Der Reisende muß eine gute Allgemeinbildung haben. Das erleichtert ihm das Geschäft, das macht sein Leben inhaltsreicher. Auf keinen Fall soll aber der Reisende unter Allgemeinbildung nur die Kenntnis des politischen Lebens verstehen oder gar die Erzählung pikanter Geschichtchen. Im Gegenteil soll sich jeder Reisende im allgemeinen vor politischen Kannegießereien hüten. Freilich kann und soll er Bescheid wissen, um nicht durch Unwissenheit aufzufallen. Er muß aber seine Meinung für sich behalten können.

Unter Allgemeinbildung verstehe ich jedoch etwas anderes. Ich will hier die Allgemeinbildung nur streifen, die vielleicht eine Branche besonders fordert. Der Buchhandlungsreisende muß sich mit seinen Kunden über die Literatur unterhalten können, wer in Musikinstrumenten reist, muß über unsere Musikgrößen unterrichtet sein, wer Sportartikel vertreibt, über den Sport und seine Größen usw. Jeder Reisende muß aber in der Lage sein, sich mit seinem Kunden zu unterhalten, über Dinge, die allgemein besprochen werden. Oft wird er dabei gewahr werden, daß seine Schulbildung durchaus nicht ausreichte, ihm die Bildung zu vermitteln, die er nun im Leben braucht. Da heißt es denn: Lesen, lernen, immer wieder lesen und lernen! In allererster Linie muß der Reisende die kaufmännischen Wissenschaften kennen. Lernte er sie nicht in der Schule oder in der Fortbildungsschule kennen, dann gilt es Fachliteratur zu studieren. Es macht einen kläglichen Eindruck, wenn z. B. ein Prinzipal eben den Börsenzettel oder den Handelsteil seines Leibblattes studiert, mit dem eben eintretenden Reisenden eine Unterhaltung anknüpfen will und dieser keine Ahnung von der Börse, ihren Gewohnheiten und ihren Geschäften hat.

Sprachunarten.

Soll ich hervorheben, daß der Reisende ein gutes Deutsch sprechen muß? Leider ist es notwendig, gerade auf diesen Punkt einzugehen. In der Tat sprechen manche Reisenden ein fürchterliches Deutsch. Besonders dann, wenn sie sich in den Sprachunarten ihres Dialektes gefallen. Der Sachse soll sich immer vor Augen halten, wo er sein geliebtes Sächsisch redet. Was in Sachsen niemand auffällt, was in Thüringen leicht ertragen wird, fordert den Spott des Niederdeutschen heraus. Natürlich gilt das nicht nur den Sachsen, sondern allen Dialekt sprechenden Volksgenossen. Schlimmer aber als Dialekt-Deutsch ist ein Gemisch von Deutsch und fremdsprachlichen Brocken. Wer eine fremde Sprache nicht ganz beherrscht, soll sich hüten, sie zu gebrauchen. In meiner Erinnerung haftet immer noch ein Reisekollege, der in vielen Gasthäusern unter dem Spitznamen „Dampramang“ bekannt war. Und warum? Er war ein lustiger Geselle! War er allzu launig gewesen und wurde zum Rückzug geblasen, dann war seine immerwährende Entschuldigung, sein „Dampramang“ sei mit ihm durchgegangen. Er hat es gewiß manchmal bedauert, daß sein Temperament mit ihm durchging und ihn immer wieder veranlaßte, Fremdwörter nicht richtig anzuwenden oder falsch auszusprechen.

Dabei will ich durchaus nicht etwa raten, keine Sprachkenntnisse zu erwerben, oder nicht da Dialekt zu sprechen, wo es angebracht ist. Im Gegenteil! Wer jemals das Ausland bereisen will, muß gute, sehr gute Sprachkenntnisse haben, ja, es kann ihm schon im Inland unangenehm werden, wenn er sie nicht hat. Das gilt den Reisenden, die unsere Grenzländer bereisen, Elsaß, Lothringen und Polen. Ob der Reisende den Dialekt seiner Kundschaft sprechen soll, hängt von den Umständen ab. Wenn jemand bayerische Handwerksmeister besucht und etwa in Rixdorf daheim ist, der wird gewiß keinen allzu freundlichen Empfang finden. Kann er den Anklang an den bayerischen Dialekt finden, ist er entschieden besser daran. Wer aber weltgewandte Kaufleute besucht, soll sich nicht einreden, mit einem mühsam eingedrillten Dialekt Eindruck zu machen.

