Fünf Tage waren wir in Esneh, von Assuan kam immer noch kein Schiff. Am vierten Tage aber hatten wir schon einen Entschluß gefaßt. Vertraut mit den Versprechungen, welche ägyptische Beamte zu machen, aber nicht zu halten pflegen, hatten wir eingesehen, daß auf eine Dahabieh nicht zu rechnen sei. "Kairo ist weit und der Chedive thront hoch", denken auch die ägyptischen Mudire in Oberägypten. Möglich, daß keine Dahabieh in Assuan zu haben war, möglich, daß man dahin noch gar nicht um eine solche telegraphirt hatte; genug, es kam keine.
Aber in Esneh selbst fanden sich zwei allerdings kleine, aber doch taugliche Schiffe, und mit Hülfe des Mudir wurden sie gemiethet. Der Mudir verstand etwas Englisch und war einer der besten ägyptischen Provinzialbeamten, den ich noch gesehen hatte: Wie fein und "gentlemanlike" war sein Benehmen gegen das des Siuter Mudir, der ein ehemaliger Sclave von Abbas Pascha war! Der Mudir von Esneh hatte aber auch früher an der Spitze der Asisieh-Dampfer-Compagnie gestanden, er war noch früher See-Capitain gewesen und hatte als solcher die Welt kennen gelernt.
Auch die anderen Honoratioren der Stadt waren ordentliche Leute. Da war der Unter-Mudir, ein sehr gefälliger Mann; da war der Medicinalrath, der etwas Französisch redete, sich auch eine ägyptische Zeitung, die in französischer Sprache erschien, hielt, sie nur nie las. Er war so liebenswürdig, sie mir täglich zu schicken, aber ich gestehe, nachdem ich einige Mal dies Blatt, "l'Egypte" genannt, durchgesehen hatte, stand ich ebenfalls davon ab, es zu lesen. Kann man sich einen langweiligeren Inhalt denken: einige amtliche Bekanntmachungen, Auszüge aus den Verhandlungen irgend welcher obscurer französischer Gesellschaften, irgend ein französischer Sensationsroman und einige Annoncen. Selbst telegraphische Berichte waren nicht einmal vorhanden und politische Nachrichten, Leitartikel oder sonstige Raisonnements fehlten gänzlich. Glückliche ägyptische Beamte, die mit einem solchen officiellen Blatte abgespeist werden, "l'Egypte" ist das Organ der Regierung.
Da war dann noch der Mufti, der Kadhi, der Schich el Midjelis[61], der Ukil[62] des Palais des Vicekönigs und einige andere Notablen, die uns alle Abende einen Besuch machten; aber einen kurzen, das muß ich zu ihrer Ehre nachrühmen; die langen Sitzungen, wie sie uns von der Behörde in Dachel täglich aufoctroyirt wurden, hatten wir hier nicht mehr zu erdulden.
Bezaubernd in gewisser Weise waren auch die Tage in Esneh, so recht für's Dolce far niente angethan. Wenn des Morgens in die offenen Fenster hinein die sich mischenden Düfte des Jasmin und Orangenbaumes zogen, wenn die Schwalben ihr jubelndes Zwitschern erschallen ließen und wir selbst, Zittel und ich, uns auf die Terrasse begaben, um in aller Ruhe Kaffee zu schlürfen, zu schreiben oder zu lesen,—oder aber, wenn Abends die Sonne sich hinter die Nilufer gesenkt hatte und nun die gegenüberliegenden weißlichen Kalkberge in den herrlichsten Farben geschmückt prangten, der Himmel und der Nil selbst von ganz anderen Tinten übergossen erschien, als man es je anderswo schauen mag—so ließen alle diese Bilder Eindrücke zurück, welche nur Der zu würdigen weiß, der selbst Aehnliches erlebt und gesehen hat.
