Was aber für den mit der religiösen Geschichte der Mohammedaner Vertrauten ungleich mehr auffällt, ist der Grundriß der Moschee. Bis jetzt hat noch kein Architekt darauf aufmerksam gemacht. Im gewöhnlichen Stil besteht nämlich jede Moschee aus zwei Körpern: dem bedeckten, nach Osten gerichteten Theile, aus manchmal vielen Säulenhallen bestehend, und dem unbedeckten Hofe im Westen, beide in der Regel viereckig. Die Hassan-Moschee aber hat im Hofe als Grundriß ein vollkommenes Kreuz. Wenn man weiß, wie furchtbar der Moslim Alles haßt, was nur irgendwie an die Form des Kreuzes erinnert, so muß man sich wundern, daß dies hier so prägnant zum Ausdruck gekommen ist. Jedenfalls ist es unbewußt geschehen, denn der uns begleitende Priester gab mir den Schlüssel dazu folgendermaßen: Jeder der Kreuzflügel, welche, beiläufig gesagt, überwölbt sind, dient zur Aufnahme der Anhänger der vier rechtgläubigen Bekenner, so daß in dem einen die Malekiten, im anderen die Schaffeïten, im dritten die Hambaliten, im vierten die Hanesiten Platz finden. Sultan Hassan liegt in der Moschee begraben und rund um sein Grab sieht man die unvertilgbaren Spuren von Blutlachen, Zeugen der Ermordung von Mameluken, welche sich beim Massacre in die Moschee geflüchtet hatten.

Hiernach begleiteten wir v. Jasmund nach Hause und fuhren, Zittel und ich, sodann zu Mariette Bei, dem Director des Bulac-Museums, fanden ihn aber nicht zu Hause. Das Museum konnten wir auch nur sehr flüchtig besehen, da es dunkel wurde.

Nach dem Essen gingen die Anderen noch etwas spazieren, ich schrieb, machte auch einen Gang auf die Esbekieh und hiernach trafen Zittel und ich uns wieder im Nil-Hôtel. Wir saßen Abends noch lange im Mondschein, der Mond stand hoch, fast im Zenith über uns. Die blühenden, wie Heliotrop duftenden Akazien, die milden Lüfte, Alles war zauberisch schön. Solche duftende ruhige Nächte giebt es nur in Nordafrika, wo die Nächte Winters und Sommers sich fast stets durch absolute Windlosigkeit der Atmosphäre auszeichnen.

Ein wichtiges Geschäft war dann noch abzuwickeln, nämlich gute Diener zu engagiren. Eine gewisse Erleichterung gewährte Kairo in sofern, als alle unbeschäftigten fremden Leute, alte und junge, in der Stadt einem Schich unterstehen, der, so lange sie in Kairo sind, für ihr Betragen der Polizei haftbar ist. Dieser Schich besorgte mir sodann Leute, so viel ich brauchte, und da außerdem die Polizei sich noch drein mischte, konnte ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, gute und brave Leute engagirt zu haben. Gleich von vornherein kann ich dies auch hier bestätigen, denn im Ganzen hatten wir recht treue Diener; und wenn selbst der fromme Doctor der Theologie, welcher Prof. Ascherson's Diener war, diesen so unverschämt betrog, so folgte er wohl nur religiösen Motiven oder glaubte vielmehr seine Betrügereien durch den Mantel der Religion bedecken zu können. Ein alter Diener, den ich in Tripolis aus der Sclaverei befreit und über Cyrenaica und Siuah hierher gebracht hatte, fand mich hier wieder. Es war rührend, als er kam, mir die Hand küßte, weinte und mir das Certificat zurückstellte mit den Worten: "Jetzt brauche ich es nicht mehr, jetzt habe ich Dich wiedergefunden."

