Alle diese Redensarten sind unveränderlich, wie bei uns "guten Tag", "wie gehts" &c. Die Marokkaner haben aber auch noch andere Mittel, um sich unbemerkt oder durch Zeichensprache ihre Gedanken mitzutheilen. Zum Beispiel in einer Versammlung wäre es vielleicht wünschenswerth, irgend Jemand über die Gesinnung oder Absicht dieses oder jenes aufzuklären. Er blinzelt ihm mit dem Auge zu, reibt die beiden Zeigefinger an einander, d.h. wir sind oder ihr seid Freunde und verstehen uns oder ihr seid Gesinnungsgenossen. Ein kreuzweises Sägen der beiden Zeigefinger würde Feindschaft andeuten. Dergleichen conventionelle Zeichen haben die Marokkaner sehr viele, wodurch sie reden können, ohne damit in eine allgemeine Unterhaltung eingreifen zu müssen. Und es wird keineswegs als ein Act der Unhöflichkeit betrachtet, sich solcher Zeichen zu bedienen.
Fußnoten:
[6] Nachkommen des Mohammed.
[7] Sollte ja Einer auf den Thron kommen, der nicht Scherif wäre, so würde er kraft der Infallibilität, die jeder Sultan der Gläubigen besitzt, schon Papiere beibringen, um zu beweisen, daß er doch Mohammeds Blut in seinen Adern habe.
6. Beitrag zur Kenntniß der Sitten der Berber in Marokko.
Die Berber, welche Nordafrika und besonders den nordwestlichen Theil des Atlas von Marokko bewohnen, haben mehr als andere dem Islam huldigende Völker ihre eigenen Sitten und Gebräuche beibehalten. Zum großen Theile ist die Gemeinsamkeit der Sprache Ursache dieser Eigenthümlichkeit; denn wie groß auch der Raum ist, den die Berbersprache einnimmt, vom atlantischen Ocean bis zum rothen Meere, so sind die Dialekte derselben keineswegs der Art, daß nicht eine Verständigung zwischen den verschiedenen Stämmen möglich wäre.
Vorzugsweise finden wir aber Berber in Marokko, denn es dürften von der Gesammtbevölkerung des Landes zwei Drittel berberischen und nur ein Drittel arabischen Blutes sein: schlank von Wuchs, weiß von Hautfarbe, zeigen die Berber überhaupt alle die Merkmale, die wir gewohnt sind, der kaukasischen Race beizulegen; daß sie die Abkömmlinge der alten Mauren oder Numider sind, welche unter verschiedenen Namen, als Gätuler, Autolaler &c., fast dieselben Gegenden inne hatten, die wir heute von den Berberstämmen bewohnt sehen,—daran zweifelt Niemand.
So finden wir denn auch heute die Berber so leben, wie sie es vor tausend Jahren gewohnt waren, d.h. ein Theil von ihnen wohnt in Städten, wenn man größere befestigte Ortschaften so nennen will, ein anderer Theil aber wohnt nomadisirend, wie das Mela am Schlusse seines dritten Buches schon hervorhebt: hominum pars silvas frequentant et—pars in ubibus agunt, und daß heute noch dieselben Verhältnisse in Bezug auf dies Land und diese Völker gang und gebe sind, daß wir auch heute kaum mehr vom Inneren Marokkos wissen, als unsere geistigen Vorfahren, die Griechen und Römer, das wird dann klar, wenn wir die Worte des Plinius unterschreiben: "ich wundere mich aber nicht sehr, daß Rittern und Denen, welche aus diesem Orden in den Senat traten, Manches unbekannt geblieben war; aber darüber wundere ich mich, daß es auch der Luxus nicht erforscht hat. Die Macht desselben ist die wirksamste und größte. Denn man durchsucht ja die Wälder um Elfenbein, und alle gätulischen Klippen um Stachel- und Purpurschnecken[8]."
Ist es nicht, als ob dieser Passus heute geschrieben sei? Auch heute, wo der Luxus noch die größte Macht ist, ist es demselben nicht gelungen, Marokko der Civilisation zu öffnen, vielleicht aber auch, weil eben der rechte Luxusartikel, der gerade den Bewohnern genehm wäre, noch nicht gefunden worden ist.