Die Häuser der Europäer sind zweckmäßig und meist aus gebrannten Ziegeln aufgeführt und fast alle von kleinen Gärten umgeben. Cocospalmen, Brodfruchtbäume und Mangos gewähren Schatten; an wohlschmeckenden Früchten sind die Ananas von Lagos als ganz vorzüglich hervorzuheben.—Die Stadt hat außerdem mehrere kleine Dampfer, welche die großen Dampfschiffe und Segler, welche die Barre nicht passiren können, befrachten und ausladen, Hunderte von kleinen Schiffen, alle numerirt und den Eingeborenen gehörend, unterhalten den Verkehr mit dem Festlande, hauptsächlich mit der Stadt Ikorodu. Sehr angenehm für die Bewohner von Lagos ist, daß die Lagunen nicht nur äußerst fischreich sind, sondern jahraus, jahrein täglich so viel Austern und Granaten (Crangon vulgaris) gefangen werden, wie es die Bedürfnisse erheischen. Deshalb ist denn auch die Fischerei eine der Hauptbeschäftigungen des Volkes; aber außerdem finden wir alle Handwerker vertreten, als Schreiner, Maurer, Zimmerleute, Schneider, Schuster, Schmiede, Schlosser &c.
Die Europäer sind fast durchaus Handelsleute; es giebt Engros-Häuser, sogenannte Factoreien, und Detailisten. Große Factoreien giebt es circa 20, von denen die Hamburgische von O'Swald die bedeutendste war, die sogar der Factorei der West-African-Company den Rang abgelaufen hatte.
Export und Import haben unter der englischen Regierung einen bedeutenden Aufschwung genommen, was natürlich auf die Einkünfte der Colonie bedeutend nachgewirkt hat. 1862 betrug die Einnahme 5000 Pfd. St., im Jahre 1867 schon 30,000 Pfd. St. Nach dem Blaubuche betrug 1867 der Werth der exportirten Waaren 51,313 Pfd. St., der Werth der importirten Gegenstände ist nicht angegeben, Lagos hatte aber 1868 an Zollgebühren (vom Export wird nicht gezollt) eine Einnahme von 35,000 Pfd. St.[4], aus anderen Quellen noch 4000 Pfd. St., also im Ganzen fast 40,000 Pfd. St.
Exportirt wird hauptsächlich Indigo, Grundnüsse (Arachis), Elfenbein, Mais, Baumwolle (1867 für 7112 Tons, die Tonne zu 2000 Pfund), Goro- oder Kolanüsse[5], welche nach Brasilien und Sierra Leone verschickt werden, endlich Oel- und Palmnüsse. Oel wurde 1867 im Gewicht von 12,414 Tonnen, Nüsse 9600 Tonnen exportirt. Die Nüsse wurden im Anfang gar nicht benutzt, es ist das Verdienst der O'Swald'schen Factorei, dieses Product der Elaeis guineensis zuerst ausgenützt zu haben. Die Nuß enthält nämlich bedeutende Mengen von Stearin, das Oel wird zum Schmieren und zur Seifefabrikation benutzt.
Man führt ein: Cawries (kauri, kungena, kerdi, eloda-Cypraea moneta L.), jene kleinen Muscheln aus den ostindischen Gewässern, die als Scheidemünze dienen im größten Theil von Centralafrika, Rollen- und Blättertabak von Brasilien, Waffen, Pulver, Stabeisen, Messingdraht, Perlen, Spiegel, Messer, Manufacturen, Salz, Spirituosen. Von Spirituosen, Cawries und Tabak wird 6 Proc. Eingangszoll erhoben.
Im Jahre 1873 arbeitete der Bürgermeister von Lagos, Mr. Goldsworthy, zusammen mit dem Gouverneur Herrn Glover, um neue Handelsstraßen nach dem Innern zu eröffnen. Im vergangenen Jahre machte Goldsworthy eine Reise von 200 englischen Meilen in nordöstlicher Richtung und berührte dabei die Gebiete von Ikale, eine wald- und sumpfreiche Gegend mit einzelnen angebauten Strichen, und von Onodo, einer Hügelkette längs der Küste und von Ife berührt. Es gelang ihm, die Kämpfe zwischen einzelnen Stämmen zu beendigen und wahrscheinlich auch das Efou-Gebiet durch eine neue Handelsstraße zu eröffnen.
