Nach Barth unterscheidet man sodann in Kano je nach der Größe der Frucht vier besondere Arten: guria, die größte, oft 1-1/2 bis zwei Zoll im Durchmesser haltend, die marssakatu, die soara-n-naga und die mena. Nach ihm (Band V. S. 28) unterscheidet man in Kano dann die je nach der Jahreszeit geernteten: die dja-n-karagu, die erste, welche Ende Februar, die gummaguri, die später und die nata, welche zuletzt gesammelt wird und die sich am längsten halten soll. In Timbuktu fand Barth drei verschiedene Arten. Aber alle diese Unterschiede sind nicht durch wesentliche Verschiedenheiten der Nuß selbst bedingt, sondern bestehen nur in willkürlich oder durch Gewohnheit angenommenen Merkmalen der Neger.
Wird die Goro-Nuß alt und trocken, so wird die Oberfläche mehr runzlig und das Fleisch erhärtet fast wie Holz und nimmt eine braunrothe Färbung an. In diesem Zustande wird sie Kola-Nuß genannt, denn nur frische Nüsse heißen Goro. Der Geschmack der Nuß ist aromatisch bitter, etwas adstringirend und zerkaut färbt sie den Speichel gelb-röthlich. Sie hinterläßt einen süßlichen, süßholzartigen Nachgeschmack. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Goro-Nuß auch tonisch wirkt. Dieser angenehme, bitter-süße Geschmack ist aber nur bei frischen Nüssen z0u bemerken, getrocknet verlieren die Kola-Nüsse fast jeden Geschmack, es ist dann fast, kaut man sie, als ob man ungebrannte Kaffeebohnen kaute. Aber auch in diesem Zustande müssen sie noch wirksame Bestandtheile besitzen, denn nur so kann man es sich erklären, daß die Kola-Nüsse noch eine so große Verbreitung und Anwendung haben.
Die Araber, welche mit den Sudanländern Verbindung haben, schreiben der Goro-Nuß aber auch eine starke erotische Kraft zu und gerade dieser Eigenschaften wegen kauen sie dieselbe; außerdem behaupten sie, und dies gewiß mit Recht, daß die Nuß Appetit erregend sei und namentlich der Tabak besonders gut darauf schmecke.
Natürlich kann sich, was räumliche Verbreitung anbetrifft, die Goro-Nuß keineswegs mit Thee, Kaffee, Tabak, Opium oder gar alkoholartigen Getränken messen; wenn wir aber bedenken, daß mehr oder weniger alle Bewohner des nördlichen und nordcentralafrikanischen Continents von diesem Stimulans Gebrauch machen, so liegt doch wohl die Frage nahe, weshalb ist die Goro-Nuß so allgemein in Aufnahme gekommen, warum ist dieselbe heute gewissen Stämmen centralafrikanischer Völker ebenso unentbehrlich geworden, wie den meisten civilisirten Völkern der Thee oder Kaffee?
Die meisten Individuen, die Gebrauch von Thee oder Kaffee machen, wissen nichts von den eigentlichen chemischen Eigenschaften dieser Vegetabilien. Sie haben wohl nie von Koffein gehört; sie würden gar nicht verstehen, wollte man ihnen sagen, daß unsere Physiologen und Chemiker dem Thee und Kaffee directe Wirkungen auf das Gehirn zuschreiben, und dennoch genießen sie unablässig entweder das eine oder das andere Getränk oder auch beide; sie würden sich vollkommen unglücklich fühlen, wollte man sie dieser Genüsse berauben. Die schon mehr Verständigen versuchen wohl die Ausrede, der Kaffee wirke tonisch, der Thee adstringirend, aber der große Haufe nimmt Kaffee und Thee zu sich, weil beide Getränke ihm unbewußt ein undefinirbares Vergnügen und Wohlbehagen verschaffen.
