Aber das Christentum ist, wie gesagt, mit seinen Wurzeln im Judentum, die Religion der Trübsal par excellence, weil es zu den wahrsten und tiefsten Gründen unsrer geistlichen Natur hinabreicht und daher sowohl für jene Trübsal wie für jene Freude Verständnis hat, welche sicherlich nur im zivilisierten Menschen vorhanden ist. Ich meine die Trübsale und Freuden eines vollentwickelten geistlichen Lebens — so wie sie sich bei den Juden wunderbar früh entwickelt haben und wie sie im allgemeinen in der ganzen Christenheit verbreitet sind. Kurz, es sind jene Trübsale und Freuden, die aus dem voll entwickelten Bewußtsein der Sünde gegen einen Gott der Liebe entstehen, zum Unterschied von dem Gedanken einer notwendigen Aussöhnung mit bösen Geistern. Diese Freuden und Trübsale sind rein geistlich, nicht nur physisch, und sie gipfeln in dem Ausruf: „Du hast nicht Lust zum Opfer ...... Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist.“[87]

Ich stimme mit Pascal[88] darin überein, daß man thatsächlich nichts gewinnt, wenn man nur ein Theist und noch kein Christ ist. Unitarismus ist nur die Sache des Verstandes — eine bloße abstrakte Theorie des Geistes und hat nichts mit dem Herzen oder den wirklichen Bedürfnissen der Menschheit zu thun. Nur wenn man das neue Testament nimmt, einige Blätter, welche von der Gottheit Christi handeln, herausreißt, und allem andern beistimmt, so kann ein darauf aufgebautes System möglicherweise die Basis einer persönlichen Religion werden.

Wenn es einen Gott giebt, dann scheint es wahrscheinlicher zu sein, daß er sich offenbart, als daß er dies nicht thun sollte.

Die Frauen sind in allen Ländern dem Christentum viel mehr zugethan als die Männer. Ich denke, die wissenschaftliche Erklärung dafür findet sich in den Gründen, welche ich in meiner Abhandlung „Die geistigen Unterschiede zwischen Mann und Weib“ angegeben habe. Aber wenn man das Christentum für wahr hält, dann giebt es natürlich eine tiefer eindringende Erklärung religiöser Art — wie in allen Fällen, wo es sich um Ursächlichkeit handelt. In diesem Falle zweifle ich nicht, daß die wichtigste Erklärung darin liegen möchte, daß die Leidenschaftlichkeit der Frauen weniger heftig ist als die der Männer und daß sie durch die sozialen Lebensbedingungen auch mehr zurückgehalten wird. Das bezieht sich nicht allein auf Sittenreinheit, sondern ebenso sehr auf die meisten anderen psychologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, wie Ehrgeiz, Selbstsucht, Verlangen nach Macht u. s. w. Kurz, das ganze Ideal christlicher Ethik entspricht mehr dem weiblichen als dem männlichen Charakter.[89] Nun widerspricht nichts dem christlichen Glauben so sehr wie ein unchristlicher Lebenswandel. Das ist besonders bezüglich der Unkeuschheit der Fall; mag man dies nun aus religiösen oder nichtreligiösen Gründen erklären, jedenfalls ist es doch mehr auf den Unglauben als auf die spekulative Vernunft zurückzuführen. Das Weib ist folglich aus allen diesen Gründen geeigneter, den christlichen Glauben aufzunehmen und sich zu erhalten.

Der moderne Agnostizismus erweist dem christlichen Glauben diesen großen Dienst: er bringt allen vernunftmäßigen Skeptizismus aprioristischer Art zum Schweigen, und das um so mehr, je reiner er ist. Jeder folgenden Generation muß es daher in Zukunft durch logisches Denken immer klarer werden, daß alle aprioristischen Einwürfe gegen das Christentum, die sich auf die Vernunft allein gründen, ipso facto nichtig sind. Die stärksten Einwürfe gegen das Christentum sind nun aber von jeher aprioristische gewesen. Daher ist der Einfluß des modernen Denkens derart, daß er mehr und mehr rein spekulative Schwierigkeiten, wie z. B. die Menschwerdung u. s. w. verringert. Die Richtigkeit des Butlerschen Ausspruchs,[90] daß wir keine kompetenten Richter sind, stellt sich also mehr und mehr heraus.