Werfen wir schließlich einen Rückblick auf Lagos, heute die volkreichste Stadt an der ganzen Westküste von Afrika, so bemerken wir, daß der Ort hauptsächlich unter der freisinnigen englischen Administration rascheren Aufschwung genommen hat wie andere Punkte in Afrika. Selbst das Klima scheint sich durch gute sanitätspolizeiliche Maßregeln, als Erweiterung der Straßen, Pflasterung der Wege, Ausrottung der nächsten Dschengel- und Mangroven-Büsche verbessert zu haben; in früheren Jahren trafen auf die weiße Bevölkerung wenigstens 20 Todesfälle, in den letzten Jahren ist das Verhältniß jedes Jahr günstiger geworden. 1869 ist, freilich wohl ausnahmsweise, nur Einer von der circa 100 Köpfe starken weißen Bevölkerung gestorben.
Auch die Gesittung und Civilisation nimmt unter den Eingeborenen erfreulich zu. Wenn Europäer, und besonders die Missionäre, beherzigen wollten, daß ein Volk, welches seither fortwährend von der Cultur der civilisirten Völker abgeschlossen gewesen, von einem primitiven Standpunkte sehr schwer innerhalb einiger Jahre auf eine solche Culturstufe gebracht werden kann, wozu wir selbst fast 2000 Jahre gebraucht haben, so würden sie langsamer vorgehen und mehr Geduld haben mit ihren Civilisationsbemühungen. Wenn man die heutigen Neger betrachtet, namentlich die Bewohner jener großen Reiche Centralafrika's, und vergleicht den Zustand dieser Völker und Länder mit jenen von Europa vor circa 2000 Jahren (natürlich Griechen und Römer ausgenommen), so wird jeder Mensch, der unbefangen urtheilt, sagen: der Vortheil ist hier auf Seiten der Schwarzen. Die großen Staaten Bornu, Sokoto und Gando &c. legen glänzendes Zeugniß ab, wie weit ohne europäische Einflüsse die Neger fähig sind, sich zu civilisiren, und General Faidherbe hat gewiß nicht Unrecht, wenn er die Schwarzen als für Civilisation empfänglicher hält, als Berber und Araber.
Aber trotzdem und trotz vieler glänzenden Beispiele, die eben beweisen, daß selbst in kürzester Zeit der Neger bei sorgfältiger Erziehung sich vollkommen mit dem Weißen gleichzustellen weiß (ich erinnere nur an Bischof Crowther, an Senator Revels, welcher Letztere jüngst im Senate der Vereinigten Staaten seine erste Rede, die als oratorisches Meisterwerk dasteht, gehalten hat), wage ich nicht zu behaupten, daß die Neger eine Zukunft vor sich haben; sie werden am Ende von den Weißen absorbirt werden.
Wir sehen in Centralafrika, daß die Pullo, welche sich als herrschendes Volk große Negerreiche unterworfen haben, heute, nach noch nicht 100 Jahren, vollkommen von den Negern assimilirt worden sind. Obschon die Pullo noch die herrschenden sind, auch ihre Pullo-Sprache noch reden, sind sie fast ganz schwarz geworden und alle reden heute neben ihrem Pullo die Sprache der Stämme, über welche sie herrschen. Ebenso haben die Araber in Centralafrika, z.B. die Schoa, fast nur noch ihre Sprache erhalten. Und so wird es den Negern ergehen den Weißen gegenüber, wenn sie nicht durch eine zu rasch mit ihnen vorgenommene Civilisationsmethode (namentlich durch unpassende Bekehrungsversuche) vorher ausgerottet werden. Ist dies nicht der Fall, so werden sie langsam verdrängt werden von den Weißen, wenn sich einmal für diese das Bedürfniß herausstellen sollte, Afrika so ernstlich in Angriff zu nehmen, wie man es mit Amerika und jüngst mit Australien gethan hat.