der ihm der letzte Augenblick zu sein schien. Wie durch ein Wunder hatte der Schmerz in demselben Augenblick aufgehört. — Was er mir dann erzählte ist unmöglich wiederzugeben: Ein erhabener Traum in den weitesten Räumen der Unendlichkeit, ein Gespräch mit einem Wesen, das gleichzeitig von ihm verschieden war und einen Teil von ihm selbst bildete, das er, da er sich tot glaubte, frug, wo Gott sei. — »Aber Gott ist überall« antwortete ihm sein Geist; »er ist in dir selbst und in allen. Er richtet dich, er hört dich an, er rät dir; du und ich wir denken und träumen zusammen — und wir haben uns nie verlassen und sind ewig.«

Ich kann sonst nichts aus diesem Gespräch anführen, das ich vielleicht schlecht gehört oder schlecht verstanden habe. Ich weiß nur, daß sein Eindruck ein sehr lebhafter war. Ich wage nicht meinem Freund die Folgerung zuzuschreiben, die ich selbst vielleicht fälschlich aus seinen Worten gezogen habe. Ich weiß nicht einmal, ob das Gefühl, das daraus entsteht nicht mit der christlichen Idee übereinstimmend ist.

»Gott ist mit ihm,« rief ich aus, . . . . »aber er ist nicht mehr mit mir! O Unglück! Ich habe ihn von mir gejagt, ich habe ihn bedroht, ich habe ihm geflucht! Er war es gewiß, dieser mystische Bruder, der sich immer mehr und mehr von meiner Seele entfernte und der mich vergeblich benachrichtigte! Dieser bevorzugte Gemahl, dieser König des Ruhms, er richtet und verdammt mich und nimmt auf ewig die mit in seinen Himmel, die er mir gegeben hätte und deren ich hinfort unwürdig bin!«

II.

ICH vermag die Niedergeschlagenheit nicht zu schildern, in welche diese Ideen mich versetzten. »Ich verstehe,« sagte ich mir, »ich habe das Geschöpf dem Schöpfer vorgezogen; ich habe meine Liebe vergöttert und habe nach heidnischen Gebräuchen die angebetet, deren letzter Seufzer Christus geweiht war. Aber wenn diese Religion die Wahrheit sagt, so kann mir Gott noch verzeihen. Er kann sie mir zurückgeben, wenn ich mich vor ihm demütige. Vielleicht kommt ihr Geist wieder in mich zurück!«

— Ich irrte erfüllt von diesem Gedanken aufs Geratewohl in den Gassen umher. Ein Leichenzug kreuzte meinen Weg; er richtete sich nach dem Friedhof, wo sie bestattet worden war; ich hatte die Idee, mich dahin zu begeben, indem ich mich dem Zug anschloß. »Ich weiß nicht,« sagte ich zu mir, »wer der Tote ist, den man hier zur Grube geleitet, aber ich weiß jetzt, daß die Toten uns sehen und hören, — vielleicht wird er zufrieden

sein wenn er sieht, daß ein Leidensbruder ihm folgt, der trauriger ist als irgendeiner von denen, die ihn geleiten.« Dieser Gedanke ließ mich Tränen vergießen und ohne Zweifel glaubte man, daß ich einer der besten Freunde des Verstorbenen sei. O ihr gesegneten Tränen! Lange Zeit war mir eure Süßigkeit versagt!