Mittags hatten wir die Dahabiehen gemiethet, Nachmittags um 5 Uhr konnten wir schon abfahren. Aber die Dahabiehen sind keineswegs alle von gleicher Beschaffenheit. Man hat sehr große und schöne, so wie die europäischen Nilreisenden sich dieselben in Kairo zu einer Reise auf dem Nil miethen; man hat kleinere für eingeborene Reisende und solche, die gleichsam für den Waarentransport eingerichtet sind.
Uns standen zwei kleinere zu Gebote, die mit vielen Nachtheilen den Vortheil verbanden, daß sie schneller fortzubewegen und besonders, daß sie bedeutend billiger waren, als die großen Dahabiehen. Wir verteilten uns also in die zwei Schiffchen und zwar so, daß Zittel, Ascherson und ich mit zwei europäischen Dienern das eine, Herr Remelé und Jordan mit drei ebenfalls europäischen Dienern das andere Schiff einnahmen. Räumlich waren letztere besser daran, als wir, denn bei gleich großen Cajüten waren sie zu Zweien, wir aber zu Dreien. Jedes Schiff hatte nämlich an seinem hinteren Theile zwei kleine Cabinen; in unserem bezogen Zittel und ich die eine, Ascherson die andere; letztere diente zugleich als Speisesaal und als Ort, wo unsere Kisten standen; beide Cajüten waren durch einen nicht näher zu bezeichnenden Ort getrennt, dessen unangenehme Einschaltung wir aber dadurch unschädlich machten, daß wir uns Allen den Zutritt verboten.
Oben auf den beiden Cajüten wurde gesteuert, dort schliefen der Rais, unsere beiden europäischen Diener und der Schich unserer eingeborenen Leute. Die Mitte des Schiffes hatte Raum für den Mastbaum, für drei improvisirte Bänke, welche die sechs Ruderer inne hatten, und unter Deck war unsere Bagage; ganz am Vordertheile des Schiffes befand sich eine Art von Küche. Das war die Einrichtung des Schiffes. An Möbeln hatten wir Feldtische und Stühle von einem Dampfschiffe des Chedive, welches vor Kurzem bei den Ssilsilla-Bergen oberhalb Esneh gescheitert war. Unsere eignen Feldstühle waren durch die Reise ganz unbrauchbar geworden.
An Proviant hatten wir drei Schafe, mehrere Puter, Eier, Mehl, Butter, Reis, Linsen, Brod, Kaffee, Wein und Bier; in dieser Beziehung waren wir also wohl versorgt, und um ja zu vermeiden, daß an Bord des anderen Schiffes nicht Unzufriedenheit ausbräche, theilte ich die Lebensmittel und Getränke stets so, daß jedes Schiff die Hälfte bekam, trotzdem wir zu drei Herren, das andere Fahrzeug aber nur mit zweien besetzt war.
Langsam entschwand Esneh unseren Blicken. Es war der erste Abend, den wir wieder auf dem Nil verlebten, ein herrlicher in jeder Art, und nun konnten wir auch schon mit ziemlicher Gewißheit vorher berechnen, wann wir in Kairo, wann wir in Alexandria und wann wir in Neapel sein würden, besonders Zittel und ich, die wir gemeinsam zurückreisen wollten, wir gaben uns oft diesem frohen Gedanken hin. Da saßen wir nun oben auf der Cabine, ein Glas Bier vor uns, schauten auf die in prächtigen Farben schimmernden Berge, auf die ruhigen Fluthen des Nil, auf die Barken, die leise darüber hinglitten, auf die friedlichen Ufer, wo hier ein Schäfer seine Heerde heimtrieb, dort Büffel, die das steile Gehänge hinanklommen, hier Männer mit Sicheln bewaffnet, Heubündel einheimsend, hier die jungen Fellahmädchen, die Kühe zum Melken herantreibend,—ein Bild der Ruhe und des Friedens. Und diese Leute sollen so bedrückt sein, daß sie kaum mehr das Geld erschwingen können? So fragte ich mich beim Anblick dieses Bildes. Es leuchtete doch nur Zufriedenheit und Frohsinn aus aller Leute Gesicht. Hier wurde laut gelacht, dort wurde gesungen. Wie stimmt das mit den Klagen über unerschwingliche Steuern?