Genug! Wenn auch nicht an derselben Stelle gelegen, wissen wir und müssen das festhalten, daß die heutige Hauptstadt der Aegypter bei den Alten Babylon (bei den lateinischen Schriftstellern Babylonia), bei den ersten Arabern Fostât hieß und daß sie heute bei den Europäern mit den verschiedenen Variationen Kairo, bei den Aegyptern selbst Masr genannt wird. Die Namen Masr el-kahirah als Neustadt oder Masr el-attica als Altstadt haben nur officiellen Sprachgebrauch erlangt.
Man hat behaupten wollen, die Vorgängerin Kairo's, die Stadt Memphis, sei günstiger gelegen gewesen, als die jetzige Hauptstadt Aegyptens. Ich wüßte nicht, worauf man dieses Urtheil stützen wollte. Der natürlich vortheilhafteste Platz wäre wohl an der Spitze des Delta's selbst gewesen, aber die Entwicklung der Stadt selbst zeugt, daß man keineswegs eine ungünstige Position zur Anlage einer Stadt gewählt habe. Es ist heute freilich leicht zu sagen, die und die Stadt hat eine äußerst günstige geographische Lage. In unserer Zeit der Eisenbahnen, der Kunststraßen, der Kanäle &c. überläßt man sich gar zu leicht der Ansicht, die natürliche Lage der Stadt habe das Blühen und Gedeihen derselben verursacht, wenn es doch nichts Anderes war als eben jene modernen Kunstmittel.
Kairo liegt auf dem 30º 2' 4'' N.B. und auf dem 28º 58' 30'' O.L. von Paris. Die Erhebung der Stadt über dem Meere beträgt durchschnittlich 13 Meter; obschon einzelne Stadtteile höher sind, so liegt die Hassan-Moschee 30 Meter höher, als der Spiegel des Mittelmeeres.
Die mittlere Jahrestemperatur ist 23º C. Selten fällt im Winter der Thermometer unter 10º und steigt nur während der Zeit der Chamsinwinde auf über 40º. Während früher feuchter Niederschlag zu den Seltenheiten gehörte, hat man die Beobachtung gemacht, daß jetzt mit jedem Jahre die Regenfälle im Zunehmen begriffen sind; offenbar Folge der so sehr vermehrten Baumpflanzungen in der Stadt selbst und in der nächsten Umgebung derselben. Aber es liegen noch keine bestimmten Daten hierüber vor und so heben wir eben nur die allgemeine Thatsache hervor.
Obschon man wegen der immerhin bedeutenden Hitze nicht sagen kann, daß Kairo ein angenehmes Klima habe, so kann man doch auch keineswegs behaupten, es sei eine ungesunde Stadt. Im Sommer pflegen wegen der unerträglichen Hitze die dort wohnenden Europäer, auch der Hof, die ersten Würdenträger und reiche Eingeborene die Stadt zu meiden. Im Winter hingegen ist sie Aufenthaltsort zahlreicher Reisender und noch zahlreicherer Kranker, welche dort Herstellung ihrer Gesundheit zu finden hoffen. Namentlich für Schwindsüchtige wird die Luft Kairo's und, wie es scheint, mit Recht, empfohlen. Die sogenannte ägyptische Augenkrankheit eine Entzündung der Schleimhaut, der Conjunctiva des Auges, sowohl des Augapfels, als auch der Augenlider, welche ansteckend und in Aegypten endemisch ist, eine seit Hippokrates Zeit bekannte Krankheit, wurde durch die französische Invasion unter Napoleon I. und durch die Engländer nach Europa gebracht; indeß befällt sie erwiesenermaßen Europäer weniger, als die Eingeborenen und Letztere werden besonders davon afficirt, weil sie nicht durch größte Reinlichkeit die fortwährenden schädlichen Einwirkungen des Staubes, von dem die Luft stets geschwängert ist, unwirksam machen. Und zwar wirkt der Staub, der unmittelbar in den Straßen aufgewirbelt wird und aus den kleinsten Partikeln zersetzter organischer Stoffe besteht, ebenso schädlich, als der kaum sichtbare Staub der Samum-Winde. Woran die Europäer am meisten leiden, das sind Krankheiten der Leber und der Milz, letztere zum Theil hervorgerufen durch tertiäre Wechselfieber, und sind erstere radical nur zu heilen durch Ortsveränderung, durch Rückkehr nach Europa. Die Pest kommt seit Jahren nicht mehr in Kairo vor und die Cholera eben auch nicht häufiger, als in Europa.
Kairo ist eine unbefestigte Stadt, denn was die Kâsbah betrifft, welche ursprünglich zur Verteidigung der Chalifenstadt diente, nebst hohen Mauern, welche im Mittelalter die Stadt umfriedigten, so ist erstere längst ihres Festungscharakters beraubt, letztere aber sind geschleift und abgetragen worden, oder in Ruinen zerfallen. Jedoch zahlreiche Mauern im Innern der Stadt, ehemals äußere Stadtmauern, zeugen von der beständigen Umwandlung und Vergrößerung der Stadt, sowie die jetzige äußere Mauer ebenfalls schon inmitten der Hauptstadt sich befindet. Heute ist es kaum noch gestattet, von Masr el Kâhirah, von Masr el Attika, von Bulak u.s.w. als unterschiedlichen Städten zu reden, namentlich wird es ebenso falsch sein, zu sagen, Bulak sei als Hafen Kairo's von dieser Stadt zu unterscheiden, sowie man Unrecht hätte, Moabit nicht zu Berlin zu rechnen. Heute liegt in der That Kairo am Nil: Bulak ist ein Stadttheil der Hauptstadt geworden. Höchstens darf man jetzt noch den Unterschied zwischen dem Stadttheile machen, der seinen morgenländischen Charakter bewahrt hat und dem, der ganz europäisch ist.
