sehen, wie der Himmel sich entschleierte und sich in tausend Ausblicken von unerhörten Herrlichkeiten öffnete. Das Schicksal der befreiten Seele schien sich mir zu enthüllen, wie um mir Bedauern darüber einzuflößen, daß ich wieder mit allen Kräften meines Geistes auf der Erde Fuß fassen wollte, die ich zu verlassen im Begriff war. Ungeheure Kreise zeichneten sich in die Unendlichkeit ab wie die Ringe auf dem Wasser, das der Fall eines Körpers beunruhigt; jede Region war von strahlenden Gestalten bevölkert und färbte, bewegte und löste sich abwechselnd auf, und eine sich immer gleiche Gottheit warf lächelnd die heimlichen Masken ihrer verschiedenen Inkarnationen von sich ab und floh endlich unergreifbar in die mystische Helle des Himmels Asiens.

Dieses himmlische Gesicht machte mich durch eines jener Phänomene, die jedermann in gewissen Träumen gefühlt hat, nicht gleichgültig gegen das, was um mich herum vorging. Ich lag auf einem Feldbett und hörte, wie die Soldaten sich um mich herum von einem Unbekannten unterhielten, den man wie mich aufgegriffen hatte, und dessen Stimme in dem gleichen Saal widerhallte. Durch eine sonderbare Vibrationswirkung schien es mir, als ob diese Stimme in meiner Brust mitklänge, und daß meine Seele sich sozusagen verdoppelte, wobei sie sich deutlich zwischen der Vision und der Wirklichkeit teilte. Einen Augenblick hatte ich den Gedanken mich mit Anstrengung nach dem herumzudrehen, von dem die Rede war; dann zitterte ich bei der Erinnerung an eine in Deutschland wohlbekannte Überlieferung, wonach jeder Mensch einen

DOPPELGÄNGER hat, und daß, wenn er ihn sieht, sein Tod nahe sei. — Ich schloß die Augen und kam in einen verwirrten Geisteszustand, wo die eingebildeten oder wirklichen Gestalten, die mich umgaben, in tausend flüchtige Erscheinungen zerbarsten. Einen Augenblick sah ich nahe bei mir zwei meiner Freunde, die nach mir fragten. Die Soldaten wiesen auf mich; dann öffnete sich die Tür und jemand von meiner Gestalt, dessen Gesicht ich nicht sah, ging mit meinen Freunden hinaus, die ich vergeblich zurückrief: »Aber man irrt sich«! schrie ich, »sie sind gekommen, um mich zu holen und ein anderer geht mit ihnen fort!« — Ich lärmte so, daß man mich in Arrest brachte. Dort blieb ich mehrere Stunden in einer Art Stumpfheit; endlich kamen die beiden Freunde, die ich schon ZU SEHEN GEGLAUBT HATTE und holten mich mit einem Wagen ab. Ich erzählte ihnen alles, was sich ereignet hatte, aber sie leugneten, in der Nacht gekommen zu sein. Ich aß ziemlich ruhig mit ihnen zu Abend, aber je näher die Nacht herankam, desto deutlicher schien es mir, daß ich dieselbe Stunde zu fürchten hätte, die mir am Abend vorher fast verhängnisvoll geworden wäre. Ich verlangte von einem von ihnen einen orientalischen Ring, den er am Finger trug und den ich für einen alten Talisman hielt. Ich knüpfte ihn mit einem seidenen Tuch um den Hals und bemühte mich den Stein, einen Türkisen, auf den Punkt meines Nackens zu drehen, wo ich Schmerzen fühlte. Meiner Ansicht nach war es dieser Punkt, bei dem die Seele zu entfliehen in Gefahr war und zwar in dem Augenblick, wo ein gewisser Strahl des Sterns, den ich am Vorabend gesehen

hatte, in Beziehung zu mir mit dem Zenith zusammentreffen würde. Sei es Zufall, sei es die Wirkung meiner starken Voreingenommenheit, ich stürzte zur selben Stunde wie am Vorabend wie vom Blitz getroffen nieder. Man legte mich auf ein Bett und während langer Zeit verlor ich den Sinn und den Zusammenhang der Bilder, die sich vor mir abrollten. Dieser Zustand dauerte mehrere Tage. Ich wurde in eine Heilanstalt verbracht. Viele Verwandte und Freunde besuchten mich, ohne daß ich Kenntnis davon gehabt hätte. Der einzige Unterschied, der für mich zwischen Wachen und Schlafen bestand, war, daß sich während des Wachens alles vor meinen Augen umformte; jede Person, die sich mir näherte, schien verändert, die materiellen Dinge hatten etwas wie einen Halbschatten, der ihre Form umgestaltete, und die Spiele des Lichts, die Verbindungen der Farben lösten sich auf, so daß sie mich in einer beharrlichen Folge von miteinander verbundenen Eindrücken hielten. Dadurch, daß ich träumte, waren sie mehr von den äußeren Elementen befreit und verloren nicht an Wahrscheinlichkeit.

IV.

EINES Abends glaubte ich ganz bestimmt, an die Ufer des Rheins versetzt zu sein. Gegenüber von mir befanden sich finstere Felsen, deren Perspektive sich im Schatten andeutete. Ich trat in ein freundliches Haus, durch dessen weinumwachsene

grüne Läden ein Strahl der untergehenden Sonne fiel. Es schien mir, als kehrte ich in eine bekannte Wohnung zurück, nämlich in die eines Onkels mütterlicherseits, eines flämischen Malers, der seit mehr als einem Jahrhundert tot war. Entwürfe zu Bildern waren hie und da aufgehängt, einer davon stellte die berühmte Fee dieses Gestades dar. Eine alte Magd, die ich Margarete nannte und die ich seit der Kindheit zu kennen wähnte, sagte zu mir: »Wollen Sie sich nicht auf das Bett legen? Denn Sie kommen von weit her, und Ihr Onkel wird spät zurückkommen; man wird Sie zum Abendessen wecken.« Ich streckte mich auf einem Bett mit Säulen aus, das mit blauem, groß und rotgeblumtem Tuch drapiert war. Gegenüber von mir hing an der Wand eine bäurische Uhr und darauf saß ein Vogel, der mit mir wie ein Mensch zu reden anhub. Und ich hatte den Gedanken, daß die Seele meines Ahnen in diesem Vogel sei; aber ich war ebensowenig erstaunt über seine Sprache und seine Gestalt als darüber, daß ich mich ein Jahrhundert zurückversetzt sah. Der Vogel sprach zu mir von lebenden oder zu verschiedenen Zeiten verstorbenen Familienmitgliedern, wie wenn sie gleichzeitig existierten und sagte zu mir: »Sie sehen, Ihr Onkel hat Sorge getragen, SEIN Bildnis im voraus zu machen . . . jetzt lebt SIE mit uns.« Ich richtete die Augen auf eine Leinwand, die eine Frau in altdeutscher Tracht darstellte, die sich über das Flußufer beugte und den Blick auf einen Busch Vergißmeinnicht heftete.