Höchst unanständig würde es sein, aufrechtstehend ein Bedürfniß zu verrichten, man muß das in hockender Stellung thun und hernach die Ablution nicht verabsäumen, oder wo Wasser fehlt, die Ablution durch Sand vollziehen.
Man vermeide, mit Schuhen ein Zimmer oder gar eine Moschee zu betreten; an der Schwelle der Thür müssen sie zurückgelassen werden. Sobald man Jemand auf der Straße anreden will und hat ihm etwas Ausführliches zu sagen, dann bleibe man nicht stehen, sondern hocke nieder, denn im Stehen lange zu sprechen ist unanständig.
Einen Bittenden muß man nie durch eine abschlägige Antwort beleidigen; "in-schah-Allah," so Gott will, sagt man, oder ist der Bittende zudringlich: "Rbi-atik", Gott wird dir geben; ein guter Mohammedaner darf keinen Zweifel an der Großmuth Gottes hegen.
Begeht man eine Ungeschicklichkeit, zerbricht oder wirft man aus Versehen Etwas um, so verflucht man zuerst den Teufel, denn der ist die Ursache alles Uebels; erst dann sagt man: "smah-li", verzeih mir, "ma-fi-schi-bass", ist kein Uebel dabei, erwiedert der Besitzer laut, innerlich aber den Urheber und Teufel zum Teufel wünschend. Sehr bequem für alle Unfälle sind auch die Redensarten: "Mektub-Allah," es war bei Gott geschrieben, oder "Hakum-Allah," es war von Gott befohlen, oder wenn man einen lästigen Frager durch eine gerade Antwort nicht befriedigen will: "Baid-alia, cha-bar-and-Allah", das ist weit von mir, Gott weiß es, oder "Arbi-iarf," Gott weiß es.
Hat man sonst nichts zu thun, stockt eine Unterhaltung, so ruft man einfach: Allah oder Rbi, d.h. Gott, Meister, oder Allah-akbar, Gott ist der Größte, oder man bezeugt, daß Gott ein einiger und Mohammed sein Gesandter ist, oder endlich, man verflucht die Christen. Grund und Anlaß zu diesen Reden brauchen nicht vorhanden zu sein, es gehört aber zum guten Ton, sie so oft wie möglich auszustoßen.
Für eine empfangene Wohlthat muß immer gedankt werden, wäre sie auch noch so gering: Allah-ikter-cheirek, Gott vermehre dein Gut, oder Allah-iberk-fik, Gott segne dich.
Auf das Versprechen eines Marokkaners ist nichts zu geben, wenn er auch von Höflichkeit überfließen würde und die heiligsten Eide, wie "beim Haupte des Propheten, bei Gott dem Allmächtigen" &c. geschworen hatte. Es erheischt dann aber auch die gute Sitte, daß man dergleichen Schwüre nicht genau nimmt, nicht daran erinnert.
Ist man zum Besuche, so muß man sich ja hüten, die Gegenstände oder den Besitz des Wirthes zu loben, es könnte das den Verdacht erwecken, als wolle man Etwas geschenkt haben. Thut man es ja, so füge man immer hinzu: Mabruk. Lobt man z.B. ein Pferd: mabruk el aud, das Pferd möge dir glücklich sein, oder lobt man ein Kind: Allah itohl amru, Gott verlängere seine Existenz. Lobt man einen Abwesenden, so ist es höflich, wenn man seine Eigenschaften vergleicht mit denen Desjenigen, zu dem man spricht: "ich traf letzthin mit Mohammed Ben Omar zusammen, der ebenso viel Geist, ebensoviel Ueberlegung besitzt, wie du selbst." Ueberhaupt ist es Norm, Jedem die größten Schmeicheleien geradezu ins Gesicht zu sagen: "Bei Gott, wie geistreich du bist, Niemand ist, wenn es Gott gefällt, so großmüthig, wie du; ich habe, Gott stehe mir bei, noch keinen so guten Reiter gesehen, wie du einer bist" u.s.w. Der Geschmeichelte antwortet mit "Kulschi-and-Allah", Alles steht bei Gott, oder mit sonst einer frommen Redensart.
Bei gewissen Ereignissen im menschlichen Leben haben die Marokkaner ihre unveränderlichen Höflichkeitsphrasen. Bei einer Verheirathung: "Gebe Gott, daß sie dein Zelt fülle" (mit Kindern). Wenn ein männlicher Sprößling geboren wird: "Das Kind möge dir Glück bringen." Zu einem Erkrankten: "Sorge nicht, Gott hat die Zahl deiner Krankheitstage gezählt;" zu Einem, der im Gefecht verwundet wurde: "Du bist glücklich, Gott hat dich gezeichnet, um dich nicht (beim jüngsten Gericht oder beim Eintritt ins Paradies) zu vergessen." Will man Jemand über den Verlust eines Angehörigen trösten: "Seit dem Tage, wo er empfangen wurde, stand sein Tod im Buche Gottes", oder: "es war bei Gott geschrieben."
Ueber den Verlust der Frau tröstet man noch besonders mit: "Halt deinen Schmerz an, Gott wird diesen Verlust ersetzen."