Da aber der Marokkaner ebenso gut den Trieb der Neugier besitzt, wie wir, so braucht er dann allerlei Umwege, um sich nach dem Befinden einer Frau zu erkundigen: "Wie befinden sich Adams Kinder?" d.h. alle Menschen, die Frauen also auch; oder: "Wie geht es dem Zelte?" d.h. mit Allem was darin ist; oder: "Wie geht es der Familie?"—"Wie befinden sich deine Leute?" u.s.w.

Der Kuß ist allgemein verbreitet. Dennoch kennt man nicht den Kuß der Liebe: den auf den Mund. Man begegnet einander, ergreift die Rechte, ohne sie zu drücken, und küßt sodann seinen eigenen Zeigefinger. Will man über die Begegnung recht seine Freude ausdrücken, so wird diese Procedur sechs- bis achtmal wiederholt. Ein Untergebener küßt einem Vornehmen den Saum seines Kleides oder ist dieser zu Pferde, das Knie, die Füße; ist der zu Begrüßende ein großer Heiliger, so kann man auch dessen Pferd oder irgend einen beliebigen ihm gehörigen Gegenstand küssen.

Weiß der Vornehme oder der Heilige, daß der Begrüßer Geld hat oder Geld schenken will, so giebt er wohl seine Hand zum Küssen, legt dieselbe segnend auf den Kopf oder wehrt die demüthige Geberde des Begrüßers mit Worten ab. Ist ein Untergebener zu Pferde, so steigt er schon von Weitem ab, um einen höher Stehenden zu begrüßen. Zwei Gleiche küssen sich wohl die Wangen, und will ein Vornehmer oder ein Heiliger Jemand besonders auszeichnen, so küßt er diesem die Stirn. Kommt ein Vornehmer, so erheben sich alle Anwesenden und verbeugen sich mit vor der Brust gekreuzten Armen. Vor dem Sultan, vor dem Großscherif kann man sich auch auf die Erde werfen, wie beim Gebet, und die Stirn auf den Boden drücken: "Allah-itohl-amreck!" Gott verlängere die Existenz deiner Seele, ruft man.

Der Marokkaner verläßt eine Versammlung ohne Gruß; nur wenn er auf längere Zeit verreisen wollte, würde er es für nöthig halten, sich förmlich und durch Worte zu verabschieden. Ist aber ein sehr vornehmer Mann, ein Heiliger in der Versammlung, so geht man zu ihm, küßt seine Knie, seine Hand oder den Saum seines Kleides und verabschiedet sich dann, ohne ein Wort zu sagen.

Schon an anderen Orten ist darauf hingewiesen worden, wie die marokkanische Geistlichkeit, wenn von einer solchen die Rede sein kann, ebensoviel auf äußere Ehrenbezeigungen hält, wie die der europäischen Christenheit. Wenn es auch dort nicht Sitte ist, daß sie sich kenntlich macht von den Laien durch besondere Tracht (schwarzer Anzug, weiße Cravate), so liebt es doch Jeder, der sich vorzugsweise dem Studium der Religion hingiebt, daß man ihn zuerst grüßt, daß er den Ehrenplatz erhält und daß man auf ihn die meiste Rücksicht nehme. In einem so durch die Religion fanatisirten Lande ist es daher jedem Reisenden dringend anzurathen, sich mit dieser Klasse von Menschen gut zu stellen, und da die mohammedanische Geistlichkeit ebenso wie die christliche besondere Vorliebe für Geld hat, weil dieses als die erste Bedingung zur Herrschaft erscheint, so ist es wohl gerathen, den frommen Leuten davon soviel wie möglich zukommen zu lassen. Wie richtig handelte z.B. Ali Bey in dieser Beziehung bei seinen Reisen durch Marokko.

