, von demütiger Ergebung und Duldung und ungerächtem, bitterem Leidenstod. Aber man machte wohl durch manche Zutaten diese Kost schmackhafter. Davon zeugen die von Geistlichen getragenen ersten dichterischen Gestaltungen des Lebens Christi in deutscher Sprache, Otfrieds Dichtung und der niedersächsische Heliand, in denen deutlich nationale Töne anklingen, kriegerischer Geist noch lebendig ist. Aber selbst diese Dichtungen entsprachen nur dem Verständnis der schon mehr geistlich geschulten Deutschen, nicht etwa dem der Masse überhaupt. Auch Heiligenlegenden wurden wohl also zugestutzt, die Heiligen selbst gewannen zum Teil in der Vorstellung des Volkes das Ansehen von Helden und wurden so, wie St. Michael und St. Georg, Lieblingsgestalten des Volkes.

Daß die Kirche nun überhaupt ihre Macht im Volke immer mehr befestigte, das lag an ihrer praktischen Wirksamkeit, an ihrem fördernden Einfluß in wirtschaftlicher Beziehung, an ihrem humanitären Charakter, an ihrer Fürsorge für die Armen, der Organisation der Krankenpflege, an dem Schutz, den sie Bedrängten lieh, der größeren Wertung des Menschenlebens, an der Zurückdrängung der Todesstrafe wie der Sklaverei u. a. Ebenso festigten natürlich der äußere Pomp, das feierliche Drum und Dran das Ansehen der Kirche, deren Machtgeheimnis aber vor allem ihre feste Organisation und die unbeirrbare Folgerichtigkeit ihres Vorgehens waren. So konnte von einem Widerstand gegen die eigentliche Lehre, deren Elemente namentlich seit Karls d. Gr. »volkserzieherischen«, d. h. lediglich christianisierenden Bestrebungen auch weiter in die Masse gedrungen waren, um so weniger die Rede sein, als das Dogma und dogmatische Erörterungen damals und später eine sehr geringe Rolle spielten. Man nahm die Lehre gläubig hin, unklar aufgenommen oder unverstanden. Eine selbständige Erfassung derselben war ausgeschlossen. Praktisch sie zu betätigen, daran dachte man wenig, wie ja noch heute. Aber die Kirche hatte im Zusammenhang mit ihrer auf eine hohe Kulturstufe gegründeten Sittenlehre, überhaupt ihren kulturellen Überlieferungen noch jene andere, kulturgeschichtlich sehr wichtige und in der Verbindung von Sittlichkeit und Religion ganz neue Aufgabe, die Sittigung des noch immer wenig gebändigten, halbbarbarischen Menschen. Und mit dieser zunächst durch Lehre und Predigt, weiter durch das geistliche Beispiel erstrebten inneren Umwandlung kam der härteste Zusammenstoß mit der nationalen Eigenart. Hier griff die Kirche auch durch ihre Strafmittel, durch die Kirchenzucht ein. Und wirklich erreichte die Kirche viel, im wesentlichen freilich nur eine gleichmäßige äußerliche Handhabung gewisser Ausdrucksformen für eine im Grunde wenig vorhandene neue Gesinnung. Mit einem gewissen Erfolg bekämpfte sie die Gewalttaten (Mord und Raub) und auch die tiefeingewurzelte Selbsthilfe durch schwere Bußen; sie drängte die Vielweiberei stark zurück, mäßigte etwas die Habgier durch Erziehung zur Opferwilligkeit für die Kirche usw. Vergeblich war ihr Kampf gegen die Trunksucht. Die am meisten ungermanische Forderung der Kirche war die Demut. Hochfahrender Stolz und Leidenschaftlichkeit sollten verschwinden, Heldenruhm und Glanz nichts mehr gelten, Rache am Feinde ein Frevel und Wehrlosigkeit kein Übel sein. Solche Anschauungen konnten unmöglich durchdringen. Aber schon im 10. Jahrhundert begann man bei bestimmten Vorgängen auch außerhalb der geistlichen Kreise Formen gewohnheitsmäßig anzuwenden, die unterwürfige Demut, etwa wenn man Verzeihung oder Hilfe heischte oder Reue zeigte, oft übertrieben ausdrückten. Wichtig ist dabei, daß auf Stufen früher Entwicklung überhaupt alle Empfindung überkräftig ausgedrückt und von lebhaften Gesten begleitet wird, ohne daß eine seelische Erschütterung vorliegt. Man denke an die Klageweiber an der Leiche. So flossen die Tränen damals überaus häufig als stehendes Ausdrucksmittel nicht nur der Geistlichen, auch der hochgemuten Helden. Auch ein Akt der Barmherzigkeit wird von den Tränen des Helfers begleitet. Höchst ausgebildet ist die Sprache der Hände; der Kuß spielt ebenfalls eine große Rolle. Die äußeren Formen haben damals und später eine um so größere Wichtigkeit, als sie das Mittel der »Zucht« waren, als die Wildheit der Menschen durch strenge Beachtung vor allem bestimmter Verkehrsformen gezähmt werden sollte. Aber jene starken Ausdrucksformen zeigen doch immerhin wieder die sonst mühsam bekämpfte jugendliche Leidenschaftlichkeit der Hingabe an eine Sache.