Und geht man gar in die elegant eingerichteten Spielsalons, wo hier eine Roulette, dort König Pharao den Gästen das Geld aus der Tasche lockt und die meistens als Aushängeschild die elegantesten Cafés chantants oder auch kleine Theater mit Ballerinen zeigen, so sollte man nicht meinen, daß man nur einige Stunden weit von den Pyramiden des Cheops und des Cephren sich befände.

Aber trotz dieses modernen Kairo ist noch ein gut Stück Alt-Kairo, d.h. orientalischer Stadt übrig. Jedoch verschwindet es allmälig schneller und schneller, und vielleicht schon nach einem Menschenalter wird jene alte orientalische Stadt, jene Stadt mit den maurischen Hufeisenbauten, mit den schlanken Minarets, mit den engen überdachten Gassen und ihren noch engeren Kaufläden—sie wird verschwunden sein, und finden können wir sie dann nur noch in den Büchern und Reiseberichten Derer, welche sie zu der Zeit besuchten. Und um so spurloser wird das alte Kairo vom Erdboden verschwinden, als die Wohnungen der Eingeborenen aus losem, schlechtem Material errichtet und selbst die Moscheen und Paläste aus Quadern erbaut sind, welche man von alten Monumentalbauten zusammengeschleppt hat; sind doch jetzt schon alle Moscheen und die Mehrzahl der Paläste früherer Vicekönige halbe Ruinen.

Wenn man aber sieht, mit welcher Rücksichtslosigkeit mitten durch die Quartiere der Eingeborenen eine gerade breite Straße gezogen wird, wie man weder die Medressen (Schulen) noch die Moscheen schont, wie man Untiefen auffüllt, Hügel abträgt, dann muß man staunen ob der Energie des Chedive. Aber "Gott soll ihn ewig mit den ungläubigen Christenhunden brennen lassen!" murmelt der fromme Mohammedaner, der aus seinem Heim vertrieben wird, welches seine Vorfahren inne gehabt hatten und wo er selbst schon seit Jahren wohnte. Aber er "murmelt" es nur, offen es auszusprechen, wagt er nicht. Ja er preist sich glücklich, wenn die chedivische Regierung ihm umsonst ein Stück Land anweist in einem ganz anderen Viertel der Stadt, mit der Erlaubnis, ein Haus zu bauen nach europäischem Style.

So vollziehen sich die Expropriationen in Aegypten und speciell in Kairo. Von Entschädigungen ist nirgends eine Rede. Sobald der Chedive beschlossen hat, eine Straße durch den orientalischen Stadttheil zu legen, wie er sich solche auf dem Plane der Stadt vorzeichnet, erhalten die betreffenden Anwohner des Viertels Befehl, innerhalb einiger Tage ihre Immobilien zu räumen. Von Entschädigung wird nicht gesprochen; nur wenn europäische Unterthanen von einer solchen Maßregel betroffen werden, dann bekommen sie vollen Ersatz für ihr genommenes Grundeigentum.

Die Straße, welche früher als Glanzpunkt des europäischen Lebens galt, die Muski, ist heute entthront; zwar findet man immer noch elegante Läden, aber elegantere giebt es in der Ismaelia (der neue Stadttheil von Kairo) und die Straße ist viel zu eng, als daß sie jemals ihren Rang wieder einnehmen könnte, nämlich die "Unter den Linden" Kairo's zu sein. Dazu kommt noch, daß man aus Utilitätsrücksichten geglaubt hat, davon abstehen zu müssen, sie mit Pflasterung zu versehen. Aber die Muski ist noch immer das Herz von Kairo, hier pulsirt das größte Leben, welches in seinem Dahinfluthen Aehnliches zeigt mit den Wogen des Strand von London. Hier ist auch die Vermittelungsstraße vom modernen europäischen zum alten orientalischen Kairo.

Wandern wir rasch durch die verschiedenen orientalischen Quartiere, durch die Bazars, ehe sie für immer verschwinden, um einer modernen "Avenue" oder einem "Boulevard" Platz zu machen.

Da ist der Khan el Khalil im Gammeliah-Quartier; der Name rührt daher, weil hier die Kamele (Gammel, Gemmel oder Djemel) ihre Waaren aufnehmen und abladen. Hier sind alle orientalischen Artikel zu haben. An endlosen, nicht sehr breiten überdachten Straßen hocken in engen Verkaufsläden die Eigentümer. Die Läden sind meistens so eng, daß Alles und Jedes im Bereiche des Hockenden ist. Hier finden wir alle Requisiten des orientalischen Rauchers. Hier sieht man jene reichen Teppiche aus Persien oder Damask, elegante orientalische Stoffe, Elfenbein und Straußenfedern und im Allgemeinen alle Artikel aus dem Sudan und Asien; reich eingelegte Waffen, Schmucksachen, unverarbeitete Edelsteine, Vasen etc. Die Hauptmarkttage von Khan el Khalil sind Montags und Donnerstags.

Diese große Markthalle, wo fast ausschließlich eingeborene Kaufleute ihre Buden haben, wo aber manches europäische Haus mit großen Summen betheiligt ist, hat natürlich an allen Ecken und Enden feste und "fliegende" Café's. Erstere sind solche, wo der Kauadji eine größere oder kleinere Räumlichkeit besitzt, welche von seinen Gästen besucht wird, in denen man mitunter auch Musik findet. Letztere bestehen auf der Straße selbst einfach aus einem kleinen Kochapparat, wo Kaffee bereitet wird, den der Cafétier seinen bestimmten Kunden zuträgt. Jeder Budenbesitzer schlürft mehrere Male des Tages seinen Mokka, und da größere Käufe, welche natürlich längere Zeit in Anspruch nehmen, nur mit einer Tasse Kaffee in der Hand abgemacht werden, so haben solche fliegende Cafetiers auch eine ganz gute Kundschaft.

Hier findet man vereinzelt auch jene Haschisch-Buden, d.h. Kaffeehäuser, wo neben dem Tabaksrauchapparat, der in Narghileh, Tschibuck und Cigaretten besteht, vorzugsweise Haschisch geraucht und gegessen wird.

Gehen wir weiter, so kommen wir zum Hamsani-Bazar, wo man hauptsächlich Parfümerien, Papier, Porzellan, Krystallsachen, Kattunstoffe, Kramwaaren und Arzneien kaufen kann. Erstere, die Parfümerien, sind bei den Orientalen ein stark begehrter Gegenstand. Im Allgemeinen haben sie auch Vorliebe für dieselben Wohlgerüche, wie wir Europäer, aber bei einzelnen, welche bei uns die seine Gesellschaft schon zu "mauvais odeur" rechnet und welcher sich bei uns nur der demi monde bedient, nämlich Moschus und Patschuli—diese erklärt der Orientale als den Inbegrif des Vollkommensten, was man dem Geruchsorgan bieten könne.