Der erste Stadttheil, der sich an die Citadelle lehnt, welche selbst auf einem der äußersten Ausläufer des Mokattam-Gebirges gelegen ist, den man unter dem Namen Chalifenstadt begreifen kann, ist ein großes Labyrinth krummer und enger Straßen, oft durch Ueberbauten dunkel und so unscheinbar, daß man meinen sollte, man befände sich in einer Gasse des Hauptortes der Oase des Jupiter Ammon. Hier kennt man kein Pflaster, hier giebt es Abends keine Beleuchtung, geschweige denn von Gas zu reden; zahlreiche Sackgassen nötigen den nicht Eingeweihten, stets auf seine Schritte zurückzukommen, vom Eintritt eines bestimmten Platzes an bis zu einer bestimmten Grenze wird der Fremde, passirt er Nachts diesen Stadttheil, von einer klaffenden Meute hungriger Hunde verfolgt, welche wild und herrenlos, wie sie sind, doch unter sich eine genaue Besitzeintheilung hergestellt haben der Art, daß immer ein Theil eines Quartiers oder einer Straße von einer Meute besetzt gehalten wird, die auf's Eifrigste über die Unverletzlichkeit ihres Territoriums wacht. Wehe dem Fremden, der Nachts ohne Stock durch eine von diesen wilden Bestien bewachte Straße geht, namentlich wenn er ein Ungläubiger und in europäischer Tracht ist; aber noch mehr wehe, wenn einer ihres Gleichen, ein fremder Hund, sich unter sie verirren sollte, er ist unrettbar verloren, gelingt es ihm nicht, auf sein eignes Gebiet zurückzuflüchten.
Aber nicht immer haben wir enge und unscheinbare Gassen, in diesem Ur-Kairo ist Alles Ueberraschung. Hier giebt es auch Moscheen von allen Formen und allen Farben, einfache und prachtvolle, reich mit Arabesken und Sculpturen geschmückte und solche, welche äußerlich nur eine nackte Wand zeigen. Hier bemerkt man auch jene reich sculptirten Brunnen, meistens fromme Stiftungen, welche bis vor Kurzem, wo das Trinkwasser in Kairo so spärlich war, zu den größten Wohlthaten zählten, die ein frommer Moslim seiner Vaterstadt vermachen konnte. Hier findet man auch jene reizenden Muscharabiehen aus Holz geschnitzt, welche die Eifersucht des gestrengen Haremgebieters erfand. Muscharabiehen sind Jalousien, welche sich stark ausgebuchtet vor den Fenstern befinden. Sie sind auf's Kunstvollste aus Holz geschnitzt, oft so fein und zierlich, daß es sich von Weitem wie Filigran-Arbeit ausnimmt. Geheimnisvoll ragen sie im Halbdunkel der Straßen aus den Häusern hervor; manchmal scheinen sie sich bei den überhängenden Etagen der Häuser zu berühren. Dahinter lauert die junge Frau des Hausherrn, verlangende Blicke wirft sie auf das Leben zu ihren Füßen, sie hört es, sie sieht auch Alles, ohne selbst bemerkt zu werden; glühend erröthet sie, wenn ein jugendlicher Frangi vorübergeht, der ihr viel vorteilhafter dünkt, als jener alte, weißbärtige Mann, dem sie gezwungen war, ihr Leben zu opfern. Da erblickt sie gar in einer Carrosse dahersausend zwei hübsche Christendamen, sie sind unverschleiert. Sie lächeln, sie freuen sich des Lebens, während sie selbst, die Aermste, hinter ihrer Muscharabieh eine Thräne im Auge zerdrückt und ihr freudenloses Leben beklagt! Aber was ist das? Da biegt um die Ecke ein eleganter Phaëton, laut schreiend vor ihm rufen die Läufer ihr ewiges "Guarda, Guarda" oder schemalak ia chodja, l'iminak[53]. Darin sitzen im Wagen zwei reizende Moslemata[54], kaum verschleiert die dünne Tüllspitze ihr fröhlich lächelndes Gesicht; sie scheinen aber auch gar keine Lust zu haben, ihr Antlitz verbergen zu wollen, im Gegentheil, man sieht, daß sie nur scheinbar diesen Zwang mitmachen. Es sind Prinzessinnen, Töchter oder Nichten des Chedive; ahnungsvoll zieht sich unsere Schöne aus ihrer Muscharabieh zurück; ein dunkles Gefühl sagt ihr, daß auch für ihres Gleichen bald die Stunde der Befreiung schlagen wird.
Hier finden wir auch jene großen Bazarstraßen, wo die Produkte der drei Erdtheile sich einander begegnen und wo in immer geschäftiger Weise während des ganzen Tages das regste Leben und Treiben herrscht und Groß- und Kleinhandel getrieben wird. Von einigen dieser Bazars soll später noch die Rede sein.
Der andere Stadttheil, ganz neu und vorzugsweise eine Schöpfung des jetzigen Chedive, daher auch Ismaelia genannt, mit seinen seenartigen Gärten, seinen breiten wohlgepflasterten und täglich besprengten Straßen, seinen Palästen und Theatern, seinen Gascandelabern und prachtvollen Läden ist vollkommen europäisch. Dies moderne Kairo, welches heute schon von den Fluthen des Nils berührt wird, steht in Nichts den schönsten Städten Europas nach. Was luxuriöse Ausstattung der Gebäude und ihrer Fanden anbetrifft, so können sich die der ägyptischen Hauptstadt ganz messen mit denen am Ring in Wien oder denen der Boulevards von Paris.