So stehen die Dinge eben, und ich denke, daß wir mit der Kenntnis der Art und des Grades des Einflusses, den die Naturwissenschaft in der Vergangenheit auf die Religion ausgeübt hat, Material genug besitzen werden, um den mutmaßlichen Umfang, den dieser Einfluß in der Zukunft haben wird, beurteilen zu können. Dies will ich zu thun versuchen, indem ich nach allgemeinen Grundsätzen die Grenzen bestimme, innerhalb derer der in Rede stehende Einfluß vorläufig ausgeübt werden kann. Doch um dies zu können, ist es nötig, vorerst die Art und den Grad des Einflusses zu betrachten, den die Naturwissenschaft in der Vergangenheit auf die Religion ausgeübt hat.

Nachdem wir dies vorausgeschickt haben, müssen wir zunächst das Wesen der Naturwissenschaft und der Religion auseinandersetzen. Denn dies ist natürlich der erste Schritt bei einer Untersuchung, welche den thatsächlichen und den möglichen Einfluß dieser beiden Gedankengebiete aufeinander abschätzen soll.

Die Naturwissenschaft ist im wesentlichen ein Gebiet des Denkens, welches sich ausschließlich auf die nächsten Ursachen bezieht. Noch genauer: sie ist ein Gebiet des Denkens, dessen Gegenstand die Erklärung des Naturgeschehens durch die Entdeckung natürlicher (oder nächstliegender) Ursachen ist. Wenn die Naturwissenschaft diese ihre einzig rechtmäßige Domäne zu überschreiten und das Naturgeschehen durch unmittelbare Einwirkung übernatürlicher oder letzter Ursachen zu erklären versucht, dann hat sie aufgehört Naturwissenschaft zu sein und ist ontologische Spekulation geworden. Die Wahrheit dieser Behauptung ist jetzt von allen Naturforschern in praxi anerkannt worden, und Ausdrücke, welche sich auf die letzten Ursachen beziehen, sind aus dem Wörterbuch der Astronomie, Chemie, Geologie, Biologie und selbst der Psychologie verbannt worden.

Auf der anderen Seite ist die Religion ein Gebiet des Denkens, das sich ebenso ausschließlich auf die letzten Ursachen bezieht. Sie ist ein Gebiet des Denkens, das ein selbstbewußtes und intelligentes Wesen zum Gegenstand hat, und dieses wird dabei als persönlicher Gott und als Urquell aller Kausalität betrachtet. Ich bin mir sehr wohl bewußt, daß der Ausdruck „Religion“ seit einigen Jahren häufig in einem Sinn gebraucht worden ist, welcher sich nicht mit dieser Definition deckt; doch dies zeigt nur, wie oft dieser Ausdruck mißbraucht worden ist. Irgend eine Theorie der Dinge Religion zu nennen, obwohl sie gar keinen Glauben an eine Gottheit enthält, das heißt das Wort in ganz entgegengesetztem Sinne wie bisher gebrauchen. Von Religion des Unerkennbaren, von Religion des Kosmos, von Religion der Humanität u. s. w. sprechen, wobei die Persönlichkeit der letzten Ursache nicht anerkannt wird, das ist ebenso unverständig, als wenn man von der Liebe eines Dreiecks oder von der Vernunft des Äquators sprechen wollte; denn wenn man diesen Ausdrücken überhaupt irgend einen Sinn abgewinnen will, so müssen sie im metaphorischen Sinn gebraucht werden. Wir können ja z. B. sagen, daß es so etwas wie eine Religion der Humanität giebt, in dem wir die Humanität zuerst in unserer Wertschätzung vergöttlichen und dann dieses unser Ideal anbeten. Aber wenn wir auf diese Weise der Humanität den Namen der Gottheit beilegen, so schaffen wir darum doch keine neue Religion; wir gebrauchen damit bloß eine Metapher, welche als poetische Diktion mehr oder weniger Erfolg haben mag, die aber sicherlich als philosophischer Satz keinen Pfifferling wert ist. Ja, sie ist in dieser Beziehung noch schlimmer als wertlos: sie ist irreleitend. Veränderungen oder Umkehrungen der Bedeutung von Wörtern kommen nicht selten bei der Entwicklung der Sprache vor, aber nicht häufig wird, und so in diesem Fall, der ganze Sinn des Ausdrucks absichtlich und willkürlich von den Vertretern der Philosophie abgeändert. Humanität z. B. ist ein abstrakter Begriff, den wir selbst gebildet haben, Humanität existiert objektiv ebenso wenig wie der Äquator. Wenn es daher möglich wäre eine Religion durch diesen sonderbaren Kunstgriff zu konstruieren, indem man der Humanität metaphorisch die Attribute der Gottheit zuschreibt, so würde es logisch ebensogut möglich sein, eine Theorie brüderlicher Liebe zum Äquator zu konstruieren, indem man diesem metaphorisch menschliche Attribute zuschreibt.