Ganz von selbst achtet der gebildete Mann auf sein Aeußeres. Ganz von selbst wird er in seiner Kleidung das richtige finden und Uebertreibungen vermeiden, die ihn in den Geruch eines Stutzers bringen. Und doch möchte ich noch ein paar Worte auf das Aeußere des Reisenden verwenden. Wir sind ja Gottlob aus der Gigerlzeit heraus, aber mancherlei ist doch sitzen geblieben. Der Reisende trage stets einen dunklen, modernen, aber nicht fatzkenhaften Anzug. Daß er immer sauber gebürstet und niemals fleckig sein darf, ist selbstverständlich. Dabei gibt es gewisse Unterschiede! Der Reisende, der Kolonialwarenhändler besucht, kann nicht nur, sondern er soll sich größere Reserve auferlegen, ausfallende Moden mitzumachen, als der Reisende, der mit Modewarenhändlern zu tun hat. Ueber zweckmäßige Kleidung werde ich unter „Ausrüstung“ noch einiges zu sagen haben.

Eine weitere Fähigkeit, die keinem Reisenden abgehen darf, möchte ich Lebenskunde nennen. Ein Reisender muß unsere sozialen Zeitströmungen kennen, er muß in der wirtschaftlichen Gliederung unseres Volkes bewandert sein. Ist er das nicht, kann ihm mancherlei Unbill begegnen. Die Lebenskunde wirkt sehr stark auf das Geschäft ein. Hat sie der Reisende nicht, kann es ihm leicht passieren, daß er dem Kunden Waren aufreden will, für die sein Abnehmerkreis gar keine Verwendung hat. Dann wundert sich der Reisende über den Kunden, den seine Waren nicht ansprechen; er sollte sich über seine mangelhafte Lebenskunde entrüsten und diese verbessern. Er wird dann keine Ursache mehr haben, sich über seinen Kunden zu wundern. Die Lebenskunde wird den Reisenden ganz von selbst davor bewahren, Unarten zu begehen, die ihm schaden müssen. Es ist eine Unart, wenn der Reisende, der Geschäfte machen will und soll, dem Kunden nicht nur Waren, sondern auch seine politische Meinung aufhalsen will. Es ist eine Unart, wenn ein Reisender gegen Mitreisende unhöflich oder doch nicht voll zuvorkommend ist, weil diese vielleicht ein einfaches Gewand anhaben. Es ist schließlich auch eine Unart, Sitten und Gebräuche zu verspotten, über elende Nester zu schimpfen und über verlotterte Wirtschaften zu räsonieren. Der dadurch verletzte Lokalpatriotismus kann dann fürchterlich werden; mir scheint, mit Recht.

Erstickte Fähigkeiten.

Vor einem soll sich der Reisende hüten, ganz besonders der Anfänger, nämlich davor, eine Auffassung vom Reiseleben anzunehmen, wie sie ein Buchdrucker in einer mitteldeutschen Stadt kundgab, der damit zur Drucksachenreklame anzufeuern versuchte, daß er erklärte, die Reisenden sähen sich lediglich auf Kosten ihrer Chefs die Welt an und mästeten sich an reichbesetzten Tafeln. Die Gefahr, im Reiseleben ein Wohlleben zu sehen, ist besonders für den Anfänger nicht zu unterschätzen. Nicht überall hat sich Gottlob der Brauch eingebürgert, den Reisenden auf der Tour zu überwachen oder überwachen zu lassen. Es gibt aber Firmen, die eine sehr scharfe Kontrolle ausüben, es gibt sogar solche, die ihre Reisenden durch andere Reisende kontrollieren lassen. Eine solche Ueberwachung kann sich der Reisende, der voll seine Pflicht tut, nicht gefallen lassen, umsomehr soll er sich hüten, sie notwendig zu machen. Schürzen und Kartenspiel haben schon manche hoffnungsvolle Fähigkeit erstickt. Nicht zuletzt trägt unser Hotelleben die Schuld daran. Hat der Reisende seine Berichte gemacht, seine Kommissionen — er hat deren hoffentlich recht viele — überschrieben, dann weiß er nicht, was er mit dem Abend anfangen soll. Im Hotelzimmer mag er nicht sitzen, weil er scheel angesehen wird, wenn er nichts verzehrt, auf seinem Zimmer mangelt ihm die Gesellschaft — und besonders „forsche“ Kollegen finden sich überall zum ... Bummel. Hand davon! Geht es nicht, im Hotelzimmer zu sitzen ohne mehr zu verzehren als angenehm ist und als Bedürfnis empfunden wird, dann kann man sich Gesellschaft auf dem Zimmer dadurch schaffen, daß man gute Bücher oder Fachzeitschriften durchliest und soweit man davon abhängig ist, auch die Modeliteratur studiert. Will man sich aber besondere Genüsse verschaffen — dann besuche man die Sitzungen oder die Vorträge kaufmännischer Vereine — und man wird auf seine Rechnung kommen. Meine schönsten Reiseerinnerungen stammen aus solchen Sitzungen.

Das Recht und der Reisende.