In der nachfolgenden Erklärung dieses Namens folge ich durchaus der Auseinandersetzung des gelehrten Orientalisten Wetzstein in Berlin, der die Güte hatte, mir seine bezüglichen Forschungen hierüber mitzutheilen, die um so werthvoller sind, weil sie zum Theil neue Gesichtspunkte eröffnen und vollkommen originell sind.

Wetzstein sagt: Die Hauptstadt Aegyptens heißt bekanntlich im Lande selbst Misr[51]. Da nun dieser Name ursprünglich der Name des ganzen Landes ist, denn schon im alten Testamente hieß Aegypten Misraim, so hat man hier eine Uebertragung des Landnamens auf die Landeshauptstadt zu constatiren; medinat Misr, die Hauptstadt Aegyptens, ist also zur Stadt Misr geworden. Für eine solche Uebertragung bietet die geographische Nomenclatur der Araber viele Beispiele. Hier nur einige: Syrien hieß bei den Arabern der Halbinsel schon in den ältesten Zeiten Schâm, d.h. das Nordland, und sein Hauptmarkt, bis wohin die arabischen Karavanen gingen, war in vormohammedanischer Zeit Bosrâ, die Hauptstadt Haurân's; eine Reise nach Syrien war also in der Regel für die Araber gleichbedeutend mit der Reise nach Bosrâ. Daher heißt bei ihnen in jener Zeit Bosrâ immer Schâm im Sinne von "Markt" von Schâm (Syrien). Als nun in den ersten Jahrhunderten des Islam Bosrâ verödete und die Karavanen bis Damask gehen mußten, ging die Benennung Schâm naturgemäß auf die Stadt über, so daß der Name Damaskus vollständig unterging[52] und Schâm seitdem zugleich Syrien und Damask bedeutet. Nur blieb an den Ruinen von Bosrâ noch der Name Alt-Schâm (türkisch: Eski-Schâm) haften.

Ein anderes Beispiel: Die Hauptstadt von Bahrein, d.h. von dem nordöstlichen Küstenstriche der arabischen Halbinsel, war im Alterthum der berühmte Handelsplatz Gerrha (arabisch H'gér), der Ausgangs- und Zielpunkt der aus und nach Bahrein expedirten Karawanen. Auch dieses Emporium verlor unter den Arabern seinen Eigennamen und nahm den des Landes Bahrein an.

Dasselbe geschah mit der alten Hauptstadt Jemâma, dem heutigen Wahabiten-Reiche, westlich von Bahrein. Sie hieß Hagr; aber die arabischen Geographen erwähnen selten diesen Namen. Meistens nennen sie die Stadt entweder Medinat-el-Jemâma oder geradezu Jemâma, wie das Land selbst. Diesen Beispielen fügen wir noch die Stadt Ramla (bei Lydda) bei, welche bis zum Beginn der Kreuzzüge von großem Umfange und Hauptstadt der Provinz Felistin (damals Westpalästina) war; sie wird in den arabischen Schriften jener Zeit geradezu Felistin im Sinne von "Hauptstadt Palästina's" genannt. Liest man, Jemand habe in Felistin übernachtet, oder von Felistin nach Jâhâ oder Jerusalem sei eine Tagereise, so ist immer Ramla gemeint.

Diese Bezeichnungsweise ist oft verwirrend und kann das Verständniß einer geographischen oder historischen Angabe erschweren. Entstanden wird sie sein durch die Redeweise der Karawanen, insofern z.B. die aus Arabien abgehende Kâfilat-Misr, Karawane von Misr, immer zugleich die nach dessen Hauptstadt dirigirte war, und man darf annehmen, daß Misr schon Jahrhunderte lang vor dem Islam bei den Arabern jene doppelte Bedeutung hatte.

