Es steckt doch ein gut Stück Poesie in den Reisewagen wandernder Schausteller! Mehr! Praktisches Verständnis für die Annehmlichkeiten gewohnter, eigner Häuslichkeit. Sie sind zwar zum großen Teil primitiv, diese Reisewagen, aber sie sind doch ein Ersatz für das Heim. Der Geschäftsreisende kennt keinen Reisewohnwagen. Reisewagen trifft man ja an manchen Stellen, die noch nicht durch die Schienenwege durchzogen sind.

Der Heimersatz des Reisenden ist im Gasthaus zu suchen. Und, um es vorweg zu sagen, es gibt Gasthäuser, die in der Tat das Heim ersetzen. Vielfach werden sie geleitet von früheren Reisenden, die aus der Praxis heraus verstehen gelernt haben, was dem Reisenden frommt. Ich habe immer solche Gasthäuser anderen vorgezogen. Das Gasthaus selbst soll also die zweite Heimat für den Reisenden sein. Es ist deshalb notwendig, daß wir uns mit ihm beschäftigen.

Die rechtliche Seite des Gasthauswesens haben wir schon betrachtet, dringen wir jetzt in den eigentlichen Betrieb ein.

Welches Gasthaus?

Wer eine eingeführte Tour hat, wer selbst die Gegend länger bereiste, der braucht sich nicht die Frage vorzulegen: Welches Gasthaus (Hotel) unter vielen? Auch nicht die andere Frage: Wo soll das Gasthaus liegen? Er kennt die geeigneten Häuser, verkehrte schon mehrfach in ihnen oder darf doch der Empfehlung seines Vorgängers vertrauen. D. h. das nur bedingt! Nichts ist so vom persönlichen Geschmack abhängig, als das Wohlbefinden im Gasthaus. Liebt der eine einen gesprächigen Wirt, so fällt ein solcher dem anderen auf die Nerven! Zieht der eine mit dem „Zug ins Große“ nach dem „Hotelpalast“, so wohnt der andere lieber dort, wo zwar kein gallonierter Herold als Portier an der Türe steht, wo aber das Leben nicht zu teuer, persönlicher und infolgedessen gemütlich ist.

Doch wenden wir uns der Hotelfrage vom Gesichtspunkt der Allgemeinheit aus zu. Die Bezeichnungen: Hotel I. oder II. Ranges kennzeichnen nicht immer einwandfrei die Rangstufe des Gasthauses. Sie sind aber immer bezeichnend für die Preise, die genommen werden, diese sind in der Regel tatsächlich I. oder II. Ranges. Und das ist für den Reisenden von Bedeutung. Er wird nicht in den Fehler verfallen, zu billig wohnen zu wollen, er wird aber auch nicht deswegen in einem teuren Hotel wohnen, weil es Bequemlichkeiten hat, die der Reisende gar nicht in Anspruch zu nehmen gedenkt. Wenn der Reisende nicht besondere Wünsche an ein Gasthaus stellen muß (Auslagezimmer), dann handelt er nicht gegen sein Interesse, wenn er bei der Hotelauswahl dem Strom der anderen Reisenden folgt. Muß er allerdings besondere Wünsche beachten, so wird er sich — aber wiederum bei Reisenden — erkundigen. Die Berufsgenossen sind im Hotelverkehr der beste Wegweiser.

Wo das Hotel liegen soll, muß jeder Reisende selbst beurteilen, je nach den praktischen Wünschen, die er hat. In einem größeren Platz wohnt man zweckmäßig in der Stadtmitte, besonders wenn man reichlich Muster hat. Nicht immer hat man alle Muster zur Hand, liegt das Gasthaus in der Nähe, springt man schnell hinüber, liegt es weiter weg, unterbleibt das Holen vielfach. Doch auch für den Mustertransport ist es besser. Befinden sich die Muster in einem Bahnhofshotel, dann sind sie genau so weit weg, als stünden sie auf der Bahn. Koffer auf dem Bahnhof haben mir — ich weiß nicht, ob es anderen Kollegen auch so gegangen ist — immer die kampflustige Stimmung beeinträchtigt. Koffer in der Nähe waren immer ein Anreiz mehr, die Muster auch vorzulegen, schon um sie nicht vergeblich transportiert zu haben. Oft liegen ja die Dinge aber auch so — die Geschäftszeit für den Reisenden ist immer beschränkt, wie wir noch sehen werden —, daß die Muster schnell gebraucht werden. Dann erst nach dem Bahnhof laufen? Nein! Die Muster müssen zur Hand sein. Wer ledig aller Muster ist, kann dreist am Bahnhof wohnen, wiewohl es auch nicht einzusehen ist, warum der Reisende die Bahn mit ihrem nervenzerrüttenden Geräusch nicht außer Gehörweite bringt. Wer Abstecher machen muß, wer spät ankommt und früh weg will, der wohne am Bahnhof, der andere Reisende suche sich eine praktische, bequeme und ruhige Gasthauslage aus.

Abstecher.

Das Abstechermachen hat auch seine zwei Seiten. Man bindet sich zu sehr mit der Zeit, das ist der Nachteil! Es besteht immer das Bestreben, wieder am Abend zurück zu sein. In diesem Zurückkehren nach dem Ausgangspunkt liegt für den Reisenden der angenehme Teil der Abstecher. Abend für Abend in andere Gasthäuser, Abend für Abend in frische, oft feuchtkalte Betten, das gehört nicht zu den angenehmen Dingen des Lebens. Jeder Reisende wird es begrüßen, wenn er in einem guten Gasthaus mehrere Tage verweilen kann. Wo von einer zentral gelegenen Stadt viele kleinere Plätze besucht werden müssen und besucht werden können, da ist der Abstecher angebracht. Dabei denke ich an Thüringen, an Oberschlesien (Kattowitz), an das Ruhrgebiet, wie überhaupt an den Industriewesten. Auch Süddeutschland hat solche Mittelpunkte, ich denke an Mannheim, Frankfurt, Nürnberg usw.

Hotelzöpfe.