Das charakteristische Merkmal irgend einer Theorie, welche man berechtigter Weise als Religion bezeichnen könnte, ist, daß sie sich auf den letzten Ursprung aller Dinge bezieht und daß sie diesen Ursprung als ein objektives und intelligentes und persönliches Wesen bezeichnet. Den Ausdruck „Religion“ auf irgend eine andere Theorie anwenden, heißt also nur ihn mißbrauchen.

Nach diesen Definitionen scheint es so, als ob sich Ziel und Methode der Naturwissenschaft ausschließlich auf die Bestimmung und Prüfung des zunächstliegenden „Wie?“ der Dinge und der Naturvorgänge richten. Ihre Aufgabe ist, wie Mill sagt, die kleinste Anzahl der Naturthatsachen zu bestimmen, welche die Erscheinungen der Erfahrung erklären kann. Andererseits ist die Religion in keiner Weise mit der Kausalität verbunden, nur daß sie annimmt, daß alle Dinge und alle Ereignisse im letzten Grunde auf eine intellektuelle Persönlichkeit zurückzuführen sind. Spencer sagt, „die Religion ist eine apriorische (außerhalb der Erfahrung liegende) Theorie des Weltalls“ — dem müssen wir noch hinzufügen, eine Theorie, welche eine intelligente Persönlichkeit als schaffenden Ursprung des Weltalls annimmt. Ohne diesen notwendigen Zusatz würde die Religion sich logisch nicht von der Philosophie unterscheiden.

Aus diesen Definitionen geht klar hervor, daß Naturwissenschaft und Religion in ihren reinsten Formen thatsächlich keine logischen Beziehungen haben. Nur wenn die Naturwissenschaft die Bedingungen des Raumes und der Zeit, der gegenseitigen Beziehung der Erscheinungen und aller menschlichen Beschränkungen überschreiten würde, dann nur könnte sie in der Lage sein, die übernatürliche Theorie der Religion zu berühren. Doch es ist offenbar, wenn die Naturwissenschaft dies thäte, so würde sie aufhören Naturwissenschaft zu sein. Indem sie sich über die Region der Naturerscheinungen (Phänomena) erhöbe und in den zarten Äther der Verstandesbegriffe (Noumena) einträte, würden ihre gegenwärtigen Schwingen, die wir ihre Methode nennen, in solcher Atmosphäre nicht mehr zur Bewegung dienen können. Ohne Raum, ohne Zeit und ohne Beziehungen zu den Naturerscheinungen, könnte die Naturwissenschaft nicht länger als solche bestehen.

Andererseits kann auch die Religion in ihrer reinsten Form in gleicher Weise die Naturwissenschaft nicht berühren. Denn die Religion als solche hat, wie wir schon gesehen haben, nichts mit dem Gebiet der Naturerscheinungen zu thun; ihre metaphysische Theorie kann keine Beziehung zu dem „Wie“ der Natur-Kausalität haben. Es ist daher augenscheinlich, daß sich Naturwissenschaft und Religion, weil sie in ihren reinsten und idealsten Formen ganz verschiedenartige Geistesrichtungen sind, nicht gegenseitig in ihr Gebiet einmischen dürfen.

So weit lassen sich diese Bemerkungen in gleicher Weise auf alle Formen der Religion anwenden, sie sei nun eine wirkliche oder nur eine mögliche, wenn sie nur rein ist. Aber es ist notorisch, daß bis vor Kurzem die Religion auf die Naturwissenschaft nicht nur einen Einfluß überhaupt, sondern sogar einen überwältigenden Einfluß ausübte. Da der Glaube an ein göttliches Wirken fast allgemein war, während die Methoden der naturwissenschaftlichen Forschung noch nicht bestimmt formuliert waren, hatten die früheren Generationen die Gewohnheit, jede Naturerscheinung, deren natürliche Ursache noch nicht nachgewiesen war, einer mehr oder minder unmittelbaren Einwirkung der Gottheit zuzuschreiben. Nun wissen wir aber, daß diese geistige Gewohnheit daher kam, daß man noch nicht den wesentlich verschiedenen Charakter der Naturwissenschaft und Religion als (getrennte) Denkgebiete unterscheiden konnte, und nur insofern, als die Religion früherer Zeiten unrein oder mit Gedanken, die der Naturwissenschaft angehören, vermischt war, übte sie jenen verderblichen Einfluß aus. Die allmähliche, nun schon fast völlige Ausscheidung der Endursachen aus dem Gedankengang der Naturforscher, worauf wir schon hingedeutet haben, ist nur ein Ausdruck für die Thatsache, daß die Naturforscher einmütig und ganz und gar dazu gelangt sind, die von mir festgestellten Grundunterschiede zwischen Naturwissenschaft und Religion anzuerkennen.