Als ich von meiner Reise nach Centralafrika auf dem Rückwege Sierra Leone berührte, fand ich in der Hauptstadt dieser Halbinsel, in Freetown, auf dem dortigen Markte einen großen Vorrath Goro-Nüsse beider Arten. Ganz auf dieselbe Art verpackt, wie die Neger sie von den Küstenländern in das Innere von Afrika forttransportiren, d.h. zwischen feuchtem Moose gelagert und das Ganze in einem Bastkorbe verpackt, nahm ich einen solchen Korb voll mit nach Europa; die Nüsse hielten sich vortrefflich frisch. In Deutschland angekommen, schickte ich denn auch sogleich an meinen Gönner und Freund, unseren berühmten Chemiker, Baron Liebig, eine Partie Nüsse. Eine davon, welche gepflanzt wurde (im botanischen Garten der Universität), gedieh bis zum Jahre 1869 zu einer kräftigen Staude mit prächtigen, saftgrünen Blättern. Aber am interessantesten war für mich, daß v. Liebig mir mittheilte, daß er in den Goro-Nüssen mehr Koffeïn gefunden habe, als verhältnismäßig in den Kaffeebohnen selbst vorkomme. Man kann also dreist sagen, daß auch bei der Goro-Nuß, wie beim Kaffee oder Thee, das unbewußt Anziehende der Koffeïnstoff ist.
Der Preis der Goro-Nuß ist sehr verschieden, je nach der Oertlichkeit und je nach der Größe und Art der Frucht. Weiße Nüsse gelten an der Küste Westafrika's 3000 Stück einen M.-Th.-Thaler, also das Stück eine Muschel. Rothe, namentlich wenn sie groß sind, gelten aber auch hier oder in der eigentlichen Heimath das Stück fünf Muscheln. Nach Barth schwankt je nach der Jahreszeit, nach ihrer Größe und Güte der Preis einer Nuß in Timbuktu zwischen 10 und 1000 Muscheln. In Kuka steigt der Preis bei schlechten Ernten, bei mangelhaftem Transport (ein Esel kann circa 6000 Nüsse transportiren), oder bei gehemmtem Karawanenverkehr, manchmal auf 500, ja auf 1000 Muscheln für eine einzelne Nuß. Aber so groß ist die Begierde der Neger nach diesem Artikel, daß auch dann sich noch Käufer finden. Unter solchen Umständen theilt man sich gegenseitig die kleinsten Stücke mit, ja unter den gewöhnlichen Leuten ist so wenig Ekel, daß sie keineswegs Anstoß daran nehmen, von einem besser Situirten ein schon halb ausgesogenes und abgekautes Stückchen Nuß zu empfangen, es in den Mund zu nehmen, um es vollends seiner bittern und aromatischen Substanz zu berauben.
In allen Ländern Bornu's, Socoto's, Gando's, Yoruba's &c. ist die Uebersendung eines mit Goro-Nüssen gefüllten Korbes Seitens des Sultans oder Fürsten an den Fremden das Zeichen der Freundschaft und des Willkommens. Je größer die Nüsse, je gefüllter der Korb ist, eines um so besseren Empfanges kann man versichert sein. Und wie der Türke jeden Besucher mit einer Pfeife und einer Tasse Kaffee ehrt, so gehört es mit zum guten Ton in den civilisirten Negerländern, dem Fremden mit einer Goro-Nuß aufzuwarten. Sind die Nüsse selten oder wegen der Jahreszeit oder des Transportes theuer, so theilt man sie mit seinem Gefährten.
2. Tabak.
Von allen betäubenden Mitteln, die zugleich aufregend wirken, ist wohl keines verbreiteter als Tabak, und wenn man zu der Annahme berechtigt ist, daß die Tabakpflanze sich nur von Amerika aus verbreitet hat, Amerika aber erst seit einigen Jahrhunderten für die übrige Welt erschlossen wurde, so muß man noch mehr staunen. Afrika, dieser compacte Erdtheil, der sich allen Culturbestrebungen bis jetzt verschlossen gezeigt hat, hat die Tabakspflanze bis zu seinem innersten Centrum dringen lassen. Nicht etwa, daß der Tabak, einmal eingeführt, sich selbst den Weg gebahnt hätte, wie gewisse Culturpflanzen und auch Unkraute es thun, indem sie mit unwiderstehlicher Macht von selbst vorwärts dringen, es sind die Menschen, die Eingeborenen dieses Erdtheiles selbst die Träger und Verbreiter dieser Pflanze gewesen. Und es giebt wohl keine Art und Weise, den Tabak zu nehmen, die nicht in Afrika Anwendung fände; hier raucht man, dort wird geschnupft, hier kaut man, dort wird Tabak als medizinisches Heilmittel gebraucht. Ja, Duveyrier[15] behauptet sogar, "daß arabische Frauen, mit elf Jahren verheirathet, Mütter mit zwölf Jahren, mit zwanzig Jahren schon Greisinnen, den Tabak als ein Aphrodisiacum gebrauchen, indem sie sich gewisse Körpertheile mit pulverisirtem Tabak bestreuen".