Wir mußten uns also mit Geduld in unser Schicksal ergeben und Jeder nutzte die Zeit aus, so gut es ging. Zittel durchforschte noch einmal die interessanten Schichten des Nilufers, Jordan operirte mit dem Theodolit, Ascherson suchte mit seinem Diener Korb Pflanzen und Herr Remelé photographirte im Tempel; nur ich selbst hatte meine Thätigkeit geschlossen, denn mit der Erreichung des Nils hatte die Reise ihr Ende erreicht. Aber ganz unthätig war ich auch nicht, lag mir doch ob, unsere ganze Expedition noch stromabwärts bis zum Mittelmeere zu führen, und da gab es noch Mancherlei zu besorgen und anzuordnen.
Esneh mit circa 7000 Einwohnern ist günstiger gelegen, als Siut, insofern als es unmittelbar am Nil liegt, aber dennoch ist letztere Stadt bedeutend wichtiger für Handel und Wandel. Der jetzige Name Esneh ist der alte, ursprünglich ägyptische, wie Quatremère und Champollion aus koptischen Urkunden nachgewiesen haben. Letzterer bringt das Wort mit Sna was auf koptisch Garten bedeutet, in Verbindung. Der griechische Name Latopolis kommt, wie Strabo (Bd. XVII, S. 817) sagt, von der Verehrung des Fisches Latos her, dem hier mit Minerva göttliche Ehre erwiesen wurde. Dies bezeugt der prächtige Tempel, dessen Vorhalle, unter Mohammed Ali's Regierung bloßgelegt, zu den wohlerhaltensten Denkmälern gehört, welche Aegypten besitzt.
Im Ganzen genommen liegt Esneh äußerst malerisch auf circa 25-30 Fuß hohem Nilufer. Der Palast des Chedive, die große Cavallerie-Caserne, welche jetzt allerdings leer steht und welcher der Verfall droht, das Mudirats-Gebäude, die Wohnung des Schich el Bled, alle am Nil gelegen, dann die große Zahl der imposanten und bunt bekalkten Taubenschläge verleihen der Stadt ein größeres Aussehen, als sie in Wirklichkeit hat. Ich habe früher schon dieser colossalen Taubenschläge erwähnt; ein einziger solcher Thurm, viel luxuriöser gebaut, als die danebenstehende menschliche Wohnung, beherbergt oft 500 und mehr Tauben. Hauptzweck der Taubenzucht ist die Erzielung von Guano, und Leute in Esneh gaben mir die Versicherung, daß der Jahresbetrag eines großen Taubenschlags oft für 40 bis 50 Ducaten Guano betrage. Man sieht also, daß nicht allein die Gewässer des Nils es sind, welche die fruchtbaren Fluren erzeugen, sondern daß auch noch durch Dünger nachgeholfen werden muß.
Und da ich doch einmal bei den Tauben verweile, möchte ich hier die interessante, schon von Darwin mitgeteilte Thatsache hervorheben, daß die Tauben, um zu trinken, direct in den Nil fliegen; natürlich gehen sie in so seichtes Wasser, daß sie Grund finden. Aber wie lange wird es dauern und Gewohnheit, Notwendigkeit und Zuchtwahl werden zusammenwirken, es werden sich Schwimmhäutchen an den Füßen bilden und nach 10,000 Jahren oder mehr hat Aegypten vielleicht schwimmende Tauben.
Eine Eigenthümlichkeit hat Esneh noch, welche sich vielleicht in den anderen ägyptischen Städten auch findet, aber nicht so hervortritt, nämlich ein ganzes Viertel, wo nur Hetären wohnen. In der Nähe sind türkische Kaffeehäuser und von da konnten wir die interessantesten Beobachtungen anstellen. Da sah man eine ganze ethnographische Musterkarte weiblicher Geschöpfe: hier eine blendend weiße Deltabewohnerin, vielleicht mit tscherkessischem Blute in ihren Adern, dort eine pechschwarze Dame aus Fur, hier eine rothe Dongolanerin, dort eine Fellahin aus dem Nilthal mit goldgelber Haut und großen schwarzen Augen, hier eine Jüdin, dort eine Christin, hier eine Mohammedanerin, dort eine Schwarze, welche vielleicht noch Heidin war, kurz, fast alle Racen, jedes Alter und jede Religion war vertreten.