Die logische Entwicklung hierfür liegt in der schon angeführten Anschauung über die natürliche Kausalität. Denn ebenso wie der reine Agnostizismus zugeben muß, daß die Vernunft inkompetent ist, um a priori für oder wider die christlichen Wunder, die Menschwerdung mit inbegriffen, abzuurteilen; so muß er auch weiterhin zugeben, daß die Vernunft, wenn die Wunder jemals stattfanden, nichts dagegen sagen kann, daß sie mit der allgemeinen Kausalität im Zusammenhang stehen. Soweit daher die Vernunft dabei beteiligt ist, muß der reine Agnostizismus zugeben, daß hier nur der endgültige Ausgang beweisen kann, ob das Christentum wahr ist oder nicht. „Ist es von Gott, so können wir es nicht ausrotten, auf daß wir nicht erfunden werden, als die wider Gott kämpfen.“ Aber der Einzelne kann nicht auf diese empirische Entscheidung warten, was soll er also thun? Die unbeeinflußte und unbefangene Antwort des reinen Agnostizismus sollte vernünftigermaßen in dem Wort von John Hunter liegen: „Denke nicht, sondern versuche es!“ d. h. in unserem Fall, versuche das einzige Experiment, das hier helfen kann: das Experiment des Glaubens. Folge der Lehre und wenn das Christentum wahr ist, so wird der Wahrheitsbeweis nicht ausbleiben; freilich nicht mittelbar durch irgend eine Anwendung der spekulativen Vernunft, sondern unmittelbar durch geistliche Anschauung. Nur wenn ein Mensch Glauben genug hat, um diesen Versuch ehrlich zu machen, wird er auch in der rechten Verfassung sein, um über den Erfolg zu entscheiden. So betrachtet würde das Experiment des Glaubens nicht als ein Narrenexperiment erscheinen, sondern im Gegenteil, da genug prima facie Gründe vorliegen, um ernste Aufmerksamkeit zu erregen, so würde solch ein Experiment eine von der Vernunft geforderte Pflicht jedes reinen Agnostikers sein.

Es ist eine Thatsache, daß der christliche Glaube viel mehr aus einem Handeln als einem Denken entspringt, wie das Neue Testament es vorhersagt: Joh. 7, 17: „So jemand will des Willen thun, der wird inne werden, ob diese Lehre von Gott sei, oder ob ich von mir selbst rede.“ Und wahrlich, selbst aus Gründen der Vernunft sollte zugegeben werden, daß das Christentum, wenn es von Gott ist, sich mehr an die geistliche als an die vernunftmäßige Seite unserer Natur wenden muß.

Selbst innerhalb des Gebiets der reinen Vernunft (oder des prima facie-Falls) hat die moderne Wissenschaft in der Kritik des Neuen Testaments sicherlich mehr für als gegen das Christentum gearbeitet. Denn nachdem sich die bedeutensten Gelehrten ein halbes Jahrhundert um die Texte gestritten haben, ist die Zeit der Abfassung der Evangelien als innerhalb des ersten Jahrhunderts liegend und für wenigstens 4 Paulinische Briefe die Echtheit über alle Zweifel festgestellt worden. Das genügt, um die ganze Kritik des 18. Jahrhunderts zu vernichten, welche die geschichtliche Existenz Christi und seiner Apostel „als Erfindungen der Priester“ u. s. w. bezweifelte. Das war die schlimmste Kritik, die je geübt wurde. Die historischen Thatsachen können nicht länger bezweifelt werden, ausgenommen die Wunder; die letzteren aber werden von der negativen Kritik aus lediglich aprioristischen Gründen ausgeschieden. Dieser nun noch verbleibende — und ex hypothesi notwendige Zweifel — hat eine von der anderen ganz verschiedene Bedeutung.

Um den Glauben der Zeitgenossen Christi zu zeigen, genügt es andererseits, daß die Echtheit der Paulinischen Episteln nachgewiesen ist.