Nachdem viele Einkäufe besorgt waren, gingen wir sodann zur Sitzung des Institut d'Égypte, wo man uns zu Ehren eine Versammlung anberaumt hatte. Da waren alle Notabilitäten der Wissenschaft Aegyptens vertreten. Mariette Bei, der berühmte Aegyptolog, präsidirte. Die Sitzung war in einem Saale des Ministeriums des Innern. Nach einer einleitenden Rede und nach Verlesung des procès verbal der letzten Verhandlung verlas ich eine Rede in französischer Sprache. Es war recht feierlich, v. Jasmund war auch da und Schweinfurth von Alexandrien herüber gekommen.

Nach diesem kurzen Aufenthalte in Alexandrien und Kairo wurde Siut erreicht, von wo die eigentliche Expedition beginnen sollte. Aber gleich beim Beginne stellten sich die Schwierigkeiten bedeutend größer heraus, als man vermuthet hatte, denn es galt, die Kamele mit Futter zu beladen, da man sich Angesichts einer absolut vegetationslosen Wüste befand. Nachdem die Bohnen, welche zu einer Reise von zwanzig Tagen nothwendig wurden, an Ort und Stelle waren, traten wir am 18. December den Marsch in die Wüste an. Dieselbe offenbarte denn auch gleich an den ersten Tagen ihre ganzen Schrecken und Gefahren, denn man befand sich in der trostlosesten Einöde. Allerdings nicht so vegetationslos, daß nicht hier und da noch einige Kräuter gesproßt hätten, aber keineswegs so krautreich, daß man darin hätte Kamele weiden können.

Nur dieser Theil der Sahara, die sogenannte Libysche Wüste, kennzeichnet sich durch eine so außerordentliche Armuth an Pflanzen, denn in der ganzen übrigen Sahara nehmen Karawanen nie Futter für die Kamele mit, sondern die Thiere begnügen sich mit dem, was sie unterwegs finden. Nur südlich von Tedjerri in Fessan hat man auch ein Terrain zu durchziehen, wo man für einige Tage Datteln als Kamelfutter mitzunehmen pflegt.

Wir erreichten dann zunächst die kleine Oase Farafrah, keineswegs dem Nil zunächst gelegen, im Gegentheil, sie ist von Sinah am Nil die entfernteste. Aber ich hatte diesen Weg vorgezogen, weil er ein vollkommen neuer, noch nie von Europäern begangener war. Das Erscheinen einer so großen Karavane, 100 Kamele und circa 80 Mann, rief natürlich die größte Angst, der alsbald das Staunen folgte, bei den Eingeborenen hervor, aber als sie schnell gewahr wurden, daß wir in friedlicher Absicht gekommen waren, etablirte sich ein leidliches Verhältniß zwischen uns, soweit der Fanatismus der Bewohner es gestattete.

Sodann mußten wir nach einigen Tagen uns nach Dachel wenden, da wir in Farafrah weder für uns noch für unsere Kamele Vorräthe auftreiben konnten. Wir folgten derselben Route, welche vor uns Cailliaud gezogen war, und erreichten nach einer Woche diese freundlichste aller Uah-Oasen. Und so freundlich uns die Landschaft und der Hauptort Gasr entgegenlachten, so zuvorkommend wurden wir hier auch empfangen von der Behörde und der ganzen Bevölkerung. Erwähnen muß ich allerdings, daß die Farafrenser über unsere Ankunft noch nicht unterrichtet waren, als wir dort eintrafen, in Dachel hingegen die Behörde von Siut aus schon instruirt war, uns freundlich aufzunehmen.

Aber auch hier in Dachel waren die Vorräthe nicht so reichlich, wie man uns es vorgespiegelt hatte, und ich war gezwungen, nach Siut zurückzusenden, um sechzig neue Kamelladungen Bohnen kommen zu lassen. Aber ehe dieselben eintrafen, vermochte ich Prof. Jordan, vorauszugehen. Freilich hatte er mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, aber als dann Zittel auch bald nachrücken konnte, wurde abermals weiter vorgegangen und die Expedition erreichte fast den 27° O.L. v. Gr. und blieb vor einer mächtigen, von Norden nach Süden streichenden Düne liegen. Hier fand ich dieselbe lagern, als ich selbst nach einiger Zeit dort eintraf.