Uebrigens wäre auch folgende Erklärung denkbar: Unter den Ptolemäern entstand zwischen Heliopolis und Memphis ein Waffenplatz, der wahrscheinlich das volkreiche Memphis im Zaume halten sollte und zur Erinnerung an Alexander's Feldzug in Asien Babylon genannt wurde. Nach und nach verödete Memphis, indem es einen kleinen Theil seiner Bevölkerung und seines Baumaterials an dieses Babylon abgab, welches in den ersten Jahrhunderten der christlichen Aera (abgesehen von Alexandrien) der Hauptort Aegyptens geworden zu sein scheint. Denn als des Chalifen Omar's Feldherr 'Amr-ibn-el-'Àşî im Jahre 19 der Higra Babylon erobert hatte, befand er sich thatsächlich im Besitze des ganzen Landes und brauchte nur noch Alexandrien zu erobern. Dieses Babylon hieß nun zum Unterschiede von der berühmten gleichnamigen Stadt am Euphrat "das ägyptische Babylon", Bâbeliûn Misr, welche Bezeichnung sich, da die Araber lange Ortsnamen hassen, in Misr verkürzte, so daß Land und Landeshauptstadt gleichnamig wurden. Doch ist die primo loco gegebene Erklärung dieser unbedingt vorzuziehen.

Die übrigen Namen der Hauptstadt Aegyptens anlangend, so hieß dieselbe in den ersten Jahrhunderten des Islam el Fostât aus folgender Veranlassung. Als der vorerwähnte 'Amr-ibn-el-'Àşî Babylon belagerte, stand sein Lager an der Nordseite der Stadt, und um sein Zelt, welches el Fostât hieß, bildete sich nach und nach eine Baracken- und Hüttenstadt, die sich erhielt und vergrößerte, da ein Theil des Lagers auch nach Eroberung der Stadt stehen blieb. Diese nomadische Niederlassung verwandelte sich nach und nach in eine Vorstadt Babylons, die nach ihrem Mittelpunkte dem ehemaligen Feldherrn-Zelte, el Fostât genannt und deren Name allmälig auf die ganze Stadt angewendet wurde, so daß die alte Benennung Babylon außer Brauch kam. Doch findet man sie noch bei den Geographen, welche sie bald Babeljûn, bald Hisn-el-Iûn (Festung des Iûn) schreiben, indem die erste Silbe, welche man für das arabische Bab Thor hielt, wegfiel.

Der Name el Fostât wurde seit der Occupation Aegyptens durch den Fatimiten el Moizz li-din-Allah (369 d.H.) verdrängt. Als Ganhal, sein Feldherr, mit dem westafrikanischen Heere vor die Hauptstadt rückte, ging er mit der Bevölkerung den Vertrag ein, daß seine Soldaten die Stadt selbst nicht betreten, sondern außerhalb derselben in Baracken und Zelten untergebracht werden sollten. Dieses Lager, welches sich wie 350 Jahre früher dasjenige des 'Amr-ibn-el-'Àşî allmälig in eine militärische Colonie verwandelte und zugleich die Unterwürfigkeit der Stadt gewährleistete, erhielt den Namen el Kâhira "die Unterjocherin", der sich gerade wie früher el Fostât der ganzen Stadt mittheilte.

Man unterscheidet bis auf den heutigen Tag die Stadttheile el Kâhira, el Fostât und das ursprüngliche Misr. In amtlichen Acten, bei denen es auf Genauigkeit der Ortsangaben ankommt, heißt die Stadt Kâhirat Misr "Kairo in Aegypten", oder auch Misr el Kâhira, was der gewöhnliche Mann als die "siegreiche Stadt Misr" deutet.

Indem wir so der Auseinandersetzung des gelehrten Orientalen folgten, fügen wir noch hinzu, daß Wetzstein etymologisch das Wort Misr simitischen Ursprungs erklärt und sich der Ansicht zuneigt, es bedeute "die beiden eingeschlossenen Länder", nämlich Ober- und Unter-Aegypten. Wetzstein meint nämlich: "gehöre diese Benennung ursprünglich einer altägyptischen, d.h. einer Ruschitischen Sprache an, so ließe sich nichts über ihre Bedeutung sagen, denn das Koptische sei ein zu verkommenes Idiom und das Hieroglyphische mit seinen Schwestern eine zu unbekannte Sprachform, als daß sie Aufschlüsse geben könnten."