Hier befindet sich auch das berühmte Fremdenbuch, worin Engländer und Franzosen unsern Lepsius so begeiferten, indem sie unkluger Weise ihm die Zerstörung der Ruinen schuld gaben. Kindischere Bemerkungen über die Trümmerfelder von Theben sind wohl nie geschrieben worden. Sie bedachten wohl nicht, daß Theben schon zur Zeit Strabo's zerstört war. Strabo (Bd. XVII, S. 816) sagt ausdrücklich: "Es ist mit Tempeln, die größtenteils von Chambyses zerstört worden sind, erfüllet und wird gegenwärtig als kleiner Flecken bewohnt &c." Also schon vor ca. 1900 Jahren war Theben, so wie es heute ist, aber vor ca. 3500 Jahren war es in seiner Glanzperiode, an Rom dachte man damals noch nicht. Dies Fremdenbuch wurde von Dümichen, als er unseren Kronprinzen auf seiner ägyptischen Reise begleitete, an Lepsius geschickt, der es zurücksandte mit der einfachen Bemerkung, er habe Kenntniß davon genommen. Auf dem Consulate sind übrigens zwei Fremdenbücher, ein allgemeines und ein nur für Deutsche bestimmtes. Das allgemeine Album rührt noch aus der Zeit her, wo der Consul verschiedene andere Nationen gleichzeitig mit vertrat.

Das Verbrechen von Lepsius bestand in Wirklichkeit darin, daß er viele der Tempel von Schutt reinigen ließ und zu der Zeit die Erlaubniß erhielt, gefundene Kunstgegenstände nach Berlin bringen zu dürfen; aber zerbrochen hat Lepsius nichts. Eine solche Barbarei z.B., wie das Ausbrechen des Thierkreises aus dem Tempel zu Dendera ist, ist nie von Deutschen begangen worden. Derselbe ist jetzt im Louvre.

Nach einem kurzen Besuche auf dem Consulate, wo der übliche Kaffee, Scherbet und Araki geschlürft und ein Tschibuk geraucht wurde, gingen wir sodann, den Tempel von Luxor zu sehen und ritten darauf nach dem Heiligthum von Karnak, dem größten Gebäude der Erde, welches jemals einer Gottheit geweiht war. Da eine Beschreibung dieser Bauten mit ihren Obelisken, Pylonen und Sphinxen nicht in meiner Absicht liegt, so fahre ich gleich fort im Berichten unserer Erlebnisse.

Wir waren Abends am Bord unseres Schiffes, schwelgend in der Erinnerung an jene staunenswerten Kunstwerke längst vergangener Generationen, nicht vergangener Völker, denn die heutigen Nilthalbewohner sind doch am Ende nur die Abkömmlinge jener Titanen, welche diese Riesenwerke aufbauten, deren Kraft und Schönheit wir jetzt täglich zu bewundern Gelegenheit hatten.

Und der folgende Tag sollte fast einen noch größeren Genuß gewähren: wir setzten hinüber auf die andere Seite des Nils, auf die linke, um die Königsgräber, die Memnon-Colosse, das Rameseum mit seinen herrlichen Bildwerken &c. in Augenschein zu nehmen. Ein ganzer Tag ging damit hin und dennoch sahen wir keineswegs alle Denkmäler, sondern nur die bemerkenswerthesten. Dankend muß ich erwähnen, daß uns vom Consulate ein sehr intelligenter Führer mitgegeben war, ein geborener Schlauberger, der dadurch die Backschische der Deutschen reichlicher zu fließen machen hoffte, daß er bei jeder Gelegenheit, und wenn diese auch von einem Steingemäuer (in Ermangelung eines Zaunes) gebrochen werden mußte, auf die Franzosen schimpfte, wie er andererseits muthmaßlich nicht verfehlte, auf die Deutschen zu schimpfen, wenn er Franzosen zu führen hatte.

