— Indessen wurde die Nacht immer dichter, und das Aussehen, die Laute und die Stimmung der Orte verwischten sich

in meinem schläfrigen Geist; ich glaubte in einen Abgrund zu stürzen, der die Erdkugel durchschnitt. Ich fühlte mich schmerzlos von einem Strom geschmolzenen Metalls fortgetrieben und tausend ähnliche Flüsse, deren Färbungen die chemischen Verschiedenheiten anzeigten, durchfurchten den Schoß der Erde wie die Gefäße und Adern, die sich zwischen den Gehirnlappen schlängeln. Alle strömten, kreisten und zitterten so, und ich hatte das Gefühl, daß diese Flüsse aus lebenden Seelen im Molekularzustand beständen, und daß die Geschwindigkeit dieser Reise allein mich verhinderte ihn zu erkennen. Eine bleiche Helligkeit zog allmählich in diese Kanäle ein und ich sah endlich einen neuen Horizont sich wie eine gewaltige Kuppel erweitern, wo sich Inseln abzeichneten, die von leuchtenden Fluten umgeben waren. Ich befand mich auf einer von diesem sonnelosen Tag erleuchteten Küste, und sah einen Greis, der das Land bestellte. Ich erkannte in ihm denselben, der mit der Stimme des Vogels zu mir geredet hatte, und sei es, daß er mit mir sprach, sei es, daß ich ihn in meinem Innern verstand, es wurde mir klar, daß die Vorfahren die Gestalt gewisser Tiere annehmen, um uns auf der Erde zu besuchen, und daß sie so als stumme Beobachter den Phasen unserer Existenz beiwohnen.

Der Greis verließ seine Arbeit und begleitete mich bis zu seinem Haus, das sich in der Nähe erhob. Die Landschaft, die uns umgab, erinnerte mich an einen Teil von Französisch-Flandern, wo meine Eltern gelebt haben und wo sich ihre Gräber befinden; das von Gebüschen umgebene Feld am

Waldrand, der benachbarte See, der Fluß und der Waschplatz, das Dorf mit seiner ansteigenden Straße, der Hügel aus dunkelm Sandstein und die Büschel aus Ginster und Heidekraut, — alles das war ein verjüngtes Bild der Orte, die ich geliebt habe. Nur das Haus, in das ich trat, war mir unbekannt. Ich begriff, daß es in ich weiß nicht welcher Zeit bestanden hat und daß in der Welt, die ich eben besuchte, das Gespenst der Dinge das des Körpers begleitete.

Ich trat in einen geräumigen Saal, wo viele Menschen versammelt waren. Überall entdeckte ich bekannte Gesichter. Die Züge der toten Verwandten, die ich beweint hatte, fanden sich in anderen wieder, die mir, in altmodischen Kleidern, denselben väterlichen Empfang bereiteten. Sie schienen zu einer Familientafel vereinigt zu sein. Einer dieser Verwandten kam auf mich zu und umarmte mich zärtlich. Er trug ein altertümliches Gewand, dessen Farben verblichen schienen, und sein lächelndes Antlitz unter den gepuderten Haaren hatte einige Ähnlichkeit mit dem meinen. Er schien mir ausgesprochener lebendig zu sein als die andern und sozusagen in freiwilligerem Rapport mit meinem Geist. — Es war mein Onkel. Er hieß mich neben sich sitzen, und eine Art Verbindung stellte sich zwischen uns her; denn ich kann nicht sagen, daß ich seine Stimme gehört hätte; nur in dem Maße, als ich meine Gedanken auf einen Punkt richtete, wurde mir sogleich seine Bedeutung klar, und die Bilder wurden vor meinen Augen so bestimmt wie belebte Gemälde.

»Es ist also wahr,« sagte ich mit Entzücken, »wir sind unsterblich

und behalten hier die Bilder der Welt, die wir bewohnt haben. Welch ein Glück zu denken, daß alles was wir geliebt haben, immer um uns herum bestehen wird! Ich war des Lebens recht müde!« . . .

»Freue dich nicht zu früh,« sagte er, »denn du gehörst noch der oberen Welt an, und du hast noch rauhe Prüfungsjahre zu bestehen. Der Aufenthalt, der dich entzückt, hat selbst seine Schmerzen, Kämpfe und Gefahren! Die Erde, die wir bewohnt haben, ist stets der Schauplatz, wo sich unsere Geschicke knüpfen und lösen; wir sind die Strahlen des zentralen Feuers, das sie belebt und das sich schon abgeschwächt hat« . . . . — »Ach was!« sagte ich, »die Erde könnte sterben und wir würden von dem Nichts verschlungen?« — »Das Nichts«, sagte er, »besteht nicht in dem Sinn wie man es meint; aber die Erde ist selbst ein materieller Körper, dessen geistiger Extrakt die Seele ist. Die Materie kann nicht mehr zugrund gehen als der Geist, aber sie kann sich verändern nach dem Guten und nach dem Bösen. Unsre Vergangenheit und unsre Zukunft sind eins. Wir leben in unsrer Rasse und unsre Rasse lebt in uns.«