Mein Kopf richtete sich auf und ein Hoffnungsstrahl leitete mich noch immer. Ich fühlte in mir die Kraft zu beten und genoß sie mit Entzücken.
Ich erkundigte mich nicht einmal nach dem Namen des Toten, dessen Sarg ich gefolgt war. Der Friedhof den ich betreten hatte, war mir in vieler Hinsicht heilig. Drei Verwandte meiner mütterlichen Familie waren hier begraben; aber ich konnte nicht zum Beten auf ihre Gräber gehen, denn sie waren vor mehreren Jahren in ein entferntes Land an den Ort ihrer Herkunft geschafft worden. — Lange suchte ich das Grab Aurelias und konnte es nicht wiederfinden. Die Einteilung des Friedhofs hatte sich verändert, — vielleicht hatte sich auch mein Gedächtnis verirrt . . . . Es kam mir vor, als ob dieser Zufall, dieses Vergessen, meine Verdammnis noch vergrößerten. — Ich wagte nicht, den Wächtern den Namen einer Toten zu nennen, auf die ich religiös kein Recht hatte . . . . Aber ich erinnerte mich, daß ich zu Hause die genaue Angabe des Grabes aufbewahrte und ich lief mit klopfendem Herzen hin; ich hatte den Kopf verloren; ich sagte es schon; ich hatte meine Liebe mit wunderlichem Aberglauben umgeben. — In einer kleinen Schatulle, die IHR
gehört hatte, bewahrte ich ihren letzten Brief auf. Soll ich noch gestehen, daß ich aus dieser Schatulle eine Art Reliquienschrein gemacht hatte, der mich an lange Reisen erinnerte, wo der Gedanke an SIE mich begleitet hatte: eine in den Gärten von Schubrah gepflückte Rose, ein aus Ägypten mitgebrachtes Stückchen Band, im Fluß von Beirut gepflückte Lorbeerblätter, zwei kleine, vergoldete Kristalle, Mosaiken aus der Hagia Sophia, eine Perle aus einem Rosenkranz und was weiß ich noch? . . . endlich das Papier, welches man mir am Tag wo man ihr Grab ausschaufelte, gegeben hatte, damit ich es wiederfinden könne. Ich errötete, ich zitterte, als ich diese tolle Ansammlung zerstreute. Ich steckte die zwei Papiere ein, und im Augenblick, wo ich mich aufs neue nach dem Friedhof begeben wollte, änderte ich meinen Entschluß. — »Nein,« sagte ich mir, »ich bin nicht wert, auf dem Grab einer Christin zu knien; fügen wir nicht eine Entweihung zu so vielen andern.« Und um den Sturm, der in meinem Kopf tobte, zu besänftigen, begab ich mich einige Meilen außerhalb von Paris in eine kleine Stadt, wo ich in meiner Jugendzeit einige glückliche Tage bei alten Verwandten, die inzwischen verstorben waren, verbracht hatte. Ich wäre oft gern dahin zurückgekommen, um die Sonne bei ihrem Hause untergehen zu sehen. Es war dort eine von Linden beschattete Terrasse, die in mir auch die Erinnerung an verwandte junge Mädchen wachrief, zwischen denen ich aufgewachsen war. Eine von ihnen . . .
Aber wie hatte ich nur daran denken können, diese unbestimmte Kindheitsliebe der gegenüber zu stellen, die meine
Jugend verschlungen hat? Ich sah die Sonne sich über das Tal neigen, das sich mit Nebeln und Schatten erfüllte; sie verschwand und badete die Gipfel der Wälder, die die hohen Hügel krönten, in rötlichen Feuern.
Die düsterste Traurigkeit zog in mein Herz. Ich ging zum Schlafen in eine Herberge, wo ich bekannt war. Der Wirt sprach mir von einem meiner alten Freunde, der in der Stadt wohnte und der sich infolge von unglücklichen Spekulationen mit einem Pistolenschuß getötet hatte . . . . Der Schlaf brachte mir furchtbare Träume. Ich habe mir ein verworrenes Andenken daran bewahrt. — Ich befand mich in einem unbekannten Saal und sprach mit jemand aus der Außenwelt, — vielleicht mit dem Freund, von dem ich eben gesprochen habe. Ein sehr hoher Spiegel befand sich hinter uns. Als ich ganz zufällig einen Blick hineinwarf, glaubte ich A*** zu erkennen. Sie schien traurig und nachdenklich zu sein und plötzlich, sei es, daß sie aus dem Spiegel heraustrat, sei es, daß sie, als sie einen Augenblick vorher durch den Saal ging, reflektiert wurde, diese sanfte und geliebte Gestalt befand sich neben mir. Sie reichte mir die Hand, ließ einen schmerzlichen Blick über mich gleiten und sagte: »Wir sehen uns später wieder . . . . . im Hause deines Freundes.«
Und einen Augenblick lang stellte ich mir ihre Heirat vor, die Verwünschung, die uns trennte, und ich sagte mir: Ist es möglich? Käme sie zu mir zurück? »Hast du mir vergeben?« frug ich mit Tränen. Aber alles war verschwunden. Ich befand mich an einem öden Ort, auf einer rauhen, von Felsen
besäten Anhöhe mitten im Wald. Ein Haus, das ich zu erkennen meinte, beherrschte dieses trostlose Land. Ich ging und kam auf unentwirrbaren Umwegen zurück. Vom Gehen zwischen Steinen und Dornengebüschen ermüdet, suchte ich mitunter einen sanfteren Weg auf den Fußsteigen des Waldes. — Man erwartet mich da unten! dachte ich; eine bestimmte Stunde schlug. Ich sagte mir: ES IST ZU SPÄT und Stimmen antworteten: SIE IST VERLOREN! Vollkommene Nacht umgab mich, das entfernte Haus glänzte, wie wenn es für ein Fest beleuchtet und voll rechtzeitig angekommener Gäste wäre. — Sie ist verloren! rief ich aus, und warum? . . . . . Ich verstehe, sie hat eine letzte Anstrengung gemacht um mich zu retten — ich habe den äußersten Augenblick verpaßt, wo die Vergebung noch möglich war. Aus Himmelshöhen konnte sie den göttlichen Gatten für mich erbitten . . . . . Doch was liegt an meinem Heil? Der Abgrund hat seine Beute empfangen! Sie ist für mich und für alle verloren! Ich glaubte sie wie unter einem Blitzschein zu sehen, bleich und sterbend
von finstern Reitern fortgezogen . . . . Der Schrei schmerzlicher Wut, den ich in diesem Augenblick ausstieß, ließ mich ganz atemlos erwachen.