Alle Höflichkeitsbezeigungen in Marokko müssen in fromme Redensarten gekleidet sein. Allah-iatik-ssaha, Allah-iaunik, Gott gebe dir Kraft, Gott helfe dir, ruft man einem Arbeitenden zu, und wenn einer niest, so rufe ihm ein Nedjak-Allah, Gott rette dich, zu; der Niesende dankt mit "R'hamek-Allah", Gott sei dir gnädig.

Eine Sitte oder vielmehr Unsitte existirt, die man in Europa auf's Höchste anstößig finden würde: das laute Aufstoßen während des Essens und gleich hernach. Der Aufstoßende ruft dann selbstgefällig "Stafhr-Allah", Gott verzeih' es, oder "Hamd-Allah". Gott sei gelobt. Er betrachtet das als Zeichen, daß der Appetit jetzt gestillt sei, und ebenso fassen die Mitessenden es auf, die ihn vielleicht heimlicherweise um dies seh- und hörbare Zeichen seines gesunden Magens beneiden. Jedes Essen, jeder Trunk wird begonnen, wie überhaupt Alles was man unternimmt, mit Bsm-Allah, im Namen Gottes. Und es würde vollkommen gegen alle Sitte sein, aufrecht stehend zu essen oder zu trinken. Dem Trinkenden wird ein: "Ssaha", Gesundheit, zugerufen.

Es würde nicht nur ein Verstoß gegen den guten Anstand sein, wollte man mit der linken Hand essen, sondern auch den Religionsvorschriften entgegen sein. Die linke Hand, welche zu gewissen Ablutionen benutzt wird, gilt für unrein, nur der Teufel, der sich aus religiösen Vorschriften nichts macht, bedient sich seiner Linken. Man darf sich bei dem Essen nie des Messers bedienen, namentlich das Brod darf nicht geschnitten, sondern muß gebrochen werden. Vor und nach dem Essen muß man sich die Hände und nach dem Essen die Hände und den Mund ausspülen, aber sorgfältig darauf achten, daß das zum Mundausspülen benutzte Wasser nur aus der hohlen Hand, nicht aus einem Gefäße genommen wird. Zum Reinigen des Mundes bedient der wohlerzogene Mann sich nur des Daumens und Zeigefingers seiner Rechten. Man soll nicht zu schnell essen, und Derjenige, der einen Vornehmen oder höher im Range Stehenden bei sich empfängt, darf sich nicht mit an die Schüssel setzen, sondern muß durch Aufwarten seine Sorgfalt für den Besuch bekunden. Der Besuchende selbst würde sehr gegen die Lebensart verstoßen, wollte er sich um seine Bagage oder um seine Diener bekümmern. Daß diese in Obhut genommen, daß die Dienerschaft mit Speise und Trank versehen, daß die Thiere abgefüttert werden, darf ihn nicht kümmern, es ist das Sache des Wirthes. Präsentirt man dir eine Tasse Thee oder Kaffee, so trinke sie nicht rasch aus, sondern nimm das Getränk schlürfend zu dir; wenn du beim Speisen bist, so unterlasse es nie, die Hinzukommenden zum Mitessen einzuladen, und diese, falls sie gleiches Ranges sind, erzeigen sich als wohlerzogene Leute, wenn sie wenigstens einen Bissen mitessen, selbst wenn sie satt sind. Sind sie aber niederer Herkunft, so dürfen sie das Anerbieten nicht annehmen; sind sie hungrig, so erfordert es der Anstand, sich zu setzen und zu warten, bis man ihnen die Ueberreste reicht.

Gewisse Gebräuche, als von den unseren abweichend, sind noch besonders hervorzuheben:

Man darf keinen brennenden Spahn mit dem Hauche auslöschen, sondern nur durch Hin- und Herfahren durch die Luft. Wenn man Feuer verlangt zu einer Pfeife oder um Etwas anzuzünden, so sage man nicht: "gieb mir Feuer," "attininar", denn "nar" bedeutet auch das höllische Feuer, sondern man sagt: "attini-l'afiah". Das Wort "l'afia" bedeutet Leben, Gesundheit und Feuer, oder "attini-djemra", gieb mir eine Kohle.