Abends vereinigte uns ein solennes Souper auf dem Consulate. Man muß aber ein solches Essen mitgemacht haben, um über die Zahl der Gänge und Gerichte einen Begriff zu erhalten. Einigermaßen wird man sich eine Idee machen können, wenn ich sage, daß drei unserer complicirtesten Diners zusammengesetzt etwa ein koptisches bilden würden. Um uns besonders zu ehren und uns ganz in die koptische Sitte einzuführen, hatte der Consul es auf einer messingenen Riesenschüssel auftragen lassen, und während er selbst die Honneurs machte, ohne am Essen Theil zu nehmen, bat er uns, mit den Fingern zuzugreifen. Sein Sohn aber, ein liebenswürdiger junger Mann, der gut Englisch und etwas Deutsch sprach, nahm Theil an unserem Mahle. Als ich aber sah, daß einige von unserer Gesellschaft über das adamitische Essen ungeduldig zu werden anfingen (der Gang nach den Königsgrüften war ganz danach gewesen, den Appetit mehr als gewöhnlich zu reizen), bat ich den Consul, Messer und Gabeln bringen zu lassen, und nun ging es rascher von Statten. Aber fast hätte man sich diese wieder weggewünscht, denn es folgten so viele Gerichte, so viele Speisen, daß es kaum möglich war, von allen auch nur zu kosten. Rothwein, Champagner, dann und wann ein Gläschen Araki, um den Magen zu schnellerer Bewältigung der Speisen zu reizen, bildeten das Getränk und am Schlusse selbstverständlich eine Tasse Mokka mit dem Tschibuk.

Es war schon dunkel, als wir dankend vom Consul Abschied nahmen, uns an Bord begaben und noch am selbigen Abend abfuhren. Da erleuchteten, als wir dem Consulate gegenüber waren, bengalische Flammen sein Haus und gluthübergossen zeigte sich daneben der Tempel von Luxor mit seinem hohen Obelisk, dessen Bruder jetzt auf dem Concordienplatze in Paris steht. Flinten- und Revolverschüsse tönten dazwischen als Gruß für uns in die Heimath. Aber diesmal konnten wir den liebenswürdigen Consul überbieten, denn wir hatten noch viel Magnesiumdraht übrig behalten: wie durch Zauber erhellten wir die ganze Gegend mit sonnengleichem Lichte, noch einmal sahen wir den Karnaktempel, Medinet Abu, die Memnonssäulen, das Rameseum und alle die Herrlichkeiten der alten hundertthorigen Stadt und dann war lautlose Stille und tiefschwarze Nacht hüllte uns ein, selbst die Ruderer sangen nicht, sondern trieben durch leise Ruderschläge die Schiffe gen Norden.

Nachts kamen die Schiffe meistens auseinander; das, worauf Jordan war, hatte, weil es kleiner war, zwei Ruderer weniger; der Rais (Capitain) schlief gern, das Fahrwasser schien er nicht zu kennen, so daß es häufig aufrannte, aber des Morgens kamen wir doch immer wieder zusammen.

Unser Botaniker Abu Haschisch erwarb sich, wie überall in den Oasen, so auch bei unseren Matrosen, schnell die Sympathie derselben; sie hatten ein Gedicht auf ihn gemacht und unterließen nicht, ihn mehrere Male täglich zu besingen. Da war in ihrer Poesie von einem Garten, von Granatblüthen, von Pflanzen, von einem Quell die Rede, und namentlich wurde in gebundenen Worten sein Hemd besungen, welches diese Ehre durch einen ungeheuren Tintenklecks erworben hatte. Am Tage war nämlich die Hitze so groß, daß wir Alle, wie schon erwähnt, in einem möglichst leichten Costüm auftraten.

Hatten wir in Theben das großartigste der ägyptischen Baukunst betrachten können, so bot uns Dendera Gelegenheit, den Triumph der griechischen und ägyptischen Architektur zu bewundern; denn der Denderatempel, vollkommen von Schutt befreit und in allen Theilen erhalten, ist das Vollendetste, was von den neueren ägyptischen Bauwerken noch erhalten ist.