Eine Recognoscirung, die Zittel zu Fuße schon vorher gemacht hatte, eine andere, die ich selbst mit Prof. Jordan unternahm, stellte nun zur Evidenz heraus, daß an ein weiteres Vorgehen nach Westen nicht zu denken sei. Wir befanden uns Angesichts eines Sandmeeres, welches aus 100-150 Meter hohen Sandketten mit steilen Böschungen bestand. Die Zwischenräume zwischen diesen Sandketten waren ebenfalls mit Sand bedeckt, zeigten kein nacktes Gestein. Es traten nun zwei entscheidende Gründe ein, die uns zwangen, von weiterem Vorgehen nach Westen abzustehen. Erstens waren es die hohen, von Norden nach Süden ziehenden Dünen, welche zu jeder Uebersteigung mehrere Stunden nöthig machten und wodurch wir sodann höchstens per Tag 20 Kilometer hätten vordringen können mit der gewissen Aussicht, nach acht Tagen sämmtliche Kamele todt oder "batal"[40] gehabt zu haben. Zweitens war es unmöglich, im Sandmeer Wegzeichen zu errichten; der geringste Samum würde sie umgeweht haben; mithin war eine weitere Depôtbildung, die unumgänglich nothwendig war, sowie eine constante Verbindung mit dem Hauptdepôt Dachel nicht zu ermöglichen.

Sobald daher das Unausführbare, Kufra von Westen aus mit den uns zu Gebote stehenden Locomobilen zu erreichen, constatirt war, beschlossen wir, mit den Dünen nach Norden zu gehen, um womöglich einen Durchgang, ein Aufhören der Dünen zu finden oder Siuah zu erreichen. Die Dünen hörten nicht auf, wir waren während 14 Tagen stets zwischen hohen Ketten von Sandbergen und legten einen der sonderbarsten Märsche zurück, welche je in Afrika gemacht worden sind. Ohne Führer waren wir, wie das Schiff auf dem Meere, nur dem Compaß vertrauend, angewiesen, der einmal angenommenen Richtung zu folgen. War diese falsch oder wären wir durch die öftere nothwendig werdende Uebersteigung der Dünen zu weit abgekommen, so mußte voraussichtlich Siuah verfehlt werden[41]. Oder wären wir von einem mehrtägigen Samum überrascht worden, so wäre voraussichtlich unser Loos ein noch schlimmeres gewesen, indem wir nur für eine bestimmte Zahl von Tagen Wasser hatten. Ich konnte es überhaupt nur übernehmen, die Karavane nach Siuah zu führen, weil ich dort bekannt war und die Formation der Ufer und die Lage der Seen östlich und westlich von Siuah mir noch vor Augen stand. Ich brauchte deshalb nicht zu fürchten, falls ich zu weit westlich oder östlich herauskäme, unorientirt zu bleiben.

Und glücklich erreichten wir denn auch die Oase des Jupiter Ammon, wo wir bei der Behörde den freundlichsten Empfang fanden. Schon nach wenigen Tagen brachen wir wieder auf, gingen bis Setra zusammen in östlicher Richtung und sodann trennten Zittel und ich uns von Jordan, um wiederum ohne Führer und auf nie begangenem Wege direct nach Farafrah zu gehen, während Jordan mit einem in Siuah gemietheten Führer nach Uah-el-behari ging, um die auf den Karten verzeichneten Behar-bela-ma zu untersuchen.

Farafrah wurde glücklich von uns erreicht, vonwo Zittel sogleich nach Dachel weiter ging, um unseren dortigen um uns in Sorge lebenden Gefährten die Nachricht unserer glücklichen Rückkehr zu übermitteln. Ich selbst blieb noch einen Tag länger in Farafrah und ging dann auf neuem, noch nie begangenem Wege nach Dachel, hauptsächlich um die Gebirgszüge zu durchschneiden, welche wir früher im Westen von unserem ersten Marsche von Farafrah nach Dachel erblickt hatten. In Dachel vereinten wir uns dann nach einigen Tagen zu gemeinsamem Vorgehen über Chargeh nach Esneh, welches wir am 1. April ohne Unfall erreichten.

