Kurz nach Christi Tod trat diese Erscheinung, die er voraus gesagt hatte, ein, und zwar, wie es scheint, zum ersten Mal. Sie ist seitdem sicherlich auch weiterhin eingetreten, und sie ist von den Historikern jenem besonderen „Pfingsten“ genannten Zeitpunkt zugeschrieben worden, wobei eine gewaltige Aufregung des Volks entstand, und eine große Zahl von Menschen zum Glauben an Christum gelangten. —
Nehmen wir diese Erzählung nun auch an oder nicht, so ist es doch ganz fraglos, daß die Apostel mit Glauben an die Person und das Amt ihres Meisters erfüllt wurden, und das genügt, um seine Lehre von der Wiedergeburt zu rechtfertigen. —
Bekehrungen.
Augustinus bezeugt, — und andere Kirchenväter thun ähnliches, — daß mit ihm nach seinem 30. Lebensjahre eine plötzliche, andauernde und außerordentliche Wandlung vorgegangen sei, die man Bekehrung[85] nennt. —
Diese Erfahrung hat sich wiederholt und ist durch zahllose Millionen zivilisierter Männer und Frauen aus allen Nationen und auf allen Stufen der Bildung bestätigt worden. Es kommt nicht darauf an, ob diese Bekehrung plötzlich oder allmählich geschieht, obgleich sie als psychologische Erscheinung bemerkenswerter ist, wenn sie plötzlich und ohne Symptome geistiger Störung eintritt. Doch selbst bei allmählichem Wachstum in reiferem Alter ist ihre Beweiskraft nicht geringer (cf. Bunyan u. s. w.).
In allen Fällen ist es aber durchaus keine bloße Änderung des Glaubens oder der Meinung; der springende Punkt ist dabei vielmehr eine mehr oder weniger tiefe Wandlung des Charakters.
Bedenkt man die verwickelte Natur des Charakters, so erkennt man, daß diese Umwandlung keine so einfache sein kann. Wenn sie auch sogenannten natürlichen Ursachen zugeschrieben werden mag, so ist dies doch kein Beweis gegen ihren sogenannten übernatürlichen Ursprung, wenn wir nicht die ganze Frage nach dem Göttlichen in der Natur von vornherein bejahen. Für reine Agnostiker liegt der Beweis für die Realität der Wiedergeburt und der Bekehrung in der Menge dieser psychologischen Erscheinungen, die kurz nach Christi Tod eintraten, ferner darin, daß sie sich seitdem wiederholten und darin, daß sie überall in der Welt in derselben Weise auftreten u. s. w.
Christentum und Leiden.
Das Christentum ist von seinem Ursprung im Judentum her ganz und gar eine Religion der Aufopferung und der Trübsal. Es ist eine Religion des Blutes und der Thränen und dennoch der tiefsten Glückseligkeit für seine Anhänger gewesen. Dieser scheinbare Gegensatz entspringt aus der Tiefe des Christentums und aus der Vereinigung dieser scheinbar entgegengesetzten Wurzeln in der Liebe. Mit diesen scheinbar entgegengesetzten Eigenschaften ist es ganz und gar und je länger je mehr eine Religion — oder besser die Religion — der Liebe gewesen. Wahrscheinlich können nur diejenigen, deren Charakter durch die in dieser Religion gewonnene Erfahrung vertieft worden ist, diesen Widerspruch geistig lösen. —
Fakirs hängen sich auf, Heiden zerschneiden sich selbst und sogar ihre Kinder, opfern Gefangene u. s. w., um teuflische Götter zu versöhnen. Die jüdische und christliche Auffassung des Opfers ist ohne Zweifel ein Überbleibsel dieser Auffassung der Gottheit, was durch natürliche Kausalität bewirkt ist. Doch ist dies kein Beweis dagegen, daß die höhere Auffassung der Gottheit die ist, [wie sie der christliche Glaube darstellt,] denn angenommen, daß die höhere Auffassung die wahre ist, dann würden die früheren Ideale den früheren niedrigeren Offenbarungen entsprungen sein, und das würde mit der entwicklungsgeschichtlichen Methode der Offenbarung, welche wir unten erörtern werden,[86] übereinstimmen.