Wir luden diese zuvorkommenden Wesen ein, uns im Palais einen Besuch zu machen, aber da erfuhren wir, daß sie aus der Grenze ihres Stadtviertels ohne besondere Erlaubniß des Gouverneurs nicht herausgehen durften. Unser Photograph, Herr Remelé, wollte nämlich ein Gesammtbild dieser ethnographisch interessanten Frauen herstellen. Die Erlaubniß war indeß schnell erwirkt. Unter Führung des Unter-Mudir und verschiedener Polizisten erschienen sie Nachmittags, gewiß 30 an der Zahl, im Garten des chedivischen Palais. Alle waren im höchsten Putze und die Aermste hatte mindestens 40-50 Goldstücke zu einer Kette vereint um den Hals. Große goldene und silberne Armbänder, Fußspangen, bunte Kleider, goldgestickte Schuhe, Alles hatten sie angethan, um möglichst vorteilhaft zu erscheinen. Natürlich mußte die Sitzung bezahlt werden, aber es gelang Herrn Remelé doch, zwei höchst gelungene Aufnahmen zu machen.
Sonst hat die Stadt nichts von Interesse; der Marktplatz, die Buden, die Straßen sind eng und klein, aber es ist Alles zu haben. Mehrere von Griechen gehaltene Schenken sind mit leiblichen Bedürfnissen aller Art wohl versehen.
Doch noch einmal kehren wir zurück zu dem Tempel, der gleich hinter dem Marktplatze gelegen ist und sicher zu den staunenswertesten Denkmälern Aegyptens gehört. Dabei kam mir der Gedanke, wie angenehm es für uns gewesen war, diese alten ägyptischen Bauten immer in aufsteigender Weise kennen gelernt zu haben. Nachdem wir zuerst auf unserer Hinreise die ziemlich kunstlos gearbeiteten Hypogeen (Katakomben) von Beni Hassan, die Grüfte von Siut, gesehen, waren wir zum kleinen Tempel in Dachel, dann aber zum viel prächtigeren großen von Chargeh gekommen und nun hatten wir hier ein Werk vor uns, das uns die Pracht und die Herrlichkeit der ägyptischen Baukunst auf's Vollkommenste vergegenwärtigte. Leider ist der größte Theil des Tempels noch unter Schutt, nur der Porticus ist zugänglich. Aber seine gewaltigen Dimensionen deuten genugsam auf die bedeutenden Bauten hin, welche uns augenblicklich der neidische Boden zusammengefallener Hütten und Häuser verbirgt.
24 Säulen, über 33 Fuß hoch, in vier Reihen stehend, mit einer Peripherie von 16 Fuß jede Säule, lassen in diesem Vortempel nur ahnen, welche großartige Verhältnisse dahinter liegen. Die französische Expedition schätzt die Grundfläche des ganzen Tempels auf 5000 Quadratmeter, und Alles ist mit Hieroglyphen und bildlichen Darstellungen bedeckt. "Könnte ein Steinmetz auch ein Zehntel Quadratmeter in einem Tage mit solchen Hieroglyphen bedecken, so wären doch 50,000 Tage zur Beendigung der ganzen Decoration nöthig[60]."
Man sieht überall den Widderkopf des Jupiter Ammon; auch über der Thür, welche ins Innere des Tempels führt und die vermauert ist, sieht man ein widderköpfiges Bild. Die Säulen, deren Architrav, die Decke des Tempels sind alle wohl erhalten und die erhaben gearbeiteten Hieroglyphen im Innern des Porticus sind von einer Genauigkeit der Arbeit, als ob sie erst gestern aus der Hand des Künstlers hervorgegangen wären. Warum sind in dem Innern der Tempel die Hieroglyphen erhaben, an der äußeren Seite aber meist vertieft gearbeitet? Das sind Fragen, die Einem einfallen; vielleicht hat ein Brugsch oder Lepsius, oder gar schon Champollion darauf geantwortet. Ich weiß es nicht, ich verweise daher den, der sich mit diesen Gegenständen eingehend beschäftigen will, auf die dahin einschlägige Literatur. Interesse hat eine solche Baute gewiß für Jedermann; auch der Gleichgültigste muß bewundern und selbst der blasirteste Mensch muß verstummen unter dem mächtigen Eindrucke dieses Menschenwerks. Schade, daß die Dunkelheit nicht erlaubt, die Deckengemälde genauer zu betrachten, wo namentlich ein Thierkreis, durch die Sauberkeit seiner Arbeit ausgezeichnet, von großem Interesse sein soll. Ich habe ihn nicht gesehen; die Dunkelheit wird hervorgebracht durch Schutt, der, fast so hoch wie der Tempel selbst, davor liegt; man muß mittelst einer Treppe hinabsteigen.