Mit dem Zuge, den wir benutzten, erreicht man Kairo in fünftehalb Stunden. Um 1 Uhr waren wir denn auch angelangt, nachdem schon längere Zeit vorher die Pyramiden, die Gräber der Chalifen, die schlanken Minarets der Mohammed-Ali-Moschee ihren Willkommengruß uns entgegen gesandt hatten.

Angekommen, begaben wir uns sogleich ins Nil-Hôtel, nachdem ich vorher vergeblich versucht hatte, die Diener in einem billigeren Hôtel unterzubringen. Nachmittags besuchten wir das Consulat, fanden aber, daß unser deutscher Viceconsul Travers auf einer Tour nach Minieh war, um den Prinzen von Hohenzollern dorthin zu begleiten. Abends waren wir im Theater und hörten die "Aida" von Verdi, welche in dieser Saison zum ersten Male aufgeführt wurde. Wer hätte nicht von den Wundern gehört, welche der Chedive durch Zaubergewalt in seiner Hauptstadt seit Jahren entstehen läßt? Wenn auch nicht alle gleich an Pracht, wie solche bei Eröffnung des Suez-Kanals dem Auge sich darbot, zeigen doch die Werke, welche der Vicekönig seitdem nach und nach ins Leben rief, um die Freuden des Lebens durch Kunstgenüsse zu erhöhen, einen derartig großen Anstrich, daß es sich wohl verlohnt, dabei zu verweilen.

Einen Lieblingsgedanken, eine Oper zu besitzen, verwirklichte Ismael Pascha bald, nachdem die Feierlichkeiten der Kanaleröffnung vorüber waren, indem er auf dem prächtigen Esbekieh-Platze ein Gebäude mit Allem, was dazu gehört, für eine italienische Oper herrichten ließ. Um dasselbe würdig einzuweihen, veranlaßte er den Maëstro Verdi, eigens eine Oper dafür zu componiren. Den geschichtlichen Stoff lieferte Mariette, die literarische Redaction besorgte Ghislanzoni.

Präcis 8 Uhr begann man mit der Ouverture, welche von einem vollkommen eingeübten Orchester meisterhaft vorgetragen wurde. Ebenso tadellos war die ganze Aufführung. Sänger und Sängerinnen sind durchweg ersten Ranges, namentlich der Tenor (Radames) Sigr. Fancelli, von einer Stärke und Höhe der Stimme, wie man ihn gewiß selten an einer der größten Bühnen Deutschlands findet. Was die Sängerinnen anbetrifft, so waren dieselben in der Saison nur aus Deutschland recrutirt, die Aida wurde von Fräulein Stolz, Amneris von Fräulein Waldmann repräsentirt. Beide waren in ihrer Art vorzüglich.

Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß man bei der Costümirung auf größte Genauigkeit gesehen hat, um Kleidung und alte Gegenstände so herzustellen, wie sie durch die Aegyptologen uns bekannt und wie sie uns in den Museen aufbewahrt sind. Dazu ist Alles mit einer Pracht hergerichtet, wie es eben nur ein Fürst zu leisten vermag, dessen Mittel fast unbeschränkt sind.

Was das Sujet anbetrifft, so ist es der ägyptischen Geschichte entnommen. Aegypten und Abessinien liegen seit Jahren in Krieg miteinander. Der Feldherr des Königs von Aegypten, Namens Radames hat die Tochter des äthiopischen Königs Amonasro, Namens Aida, gefangen genommen, er giebt sie der Tochter seines ägyptischen Königs, Namens Amneris, zur Sclavin. Radames verliebt sich aber in Aida und wird von Aida wieder geliebt. Später wird der äthiopische König Amonasro auch noch gefangen genommen. Amonasro und Aida finden sich wieder, Beide, Vater und Tochter, Gefangene am ägyptischen Hofe. Man begnadigt Beide und will sie ziehen lassen. Amonasro aber überredet seine Tochter, die Liebe Radames' zubenutzen, um ihn über einen Kriegsplan auszuforschen; sie weicht endlich den Bitten des Vaters und Radames widersteht nicht dem Flehen der Aida. Er fängt an, den Plan zu verrathen, aber gerade in dem Momente kommt Amneris hinzu. Radames flieht nicht, er klagt sich selbst an, die Königstochter überliefert ihn aus Eifersucht den Priestern, er wird zum Tode verurtheilt und kann dann trotz der bitteren Reue der Amneris nicht gerettet werden. Lebendig in einem Grabe eingemauert, theilt Aida freiwillig sein Loos.

Eine solche Aufführung, wie sie in Kairo Statt hatte, muß selbst den verwöhntesten Geschmack befriedigen. Die Musik freilich wird wohl nicht überall Beifall finden. Die Freunde der Harmonie werden sagen, es sind zu viel Wagner'sche Anklänge vorhanden, die Wagnerianer werden die Musik zu dünn und zu wenig überwältigend finden. In der That ist Verdi bei dieser Composition ganz aus seiner Rolle gefallen. Der Componist des "Ernani", des "Trovatore" hat sich im Wagnerianismus versuchen wollen, aber nichts als zwangvolle Sätze sind entstanden, welche das Publicum kalt lassen.

Die innere Einrichtung des Opernhauses ist reizend. Die Bühne ist verhältnißmäßig groß, ebenso der Orchesterraum. Links hat der Chedive eine Prosceniumsloge, die gleich hoch allen Logenreihen ist, darunter eine kleine dicht am Orchester. Rechts ist die chedivische Haremsloge, durch ein so feines Eisengitter verschleiert, daß die Meisten glauben, dies weiße Gewebe seien Tüllgardinen, aber in der That besteht es aus dem feinsten Eisendraht. Daran schließen sich vier andere, ähnlich verschleierte Logen, für andere Haremsdamen hoher Würdenträger.

Das Opernhaus hat vier Logenreihen übereinander. Im ersten Stock, also parallel mit den Logen ersten Ranges, befindet sich ein großes und fürstlich eingerichtetes Foyer, zugänglich für Jedermann. Daneben sind Restaurationslocale, die man übrigens auch unten findet.

Zu der Zeit wurde das Opernhaus erheblich vergrößert, weil die damaligen Räume zur Aufbewahrung der Decorationen keineswegs genügten.