Um 10 Uhr Morgens fuhren wir bei der griechischen Stadt Navarin vorbei; auch an dem Tage herrliches Wetter, wenn auch etwas trüber. Je mehr wir nach dem Süden kamen, desto milder wurde die Lufttemperatur und Abends hatten wir immer das schönste Meerleuchten, und die Zeit wäre gewiß so angenehm wie möglich vergangen, wenn nicht Regenwetter eingetreten wäre, welches uns nöthigte unter Deck zu bleiben. Die letzten beiden Tage hatten wir sogar Sturm; Zittel und Ascherson waren seekrank, Schweinfurth, Noël und ich hielten uns vortrefflich; aber Zittel mußte einen ganzen Tag im Bette liegen, da er sich stark erkältet hatte und heftige Halsschmerzen bekam. Und doch war es so warm. 20 Grad im Schatten.

Um 12 Uhr Mittags kamen wir in den Hafen von Alexandrien; wir mußten die Quarantäne am Bord des Schiffes bis übermorgen Mittag halten. Alle Sachen waren angekommen und alles Andere war von Menshausen, einem deutschen Kaufmanne, besorgt. Der Vicekönig war in Kairo und v. Jasmund auch, der dort sich augenblicklich mit dem Prinzen von Hohenzollern aufhielt. In Alexandria war projectirt, nur einen Tag zu bleiben, in Kairo drei bis vier, um dann gleich bis Minieh oder Siut (Hauptstadt von Oberägypten am Nil) vorwärts zu gehen.

Welch' bewegtes Leben hier in Skendria oder Alexandria! Wir lagen am Eingange des Hafens auf der Rhede. Rechts der schöne Mex-Palast von Said Pascha, links der Leuchtthurm und der schneeweiße Palast von Mehemed Ali, der Mastenwald, mit der Stadt im Hintergrunde vor uns. In der Ferne ein üppiger Palmenwald: dies das Panorama von unserem Schiffe. Auf dem Schiffe selbst zerlumpte Soldaten mit gelber Schärpe, Abzeichen der Quarantäne. Dafür, daß ich mit Menshausen sprach, kam der wie ein Bänkelsänger aussehende Soldat gleich mit offener Hand auf mich los: "nrid backschisch", "ich möchte Trinkgeld." Er war sehr bedonnert, als ich ihn in arabischer Sprache fragte, wie er dazu käme und mit welchem Rechte er bettele. Natürlich gab ich ihm trotzdem sein Backschisch.

Schweinfurth war wieder hergestellt und Zittel und Ascherson natürlich wie durch Zauber ihrer Krankheit hier im sicheren Hafen überhoben. Mit den übrigen Herren auf dem Lloydschiffe, welches auch gekommen war und einen Flintenschuß weit von uns lag, tauschten wir, sobald wir uns durchs Fernrohr erkannten, laute Hurrahrufe aus und später kamen Jordan und Remelé herüber, um uns (natürlich immer in respectvoller Distance, da sie fünf, wir aber nur zwei Tage Quarantäne halten sollten) zu begrüßen. Die Armen mußten darauf aber das Schiff verlassen, um am Lande die Quarantäne abzuhalten. Das ist langweilig und kostspielig für sie; aber amüsant mußte es ihnen sein, die zahlreichen Pilger zu beobachten, welche, an dem Tage von Marokko kommend, ein englischer Dampfer gebracht hatte, etwa 1000 an der Zahl. Das war ein sonderbarer Anblick; ein bunteres Bild konnte man kaum sehen, als sie in kleinen Barken zu 8-10 Mann nach dem Quarantäne-Gebäude geschafft wurden. Aber bunt kann man eigentlich nicht sagen, weil alle entweder in einem schmutziggrauen, schmutzigbraunen oder schwarzen Burnus eingewickelt waren und offenbar die schlechtesten Gewänder trugen, die sie überhaupt in ihrer Heimath von ihren Angehörigen hatten auftreiben können. Wie merkwürdig, daß sich dieser Pilgerzug mitten durch die civilisirtesten Länder und Völker hindurch immer noch erhält, denn eine Abnahme des Pilgerns ist wohl kaum zu spüren. Und wie merkwürdig, daß die christlichen Engländer es heute unternehmen, die fanatischen Gläubigen zu ihrer heiligen Stätte zu führen. Auf der einen Seite geben sie jährlich Hunderttausende von Pfund Sterling aus, um dem Umsichgreifen des Islam durch christliche Missionen ein Ziel zu setzen, auf der anderen Seite leisten sie demselben Vorschub dadurch, daß sie das Pilgern erleichtern, denn es kann nicht geläugnet werden, daß die jährlichen Zusammenkünfte am Berge Ararat und beim schwarzen Steine in Mekka die Mohammedaner zu immer neuem Fanatismus anfachen. Das ist bei den mohammedanischen Pilgerfahrten so gut der Fall, wie bei den katholischen. Uebrigens Angesichts unserer eigenen Pilgerreisen inmitten des civilisirten Europa ist es kaum erlaubt, darüber zu staunen; denn dem Unparteiischen muß es schließlich einerlei sein, ob er in Nordafrika dumme Schafheerden nach Mekka strömen sieht, oder solche von Frankreich, von Belgien, vom Rhein aus auf dem Wege nach Rom erblickt. Hier sowohl wie dort wird Dasselbe erstrebt: In Mekka wie in Rom ist für den Hohenpriester die Hauptsache, Geld zu bekommen, für die Pilger, sich Verdienste und Vergebung der Sünden zu erwerben. Einen Unterschied vermögen wir absolut nicht zu finden. Dummheit und Aberglaube sind bei den Mohammedanern wie Christen die Triebfedern.