Ich komme nun auf die Resultate zu sprechen und hebe hervor, daß uns außer der allgemeinen Erforschung der Libyschen Wüste hauptsächlich zwei Punkte als beachtenswerth waren bezeichnet worden: die Untersuchung der verschiedenen Behar-bela-ma und die Depression der Libyschen Wüste.

Ein Bahr-bela-ma von Dachel ausgehend und nordöstlich von Beharieh in das von Ost nach West gerichtete Bahr-bela-ma von Pacho und Belzoni mündend existirt nicht. Es breitet sich zwischen ihnen ein einzig Kalksteinplateau über 300 Meter hoch aus. In der Sitzung des Institut Égyptien hatte ich schon darauf aufmerksam gemacht, daß Bahr-bela-ma in der Sahara nichts ist, als das gleichbedeutende Wort Wadi, das hundertmal vorkommt. Wenn es sich aber durch die geographischen Verhältnisse bestimmt erweisen läßt, daß ein Bahr-bela-ma als eine Längseinsenkung nicht existirt, so ist andererseits durch die geologische Untersuchung des Bodens auf das Schlagendste nachgewiesen, daß der Nil nie in dieser Richtung hat fließen können. Nirgends wurden von unserer Expedition fluviatile Niederschläge, sondern überall nur maritime Bildungen constatirt. Das Bahr-bela-ma als ein continuirliches Thal, oder gar als ein westliches Flußbett des Nil muß daher definitiv aus der Welt geschafft und von den Karten gestrichen werden.

Die zweite zu lösende Aufgabe betraf die Depressionsfrage, ob nämlich die von mir 1869 entdeckte Depression sich über die ganze Libysche Wüste erstreckt, oder vielmehr von dem Libyschen Küstenplateau (diesen Ausdruck möchte ich vorschlagen für den jetzt gebräuchlichen "Libysches Wüstenplateau") sich bedeutend nach Süden zu ausdehnt. Hierin lag zugleich die Aufgabe einer Erforschung der ganzen Libyschen Wüste; denn als Endziel war die Erreichung der Oase Kufra in Aussicht genommen.

Gleich beim Verlassen der Oase Dachel konnten wir eine merkliche Steigerung beobachten, wie ja überhaupt, mit Ausnahme von Siuah, alle Uah-Oasen höher als der Ocean gelegen sind und nur relativ Depressionen bilden. In Regenfeld waren wir schon über 300 M. gestiegen, und als wir dann nach Nord einige Grade zu West den Weg fortsetzten, fanden wir zwar eine allmälige Absenkung aber erst in Siuah konnten wir eine eigentliche absolute Depression constatiren. Die Producte des Meeres, die hier gefunden wurden, die Abwesenheit von Süßwasserbildungen oder gar von Nilschlamm schließen aber auch hier jeden Gedanken aus, daß der Nil sich durch diese Depression in die Syrte ergossen habe.

Unser Vormarsch in Regenfeld war verhindert worden durch hohe Sanddünen, welche von NNW. zu SSO. Richtung hatten und 100-150 M. hoch waren. Ein Vormarsch in westlicher Richtung war somit unmöglich geworden, theils wegen der Kamele und theils weil aus Mangel an Wegweisern keine Depositorien mehr angelegt werden konnten. Denn zwischen den Dünen war nicht etwa bloses Gestein, sondern tiefer Sand, welcher das Errichten von Wegzeichen unmöglich machte. Wir hatten also Ein einziges Sandmeer vor uns, nur unterbrochen durch 1—1-1/2 Kilometer auseinanderstehende Sandketten.

Die Sanddünen sind Meeresprodukt; ihre Formenveränderungen sind im Allgemeinen constant. Daß die Winde, die hier meist von NNW. nach SSO. wehen, während der Chamsin gleiche Richtung, aber aus entgegengesetztem Pole hat, sie verursachen, glaube ich nicht; denn dann müßten sie in der Grundform in der dem Winde entgegengesetzten Richtung laufen, sie verlaufen aber mit dem Winde.