Am folgenden Tage wurden wir um 10-1/2 Uhr zum Vicekönige befohlen; wir holten Herrn v. Jasmund ab. Der Vicekönig residirt in einem neuen Palais im neuen Stadttheile Ismaelia. Nach wenigen Vorstellungen, die zwischen Ali Pascha, dem Ceremonienmeister und dann einem Anderen, der der Großsiegelbewahrer ist, stattfanden, führte man uns die Treppe hinauf, wo wir oben vom Vicekönige empfangen wurden. Aus dem großen Saale führte er uns in ein kleines Zimmer. Die Unterhaltnng drehte sich natürlich nur um die Expedition. Zuerst aber, nachdem wir vorgestellt waren, hielt Herr v. Jasmund einen kleinen speech, worin er dem Vicekönige dankte für das, was er für die wissenschaftliche Expedition gethan. Dann erwiderte der Vicekönig, wie glücklich er sich schätze, mit solchen Leuten eine solche Expedition organisiren zu können, und dann stattete ich meine Grüße ab und dankte im Namen des Kaisers und Königs. Als ich dies sagte, erhob sich der Chedive von seinem Platze, aus Ehrfurcht vor dem Namen Sr. Majestät und Sr. Kaiserlichen Hoheit des Kronprinzen.
Hierauf war lange Unterhaltung (die Audienz dauerte 3/4 Stunden) über die Expedition und hierbei beklagte sich der Vicekönig bitter über Bakers Expedition, der unnütz Menschenblut vergossen und für Abschaffung des Sclavenhandels nichts gethan habe. Diese vom Vicekönige gesprochenen Worte bekräftigten also in der That, daß Sir Samuel gar nichts erreicht hat, daß seine Expedition vielmehr nach der Aussage des Chedive nur unheilvoll wirkte. Ich begriff nun auch, warum die ägyptische Regierung meiner Expedition so wenig officiellen Charakter, wie möglich, geben wollte. Gegen Samuel Baker scheint der Chedive jedoch sich ganz anders geäußert zu haben; wenigstens lesen wir in Bakers "Ismailia", daß der Chedive seine Dienste durch die Verleihung des Osmanieh-Orden belohnte, und daß Baker selbst meint, sein fester Glaube auf die Unterstützung der Vorsehung sei nicht unbelohnt geblieben, also seine Aufgaben für gelöst hielt. Das kann ich bestätigen, daß der Chedive keineswegs gesonnen schien, die Baker'sche Expedition aufzugeben, sondern in Colonel Gordon einen würdigen Mann fand, der da wieder anknüpfte, wo Baker sein Unternehmen abgebrochen hatte.
Der Vicekönig, 1830 geboren, also jetzt 45 Jahre alt, hat eine gedrungene Gestalt, ein sympathisches Gesicht, freundliche Augen, im Ganzen ein sehr intelligentes Aeußere. Jedenfalls, nach seiner Physiognomie zu schließen, ein Mann, der mehr liebt, das Gute zu thun, als das Böse.
Als wir uns verabschiedet hatten, begab ich mich mit v. Jasmund nach seinem Hôtel, um noch einige Punkte wegen des Dampfers, der Kamele &c. zu präcisiren und zu Papier zu bringen.
Darüber war es Mittag geworden. Nach Tische kam Jasmund, mich abzuholen zu einem Besuche bei Hussein Pascha, dem zweiten Sohne des Vicekönigs, der den öffentlichen Arbeiten vorsteht. Es handelte sich nämlich darum, die Papiere bezüglich des Nivellements der Eisenbahnstrecke von Siut zu bekommen, damit wir bei unserem Vorgehen von diesem Punkte eine bestimmte Basis hätten. Hussein wohnt auf der Kasbah und im selben Palais oder Harem, in welchem der große Mohammed Ali sein Leben ausgehaucht hat. Ein großartiges Gebäude von colossalen Dimensionen, dessen Bel-Etage ein immenses Kreuz bildet, derart, daß 1 das Audienzzimmer, 2 den Saal und 3, 3, 3 noch andere Zimmer umfassen. Wie im chedivischen Palaste, war auch hier Alles auf's Geschmachvollste, auf's Reichste und ohne Ueberladung decorirt. Aber die Kasbah hat nicht nur diesen einen Palast, sondern es ist dies ein Complex von Forts, Schlössern und Moscheen. Da ist z.B. das Palais, in dem der Vicekönig die Beiramsfestlichkeiten abhält, da ist vor Allem die ganz aus Alabaster, oder besser gesagt, aus ägyptischem Marmor erbaute Moschee Mehemed Ali's.
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Mögen nun auch die Architekten sagen, was sie wollen, mögen sie behaupten, diese Bauten zeigen keinen bestimmten Stil, mögen sie glauben, die Minarets seien im Verhältnis zu ihrer bedeutenden Höhe zu dünn oder zu wenig umfangreich, es steht fest, daß gerade diese Moschee eine der Hauptzierden Kairos ist, daß man ohne sie sich Kairo nicht mehr vorstellen könnte. Und in ihren einzelnen Theilen wie im Ganzen kann man sie nur schön nennen, im Innern, wie im Aeußern. Nur der häßliche Uhrthurm auf der Westfaçade des Hofes, aus Holz erbaut, paßt nicht zum Ensemble. Wir besuchten natürlich auch das Innere, es wurden uns die obligaten Schuhe übergezogen, aber ich merkte einen Fortschritt, sie waren nicht wie früher aus Stroh, sondern aus Tuch und wurden festgebunden durch Bänder.
Eine stark vergitterte Abtheilung wurde mir gezeigt und gesagt, es sei das der Ort, wo eventuell der türkische Sultan seinen Sitz nähme; dies scheint mir problematisch, ich glaube vielmehr, es ist eine Einrichtung für den Harem.
Nachdem wir dann die unvergleichlich schöne Aussicht von dem Punkte aus genossen hatten, wo beim Massacre der Mameluken einer derselben sich durch einen kühnen Sprung in die Tiefe gerettet haben soll, ein Punkt, von welchem aus man die Stadt, die Gräber der Chalifen, das rothe Gebirge (Gebel ahmer), das Mokhatan-Gebirge, die Pyramiden, den Nil, ein großes Stück des üppigen Nil-Delta und die unendliche Sahara überblickt, ein Punkt, von dem aus man das vollkommenste Bild über Aegypten gewinnt, wo man den Charakter dieses Landes mit einem Blick überschauen kann—nachdem wir dies in uns aufgenommen, stiegen wir zur Hassan-Moschee, am Fuße der Kasbah gelegen, hinab.
Die Hassan- Moschee gilt überall als die schönste Moschee von Kairo und doch keineswegs mit Recht. Die Großartigkeit der Steinmauern bestreite ich nicht, aber die schon zugeschnittenen Quadern wurden von den Pyramiden entnommen. Die Zartheit, das Kühne des Tropfsteingewölbes, das Unglaubliche der Stalaktiten-Kuppeln gebe ich gern zu, aber das Material dazu ist von Holz, und mit Widerwillen fast wird man hier an das Vergängliche, an das Unsolide aller maurischen Bauten erinnert. Dazu kommt, daß diese Holz-Stalaktiten-Bauten derart vernachlässigt und zerfallen sind, daß alle Schönheit schon zu Grunde gegangen ist.