Masr el Attikah ist mit Bulak durch eine Reihe schöner Paläste, Villen und Gärten verbunden. Das Palais von Soliman Pascha, unmittelbar am Nil gelegen, der Khalig-Kanal, bei dem alljährlich die Festlichkeiten stattfinden, welche bei der Nilüberschwemmung seit Tausenden von Jahren gefeiert werden, eine große Salpeterfabrik, das große Hospital Gasr el Ain, welches sowohl für Militär- als Civilpersonen eingerichtet ist, endlich das große Schloß Gasr el Nil, ein Hospital und eine ungeheure Kaserne, alle diese Bauten bereiten den Wanderer gewissermaßen auf eine der kolossalsten Thaten des Chedive vor, welche derselbe im Verlaufe seiner so wirksamen und ruhmgekrönten Regierung hat ausführen lassen. Wir meinen die feste Nilbrücke, im Februar 1872 eingeweiht; sie hat eine Länge von 406 Meter, hat auf dem rechten Nilufer eine Drehscheibe von 30 Meter Durchschnitt auf einem Thurme ruhend, der 50 Fuß tief in das Nilbett eingesenkt ist. Die Brücke hat 2,300,000 Frcs. gekostet. Ebenbürtig stellt sie sich den besten Brückenbauten der civilisirten Staaten an die Seite.
Aber wir halten, am anderen Ufer des Nils angekommen, an, denn die Beschreibung von Giseh, welches jetzt die Abfahrtsstation für Ober-Aegypten mit der Bahn geworden ist, die Pyramiden, auf der anderen Seite der versteinerten Welt Matarieh und Heliopolis, die Abassieh und die heißen Bäder von Hamman Heluan gehören nicht in den Rahmen dieses Bildes, der ja nur eine Uebersicht von Kairo, wie es jetzt ist, entwerfen sollte.
Eigenthümlich genug, daß die Generalconsulate und politischen Agenturen nicht in der Hauptstadt Aegyptens, sondern in Alexandrien sind. Dasselbe sehen wir sich wiederholen am westlichsten Punkte von Afrika, in Marokko, mit dem Unterschiede, daß im Innern von Marokko überhaupt noch keine Vertreter christlicher Mächte zu finden sind, während Tanger von den Staaten, die sich am meisten für das Land interessiren. Generalconsulate und Viceconsulate, beide von einer Macht, beherbergt. Kairo hat blos Consulate.
Der Grund dieser Abnormität, dieser stiefmütterlichen Behandlung der Hauptstadt schreibt sich aus den alten Zeiten her, wo der Christ sich jede Art roher Behandlung gefallen lassen mußte. Wurde nun einmal ein einfacher Consul geohrfeigt von einem Mameluk oder ägyptischen Pascha, so konnte das eher verschmerzt werden; wurde aber ein Generalconsul mit Füßen getreten, so mußte man schon Notiz davon nehmen[59]. Zudem konnte ein Generalconsul eher in einer Hafenstadt geschützt werden, als im Innern des Landes.
Da aber alle diese Ursachen längst aufgehört haben, so sollte auch jener abnorme Zustand aufhören. Oder denkt man vielleicht, mit der Souveränität von Aegypten müßten ohnedies neue diplomatische Verbindungen eintreten und die Unabhängigkeit des Landes werde wohl nicht lange mehr auf sich warten lassen? Das einzige Land Persien hat sein Viceconsulat in Alexandrien, sein Generalconsulat aber in Kairo, und auch dies bestätigt meine vorhin ausgesprochene Ursache.
Die verschiedenen christlichen Gemeinschaften in Kairo haben fast alle ihre eigenen Kirchen, so die katholische der Väter des heiligen Grabes, die unirten Griechen, die orthodoxen Griechen, die katholischen Armenier, die nichtkatholischen Armenier, die unirten Syrier, die katholischen Maroniten, die reformirten deutsch-französischen Christen, die amerikanischen Protestanten, die katholischen Kopten und die Jesuiten.
Auch die Juden theilen sich in Talmudisten und Thoraimisten, d.h. solche, welche nur das Gesetz Moses anerkennen.
Das Schulwesen in Kairo hat einen ganz neuen Aufschwung genommen unter der umsichtigen Leitung des Schweizers, Herrn Dohr. Sein Hauptstreben ist dahin gerichtet, die weibliche mohammedanische Jugend der Bildung theilhaftig werden zu lassen, derer sie bedarf, und wenn dies gelingt, so ist damit ein Hauptfactor zur wirklichen Civilisation des ganzen Volkes gegeben.
Hospitäler giebt es zwei, das schon genannte in Gasr el Nil, welches jährlich an 5000 Kranke aufnimmt, und das europäische, dessen Kranke in den Flügeln des großen Gasr el Ain untergebracht werden. Die Aufnahme der Kranken ist hier nicht gratis, sondern der Patient zahlt je 12, 6 und 3 Frcs. für den Tag. Dies Hospital steht unter Aufsicht eines der Consuln, welche zu diesem Zwecke einen der Ihrigen alljährlich hierzu auserwählen.
Sollen wir schließlich noch ein Wort über die Absteigequartiere der Europäer sagen, so beginnen wir mit dem sowohl äußerlich, wie innerlich gleich großartig ausgestatteten New-Hôtel, an der Esbekieh gelegen; es ist Eigenthum des Chedive und wird besonders von nach Indien reisenden Engländern besucht.