Langeweile hatten wir an Bord nicht; die Passagiere waren noch fast alle geblieben, nur die India-Reisenden gingen am selben Tage mit einem direct nach Suez gehenden Zuge ab. Ein solcher Quarantäne-Zug wird verschlossen, darf nirgends halten und ohne Aufenthalt geht es in Suez wieder an Bord. Der Hafen ist ungemein belebt; Dampfer kommen und gehen; einige, die von inficirten Häfen kommen, werden mit der gelben Flagge, dem Abzeichen, daß sie in Quarantäne sind, geschmückt; andere, die aus gesunden Häfen ausgelaufen sind, bleiben ohne gelbes Abzeichen und dürfen gleich mit der Stadt communiciren.

Endlich schlug die ersehnte Stunde: zwei Cavassen vom Generalconsulat kamen an Bord, und uns und unsere Sachen einladend ging es fort und bald darauf hielten wir vor Abbat's Hôtel, an einem der schönsten Plätze Alexandriens gelegen. Ich ging zuerst zu Menshausen und dann auf's Consulat. Herr v. Jasmund empfing mich sehr freundlich. Für den Abend war ich mit allen meinen Begleitern zum Essen auf's Consulat geladen.

Jordan und Remelé waren gestern Abend auch noch aus der Quarantäne befreit werden, welche also keineswegs so streng beobachtet und gehalten wurde, wie ursprünglich war angeordnet worden, und so waren wir denn Alle vereint im Hôtel Abbat, wo wir zum ersten Male erfahren sollten, mit ägyptischen Preisen zu rechnen. Allein für die Diener mußte ich täglich 40 Frcs. ausgeben. Im Uebrigen konnte man mit den Zimmern, dem Essen und der Bedienung zufrieden sein, obschon die Hôtels in Alexandrien nicht so gut sind, wie die in Kairo, da in der Hafenstadt die Passagiere nur ein bis zwei Tage zu bleiben pflegen, wogegen sie in Kairo manchmal Monate lang weilen.

In Alexandria wurde meine ganze Zeit durch geschäftliche Angelegenheiten in Anspruch genommen. Nur Abends hatten wir Ruhe, uns an einem Glase Bier zu erlaben.

Bei unserer demnächstigen Abreise von Alexandrien war am Schalter wieder eine entsetzliche Wirthschaft: Es ist unglaublich, mit welcher Gemüthsruhe der Billeteur die sich drängenden und ungeduldigen Reisenden am Schalter abfertigt. Werden sie gar zu lästig, hört er einige "goddam" oder "au sacre nom de Dieu" oder Kreuz-Millionen-Donnerwetter, dann entfernt er sich für fünf Minuten, nimmt eine Tasse Kaffee, um mit neuen Kräften dem Publicum entgegentreten zu können. Endlich war an mich die Reihe gekommen, ich hatte meine Billets, die Bagage wurde eingeschrieben und bald darauf ging's fort. Da Ascherson, Jordan und Remelé noch zurückblieben, um mit einem anderen Zuge nachzufahren, so lud Herr v. Jasmund uns ein, in sein Coupé zu steigen. Die Generalkonsuln in Alexandrien bekommen jedesmal ein eigenes Coupé, wenn sie reisen.

Ich unterlasse es, über die Fahrt auch nur ein Wort zu sagen, doch muß ich erwähnen, daß wir in Kassar Sayet, beim Uebergange des linken Nilarmes, mit Nubar Pascha, der von Kairo nach Alexandria fuhr, zusammenkamen und demselben vorgestellt wurden. Eigenthümlich, ich hatte mir den Mann ganz anders gedacht, mehr diplomatenmäßig, d.h. wie bei uns die Staatsmänner auszusehen pflegen. Damit will ich aber keineswegs sagen, daß Nubar eine gewöhnliche Physiognomie habe, im Gegentheil, namentlich sein Auge ist wunderschön. Im Französischen drückt er sich gewandt aus. Er theilte uns mit, der Vicekönig wünsche der Expedition einen so wenig officiellen Anstrich wie möglich zu geben und deshalb müßten wir von einer militärischen Escorte abstehen. Dahingegen garantire er absolute Sicherheit der Gegend zwischen dem Nil und den Uah-Oasen. Die Unterredung dauerte nur kurze Zeit, da die Züge bald darauf wieder abfuhren. Mir war nichts angenehmer, aus der lästigen Escorte ledig zu sein. Wie ich denn überhaupt bemerken muß, daß der Gedanke einer militärischen Begleitung keineswegs von mir, sondern ursprünglich vom Chedive selbst ausging und zwar so gestellt wurde, daß ich glauben mußte, dem Chedive sei daran gelegen, eine militärische Bedeckung mitzugeben.