Nur langsam erholt sich diese einst so wichtige Stadt, welche im Alterthum über 100,000 Einwohner, jetzt kaum 10,000 Seelen hat.
Strabo, welcher ausführlich von dieser alten Stadt handelt, sagt[32]. Brundusium soll, wie gesagt wird, eine Colonie der Kreter sein, die mit dem Theseus aus Knossus dahin kamen. Sodann lobt Strabo den Hafen der Stadt, nach ihm ungleich besser als der Tarents, und fügt hinzu, dieser, wie es dem Anscheine nach aussieht, einzige Hafen theilt sich inwendig in eine Menge kleinerer Busen, so daß der gesammte Hafen die Gestalt eines Hirschkopfes bekommt, daher die Stadt auch ihren Namen erhalten haben soll, denn in der Sprache der Messapier heißt ein Hirschkopf Brundusium.
Brundusium ist auch nach Strabo der gewöhnliche Hafen, aus dem man ausfährt, wenn man nach Griechenland oder Asien übersetzen will, und alle Griechen und Asiaten landen auch hier, wenn sie Rom sehen wollen. Brundusium gilt als Geburtsstätte des Tragödiendichters Pacuvius, und Virgil ist hier gestorben.
Mit dem Zusammensinken des römischen Reiches hörte die Blüthe der Stadt aus, natürlich weil der Verkehr zwischen Morgenland und Abendland stockte. Und als dann zur Zeit der Kreuzzüge auf einmal wieder ein lebhafter, wenn auch feindlicher Zusammenstoß zwischen Occident und Orient stattfand, hob sich Brundusium rasch wieder und erlangte eine Einwohnerzahl, die auf 60,000 Seelen veranschlagt wird. Kaiser Barbarossa bevorzugte namentlich den Hafen und er ist auch der Erbauer des Castells. Mit dem Falle Jerusalems, mit der Beendigung der Kreuzzüge hing auch der Verfall Brundusiums zusammen.
Erst jetzt, wo Brindisi wieder Hauptausgangspunkt und Ankunftsort für Abendland und Morgenland geworden ist, hebt sich die Stadt wieder. Da aber jetzt die diese Straße Ziehenden bei Weitem nicht so lange im Hafen weilen wie im Alterthum, so ist der Aufschwung der Stadt ein viel langsamerer. Aber Brindisi wird jedenfalls, wird diese Linie beibehalten, immer eine gewisse Wichtigkeit bewahren.
Die Stadt selbst macht auch nur einen sehr dürftigen Eindruck; zwar sind die Straßen mit herrlichen Quadern gepflastert, aber meist sehr schmal, die Häuser zum größten Theile einstöckig, und dann macht es einen höchst traurigen Eindruck, daß so viele Bauten unvollendet gelassen, zum Theil schon wieder Ruine geworden sind. Was war die Ursache davon? Hatte man kein Geld, keine Lust zum Weiterbauen? Aber wie erquickt Einen das herrliche Grün, wie lächeln Einem die allbekannten Opuntien und langblätterigen Aloës zu, wie bekannt und heimisch winkt der hohe Palmbaum! Dazu das lebendige Treiben auf der Straße. Die wirklich madonnenhaften Antlitze der jungen Mädchen, denn eine durchweg schöne Bevölkerung ist in Apulien und namentlich der weibliche Theil, ist fast durchaus schön zu nennen.
Und so wie es ist muß es auch sein; ich möchte nichts von dem wissen, wie wir uns Italien seit jeher vorgestellt haben und wie es in der That ist. Da scandalirt man über den Schmutz[33] der neapolitanischen Bevölkerung, über die shocking Nacktheit der dort herumlaufenden, herumkriechenden Kinder, aber man mache einmal aus Neapel eine nach holländischer Art abgewaschene Stadt—und Neapel ist nicht mehr Neapel.
Ein ununterbrochener Regen goß herab, auf der Post fand ich einen Brief von Ernst[34], dem an der Grenze die Patronen confiscirt waren, der sonst aber wohlbehalten mit Taubert[35] in Triest angekommen war. Auch Jordan[36] schrieb von dort vom 20.: er sei mit Remelé[37] und drei Dienern in Triest angekommen, habe meine beiden Diener gefunden und Freitag Nachts hätten sie sich an Bord begeben. Zittel[38] und Schweinfurth[39] könnten nun möglicherweise am selben Abend noch hierher kommen, wenn sie nicht auch die Route Triest genommen hätten; am Abend vorher hatte ich sie vergebens erwartet.
Als ich meine Briefe postirt hatte, legte sich der Platzregen, welcher den ganzen Morgen mit ununterbrochener Wuth herabgeströmt war, und bald darauf erschien der Archidiakon Farentini, um mich abzuholen. Er zeigte mir zuerst eine höchst merkwürdige Kirche, eine sehr alte Baute, die ursprünglich frei angelegt, später durch den Ueberbau einer anderen Kirche zu einer Krypta gemacht und jetzt wieder durch Hinwegräumung des umgebenden Terrains eine überirdische Kirche geworden ist. Sie rührt aus dem 5. oder 6. Jahrhundert her. Sodann gingen wir nach einer Rotunde, einer Ruine, von der die Reisebücher behaupten, sie sei als christliche Kirche gebaut, was indeß keineswegs erwiesen ist. Jedenfalls rühren die Säulen, die Capitäler von verschiedener Ordnung von alten römischen oder griechischen Tempeln her. Es war mittlerweile dunkel geworden und wir verabschiedeten uns von einander.
Bei meiner Nachhausekunft fand ich Zittel und Ascherson vor. Sie waren beide über Rom und Neapel Nachmittags in Brindisi eingetroffen und Ascherson hatte den kurzen Aufenthalt schon benutzt, um zu botanisiren; ganz mit Pflanzen beladen kam er nach Hause. Wir dinirten noch gemeinschaftlich und gingen dann um 7 Uhr an Bord. Zuerst hatten Noël und ich, Ascherson und Zittel je eine Cajüte für uns, als aber dann in unsere Cabinen noch fremde Leute hineingesteckt wurden, tauschten wir derart, daß wir Vier zusammenkamen. Ich konnte die Nacht gar nicht schlafen, die Betten waren sehr hart und schmal und gegen Morgen entstand ein Höllenlärm, denn um 3 Uhr kam ein Londoner Expreßtrain, den auch Schweinfurth benutzt hatte, von Bologna und um 8 Uhr Morgens kurz vor Frühstückszeit, als wir auf dem Deck erschienen, waren wir schon en route; es war köstliches Wetter, das Meer leicht gewellt, was aber dem sehr großen Dampfer keine Bewegung verursachte.