die andern, finde ich arabische Briefe, Reliquien aus Kairo und Stambul wieder.
O Glück! O tödliche Traurigkeit! Diese vergilbten Buchstaben, diese verwischten Entwürfe, diese halbzerknitterten Briefe, das ist der Schatz meiner einzigen Liebe. Lesen wir sie wieder! Viele Briefe fehlen, viele andere sind zerrissen oder unleserlich gemacht! — — —
VII.
EINES Nachts sprach und sang ich in einer Art Ekstase. Einer der Bediensteten des Hauses holte mich in meiner Zelle und ließ mich in ein Parterrezimmer hinuntergehen, wo er mich einschloß. Ich setzte meinen Traum fort und obwohl ich aufrecht stand, glaubte ich mich in einer Art orientalischen Kiosks eingeschlossen. Ich untersuchte alle Winkel und erkannte, daß er achteckig war. Ein Diwan beherrschte die ganzen Wände; diese schienen mir aus dickem Spiegelglas geformt, jenseits deren ich Schätze, Schals und Stickereien glänzen sah. Eine vom Mond erhellte Landschaft erschien mir durch das Türgitter und ich glaubte die Formen von Baumstümpfen und Felsen zu erkennen. Ich hatte dort schon in irgendeiner andern Existenz geweilt und glaubte die tiefen Grotten von Ellorah zu erkennen. Nach und nach drang bläuliches Tageslicht in den Kiosk und ließ bizarre
Bilder zutage treten. Ich glaubte mich nun mitten in einem ungeheuren Fleischhaufen zu befinden, wo die Weltgeschichte in blutigen Zügen niedergeschrieben war. Der Körper einer riesenhaften Frau war mir gegenüber gemalt, nur waren ihre verschiedenen Teile wie von einem Säbel zerschnitten. Andre Frauen verschiedener Rassen, deren Körper nacheinander vorherrschten, stellten auf den andern Mauern eine blutigen Wirrwarr von Gliedern und Köpfen dar, von den Kaiserinnen und Königinnen bis herab zur bescheidenen Bäuerin. Das war die Geschichte aller Verbrechen und es genügte, die Augen auf diesen oder jenen Punkt zu heften, um dort einen tragischen Vorgang sich abspielen zu sehen. — Das ist es nun, sagte ich mir, was die den Menschen verliehene Gewalt hervorgebracht hat. Sie haben den ewigen Typus der Schönheit nach und nach so gut zerstört und in tausend Stücke geschnitten, daß die Rassen immer mehr an Kraft und Vollkommenheit verlieren. Und ich sah wirklich auf einer Schattenlinie, die sich durch eine der Spalten der Tür einschlich, die absteigenden Generationen der Zukunftsrassen.
Endlich wurde ich dieser düstern Betrachtung entrissen. Das gute und mitfühlende Gesicht meines vortrefflichen Arztes gab mich der Welt des Lebendigen zurück. Er ließ mich einem Schauspiel beiwohnen, das mich lebhaft interessierte. Unter den Kranken befand sich ein junger Mann, ein alter Soldat aus Afrika, der sich seit sechs Wochen weigerte Nahrung aufzunehmen. Vermittels eines langen Kautschukschlauchs, den man in ein Nasenloch einführte, ließ man ihm eine genügende Menge Gries und Schokolade in den Magen rinnen.
Dieses Schauspiel machte mir lebhaften Eindruck. Bis dahin war ich dem einförmigen Kreislauf meiner Erregungen und meiner moralischen Leiden überlassen gewesen, da begegnete mir ein unbeschreibliches, schweigsames und geduldiges Wesen, das wie eine Sphynx an den äußersten Toren des Lebens saß. Ich fing an, es wegen seines Unglücks und seiner Verlassenheit zu lieben, und ich fühlte mich durch diese Zuneigung und dieses Mitleid gehoben. Es schien mir so zwischen das Leben und den Tod gestellt wie ein erhabener Dolmetscher, wie ein Beichtvater, der dazu bestimmt ist jene Geheimnisse der Seele zu hören, die das Wort nicht zu übermitteln wagte noch vermöchte. Es war das Ohr Gottes ohne die Beimischung des Gedankens eines andern. Ich verbrachte ganze Stunden damit, mich im Geist zu prüfen, wobei ich mein Haupt auf das seine neigte und ihn bei der Hand hielt. Es kam mir vor als vereinte ein gewisser Magnetismus unsre beiden Geister und ich war entzückt, als zum erstenmal ein
Wort aus seinem Mund kam. Man wollte nichts davon glauben und ich schrieb meinem glühenden Wunsch diesen Beginn der Heilung zu. In dieser Nacht hatte ich einen köstlichen Traum, den ersten seit recht langer Zeit.