Was die Theatergebäude betrifft, so läßt sich bezüglich der Bauten selbst nichts sagen, als daß es provisorische Gebäude sind, bestimmt, mit der Zeit anderen monumentalen Platz zu machen. Was aber innere Ausstattung, Inscenirung, Personal und Leitung betrifft, so stehen sowohl die chedivische italienische Oper, als auch das französische Schauspiel unseren ersten und besten Bühnen würdig zur Seite. Hierüber herrscht nur eine Stimme.
Den größten Zauber und Reiz besitzt Neu-Kairo heute in jenem Esbekieh-Garten, mitten in der Stadt gelegen, den ich selbst noch bis zum Jahre 1868 als einen großen pfützenreichen Platz von hohen Sykomoren beschattet gekannt habe. Umfriedigt von Prachtbauten, ähnlich wie die der Rue Rivoli zu Paris, ist der harten von einem hohen eisernen Gitter umgeben. Zahlreiche Thore, deren Eingänge mit Selbstzählern versehen sind, geben Einlaß. Bei dem sonderbaren Hange der Orientalen, stunden-, ja tagelang faulenzend auf irgend einem einladenden Platze sich dem Dolce far niente hinzugeben, war die Vorschrift, ein unbedeutendes Entrée zu erheben, unerläßlich, denn nur durch eine solche Maßregel konnte der prächtige Park rein gehalten werden von jenem ungemein stark in Kairo vertretenen Contingent, das seine Sache auf nichts gestellt hat und höchstens vom bequemsten Betteln lebt und sicherlich mit angeborener Frechheit die schönsten und anziehendsten Punkte des großen Gartens in Besitz genommen haben würde.
Es ist wunderbar, wenn man die Beschreibungen früherer Reisender durchgeht und liest, was die Esbekieh war und nun staunt, was sie jetzt ist.
Die ganze Esbekieh-Anlage von achteckiger Form mit einem Umfange von 940 Meter nimmt ein Areal von ca. 82,500 Quadratmetern ein. Die Länge der Wege beträgt 2 Kilometer 300 Meter. Das Flüßchen und die von ihm gebildeten Teiche, Alles durch Kunst geschaffen, bedecken eine Oberfläche von fast 5000 Quadratmeter. Die Teiche sind 2 Meter tief.
Außer den kostbarsten Gewächsen aller Länder und Zonen, welche trotz des kurzen Zeitraumes ihres jetzigen Bestandes dort seit 20 Jahren gegrünt zu haben scheinen, findet der Spaziergänger in diesem Garten Alles vereint, was nur das Leben angenehm macht. Da sind reizende Buden, wo Liqueure, Eis und Scherbets verkauft werden. Hier ist eine Bierhalle, wo das beste Drehersche oder Münchener Bier in Eis dem durstigen Nordländer Labung bietet, Kaffeehäuser mit reizenden Kiosken gut eingerichtete Restaurationen, ein kleines Theater-Concert, ein arabisches Kaffeehaus, Schaukeln, Carroussels, verschiedene andere Kioske und Sammelplätze, endlich last not least eine Grotte[56] aus Tuffsteinen, die ganz und gar auf's Treueste die Natur nachahmt und aus der das Wasser in Cascaden hervorsprudelt, welches die See'n und den Bach speist.
Diese Grotte ist von einem künstlich aufgebauten Pic überragt, aus großen Tropfsteinblöcken und Steinen errichtet. Man gelangt hinauf mittelst eines schattigen Weges oder auch auf äußeren und inneren Pfaden, die man durch den künstlich geschaffenen Fels gearbeitet hat. Ans der obersten Spitze hat man ein Belvedere angebracht, von wo aus man nicht nur den ganzen Garten übersehen kann, sondern von dem aus auch das ganze Panorama von Kairo zu den Füßen des entzückten Beschauers liegt.—Die Eisenarbeiten sind alle in Paris gefertigt.
Der Esbekieh-Garten bedarf zur Speisung seiner Springbrunnen, zum Besprengen der Wege, zum Unterhalten der Teiche eines täglichen Wasserquantums von 800 Kubikmeter; die Erleuchtung bei Abend, welche feenhaft ist, wird durch 106 Candelaber bewerkstelligt; alle diese Candelaber haben Blumenform, 5 Zweige mit je 5 Tulpen, so daß im Ganzen allabendlich 2500 Flammen brennen. Dazu spielt jeden Tag, sobald die Sonne sich unter den Horizont senkt, ein ausgezeichnetes Militärorchester europäische Symphonien und Stücke, auch wohl arabische Weisen, welch' letztere ungemein an Wagner'sche Compositionen erinnern.
Leider ist der Esbekieh-Garten lange nicht so besucht, wie er es verdiente, es ist eine für Kairo zu vornehme Anstalt; nicht etwa, weil das niedrige Entrée von den Besuchern als unerschwinglich bezeichnet würde; es sind auch die Genüsse innerhalb desselben dem Publicum zu theuer. Dazu kommt, daß das vornehme europäische Publicum, an der Spitze die Vertreter der europäischen Länder, blasirt, das vornehme mohammedanische apathisch und unempfänglich für solche Genüsse sich verhält, der gewöhnliche Mittelstand der Eingeborenen aber in diesem Entrée gleich eine Steuer des Chedive wittert und der gemeine europäische Mann lieber in den übrigen Vergnügungslocalen Kairo's seine Unterhaltung sucht.
Diese sind keineswegs in geringer Anzahl vorhanden. Der Deutsche findet in zahllosen Bierhäusern längs der Esbekieh nicht nur Drehersches, sondern auch bairisches Bier und zwar wohlgekühlt in Eis; der Franzose findet überall seine Café's; der Italiener findet in den Conditoreien und auf der Straße seine Sorbetti und in zahlreichen Restaurants kann der Engländer, von Engländern bedient, sein Beefsteak und sein Glas "half and half" trinken. Nur der russische Traktir fehlt noch, aber wie lange wird es dauern und irgend ein speculativer Kopf erbaut ein solches mit einer mächtigen Orgel versehen an der Seite einer Fonda, wo man Polenta und Olla potrida verkauft.
Denn wenn man Abends durch die auf's Glänzendste von Gas beleuchteten Straßen geht und hört, wie einem allerorts Musik entgegenschallt, hier des Italieners "o che la morte honora" oder "madre in felice corro a salvarti" dort des Deutschen "Wacht am Rhein"; hier des Franzosen "partant pour la Syrie" dort des Engländers "god save the queen", wenn man sieht, daß alle diese Musikbanden aus nationalen Kräften bestehen (Kaffee- und Weinhäuser mit deutschen und deutsch-böhmischen Musikbanden, Sängern und Sängerinnen giebt es ein Dutzend in Kairo), so sollte man nicht glauben, in der Stadt zu sein, welche noch bis vor wenigen Jahren als das ächteste Bild einer orientalischen Stadt hingestellt wurde.