»Der Baum der Erkenntnis ist nicht der Baum des Lebens.« Können wir indessen aus unserm Geist verbannen, was so viele intelligente Generationen Gutes oder Unheilvolles hineingegossen haben? Die Unwissenheit ist nicht erlernbar. Ich habe bessere Hoffnung auf Gottes Güte: vielleicht rühren wir schon an die prophezeite Epoche, wo die Wissenschaft, nachdem sie ihren ganzen Kreislauf von Synthese und Analyse, von Glaube und Verneinung erfüllt hat, sich

selbst läutern kann und aus der Unordnung und den Trümmern die wunderbare Stadt der Zukunft hervorsteigen wird . . . Man darf die menschliche Vernunft nicht so billig einschätzen um zu glauben, daß sie etwas gewinnt, indem sie sich ganz erniedrigte, denn das hieße ihren himmlischen Ursprung anklagen . . . Gott wird ohne Zweifel die Reinheit der Absicht würdigen; und wo ist der Vater, der Wohlgefallen daran fände zu sehen, wie sein Sohn vor ihm alle Urteilskraft und allen Stolz aufgibt? Der Apostel, der selbst fühlen wollte um zu glauben, ist um des willen nicht verdammt worden.

Was habe ich da geschrieben? Das sind Gotteslästerungen. Die christliche Demut kann so nicht sprechen. Solche Gedanken sind weit davon entfernt die Seele zu rühren. Sie tragen auf der Stirn die Hochmutsblitze der Krone Satans . . . Ein Vertrag mit Gott selbst? . . . O Wissenschaft! O Eitelkeit!

Ich hatte einige Bücher der Kabbala gesammelt. Ich vertiefte mich in dieses Studium und gelangte dahin mich zu überzeugen, daß alles wahr sei, was der menschliche Geist während Jahrhunderten darüber angehäuft hatte. Die Überzeugung, die ich mir vom Sein geformt hatte, stimmte zu gut mit meiner Lektüre überein, als daß ich fürder noch an den Offenbarungen der Vergangenheit hätte zweifeln können. Die Dogmen und die Riten der verschiedenen Religionen schienen mir sich darauf zu beziehen in der Weise, daß jede einen gewissen Teil jener Geheimnisse besaß, die ihre Mittel

zur Ausdehnung und zur Verteidigung ausmachten. Diese Kräfte konnten sich abschwächen, sich verringern und verschwinden, was die Eroberung gewisser Rassen über andere mit sich brachte, die alle nur durch den »Geist« siegreich sein oder erobert werden konnten.

»Immerhin«, sagte ich mir, »ist es sicher, daß diese Erkenntnisse mit menschlichen Irrtümern vermischt sind. Das magische Alphabet, der rätselhafte Hieroglyph überkommen uns nur unvollständig und gefälscht, sei es durch die Zeit, sei es durch diejenigen selbst, die ein Interesse haben an unserer Unwissenheit. Laßt uns den verlorenen Buchstaben, das ausgelöschte Zeichen wiederfinden und die mißklingende Tonleiter wieder abstimmen, dann werden wir Kraft in der Welt der Geister gewinnen.«

So glaubte ich in die Beziehungen der wirklichen Welt zur Welt der Geister zu dringen. Die Erde, ihre Bewohner und ihre Geschichte waren der Schauplatz, wo die physischen Handlungen sich vollziehen sollten, welche die Existenz und die Lage der Unsterblichen, die an ihr Geschick geknüpft sind, vorbereiteten. Ohne das undurchdringliche Mysterium von der Ewigkeit der Welten zu berühren, stieg mein Gedanke zu der Epoche hinauf, wo die Sonne auf die Erde die fruchtbaren Keime der Pflanzen und Tiere säte, ähnlich der Pflanze, die sie darstellt, die mit ihrem hängenden Kopf die Umdrehung ihres himmlischen Wandels verfolgt. Es war nichts anderes als das Feuer selbst, das, da es aus Seelen bestand, instinktiv die gemeinsame Wohnung formte. Der Geist des »Gott-Wesens«,

das sich auf der Erde wieder erzeugt und sozusagen zurückgeworfen wird, ward der gewöhnliche Typus der menschlichen Seelen, deren jede demzufolge gleichzeitig Mensch und Gott war. So waren die Elohim!

Wenn man sich unglücklich fühlt denkt man über das Unglück der andern nach. Ich war etwas nachlässig gewesen im besuchen eines meiner liebsten Freunde, von dem man mir gesagt hatte, daß er krank sei: Als ich mich zu dem Haus begab, wo er behandelt wurde, warf ich mir diesen Fehler lebhaft vor. Ich war noch trostloser, als mir mein Freund erzählte, daß es ihm am Vorabend recht schlecht gegangen sei. Ich trat in ein Hospitalzimmer mit kalkgetünchten Wänden. Die Sonne zeichnete lustige Winkel auf die Mauern und spielte auf einem Gefäß mit Blumen, das eine Nonne eben auf den Tisch des Kranken gestellt hatte. Es war fast wie die Zelle eines italienischen Anachoreten. Sein abgemagertes Gesicht, sein Teint, der vergilbtem Elfenbein glich, was durch seine schwarze Haar- und Bartfarbe noch mehr hervorgehoben wurde, seine Augen, die in einem Rest von Fieber glänzten; vielleicht auch das Arrangement eines Kapuzenmantels, den er über die Schultern geworfen hatte, machten für mich aus ihm ein Wesen, das halb verschieden war von dem, was ich gekannt hatte.

Das war nicht mehr der fröhliche Gefährte meiner Arbeiten und meines Vergnügens; es war ein Apostel in ihm. Er erzählte mir, wie er sich in den schlimmsten Leiden seiner Krankheit als Beute eines letzten Anfalles gesehen hatte,