Sodann fuhren wir ohne weiteren Aufenthalt (nur in Girgeh wurde eine Stunde angehalten, um Proviant einzunehmen) nach Siut, von wo aus unsere Expedition abgegangen war. Obgleich wir in früher Morgenstunde, um 6 Uhr, landeten, war Herr Khaiat, des deutschen Consuls Sohn, schon in Homra, dem Hasenplatze von Sint. In der Erwartung, daß wir kommen würden, hatte er die ganze Nacht dort zugebracht. Hier hatten wir einen längeren Anfenthalt, Jordan hatte noch eine astronomische Messung zu machen, sodann waren noch sämmtliche Kisten, unsere Sammlungen enthaltend, an Bord zu nehmen. Während der Zeit ließ es sich das Consulat nicht nehmen, ein Frühstück zu arrangiren. Dem Consul und seinem Sohne, welche von der koptischen zur reformirt-koptischen Kirche übergetreten sind, pflichten wir den größten Dank. Während der ganzen Expedition haben Beide mit unermüdlicher Sorgfalt mit uns Verbindung gehalten, unsere Post besorgt, uns Lebensmittel und Alles, was sonst nöthig war, nachgeschickt. Ohne sie wäre der Verlauf der ganzen Expedition keineswegs so zusammenhängend und ohne Störung von Statten gegangen.

Durch ihre Vermittlung gelang es uns auch, die Erlaubniß zu bekommen, uns einem Dampfer eines Pascha's anhängen zu dürfen, zwar nur bis Monfalut, aber wir gewannen dadurch doch bedeutend an Zeit. Und dann erreichten wir bald mit günstigem Chamsin-Winde[63] Rhoda, die südlichste Eisenbahnstation. Abends dort angekommen, gelang es uns noch am selben Tage, alle unsere Bagage auszuladen und in einem Gepäckwagen der Eisenbahn zu verpacken. Der Chedive hatte uns bereitwilligst freie Fahrt bis Kairo bewilligt. Die Nacht, welche wir in zwei Zimmern des Stationsgebäudes zubrachten, gehörte allerdings nicht zu den angenehmsten: Schnaken und tausend Insecten plagten uns derart, daß an Schlaf nicht zu denken war.

Anderen Tages fühlte man sich fast wie in Europa; die Eisenbahn hat etwas eigenthümlich Heimisches; da, wo das Dampfroß schnaubt, glaubt man schon mit einem Fuße wieder in der Heimath zu sein, und in der That, von Rhoda aus steht man ja mit jedem größeren Orte Europas, ja der ganzen Welt in ununterbrochener Dampffahrt-Verbindung. Vorsorglich hatte ich Herrn Friedmann, dem Besitzer des Nil-Hôtel, telegraphirt, uns Wagen an der Station Giseh bei Kairo bereit zu halten; wir fanden solche auch und im Trapp ging's dann nach der Chalifenstadt hinein, durch die schöne neue Allee von Lebeckbäumen, die, wie durch Zauber entstanden, von Kairo bis zu den Pyramiden führt, über die neue Brücke und dann direct ins Nilhôtel, den sichersten Hafen für Reisende, welche, wie wir, so lange den civilisirten Genüssen fern gestanden hatten.

Und wie sahen wir aus! Als wir das Hôtel betraten, riefen mir zwei Amerikanerinnen "shocking, shocking" entgegen und flohen in den Gartenpavillon. Vor einem Spiegel sah ich denn auch, daß ich keineswegs ein gesellschaftsmäßiges Aussehen hatte; Schweiß, Staub und Hitze von der Eisenbahnfahrt hatten mein Gesicht, das ohnehin verbrannt war, zu einem Mohrenantlitz gestempelt, in allen möglichen dunkeln Farben schillernd. Ein Bad brachte jedoch Alles in Ordnung und Abends bei der Table d'hôte fand unsere ganze Reisegesellschaft einen freundlichen Empfang.

Ueber meinen Aufenthalt in Kairo habe ich diesmal nicht viel zu sagen. Natürlich wurden wir vom Chedive wieder in Audienz empfangen, auch war abermals eine Sitzung des Institut Égyptien und Gesellschaften bei unseren Freunden—uns aber zog es, je näher wir Europa kamen, desto mächtiger der Heimath entgegen.

Zittel's und mein ursprünglicher Plan, unsere resp. Frauen nach Cairo kommen zu lassen, mußte aufgegeben werden. Die Hitze und der Staub waren nun schon so unerträglich, daß die Damen von einer solchen Reise keine Annehmlichkeit und keinen Genuß gehabt hätten, aber dafür gaben wir uns in Neapel Rendezvous. Und nachdem alles Geschäftliche abgewickelt war, ging es in Alexandria an Bord. Zittel und ich hatten uns für das französische Boot entschieden, aber es war so übervoll, daß wir keine Cabine bekommen konnten, sondern uns blos mit einem Platze erster Classe ohne Bett begnügen mußten. Das war freilich schlimm, denn es standen uns noch immerhin vier Nächte bevor. Zittel eroberte sich indeß eines der zwei Sophas und ich begnügte mich mit einem Seitentische oberhalb seines Lagers. Eine eigenthümliche Gesellschaft war am Bord dieses Dampfers, ein Abbild des heutigen Franzosenthums. Mit Ausnahme von einigen Amerikanern und uns bestand die ganze Passagiergesellschaft aus Schauspielern, Pfaffen und Pfäffinnen—Kirche und Theater.

Da war ein Kapuzinermönch, da waren Augustiner, Dominikaner und einige Weltgeistliche, im Ganzen, mit einem protestantischen Reverend, vierzehn heilige Leute; da waren Schwestern vom heiligen Herzen Jesu und andere auffallend gekleidete Nonnen; den ganzen Tag hatten sie ein kleines Brevier in der Hand und den unvermeidlichen Rosenkranz, welchen Buddhisten, Mohammedaner und Katholiken in brüderlicher Liebe gleichmäßig als Gebetzähler adoptirt haben.

Nicht so langweilig wie diese augenverdrehende Gesellschaft war das lustige Theatervölkchen, ja eines Abends hatten wir sogar den Genuß, von einer der Damen, mit Begleitung des am Bord befindlichen Pianos, hübsche Lieder vorgetragen zu hören. Nirgends ist man auf dem Mittelmeere besser aufgehoben, als an Bord der französischen Messagerie nationale[64]. Die Officiere wie der Capitain sind meist gebildete, liebenswürdige Leute und, bei der weltverbreiteten Bedeutung dieser französischen Dampfer, sind sie frei von jener krankhaften Neigung, in jedem Deutschen einen Feind zu sehen. Die Cabinen sind vortrefflich und jede nur zu zwei Betten eingerichtet. Die Küche vorzüglich, ebenso die Getränke.

Wir hatten die Annehmlichkeit, an einem kleinen Tische allein zu speisen, nur zwei Yankees, die Erbauer der Pacific-Bahn, ein ägyptisch-arabischer Kaufmann, ein Jude und der katholische Patriarch von Jerusalem waren unsere Genossen. Man kann sich denken, daß da die Unterhaltung eine äußerst mannigfaltige war, wenngleich die Verschiedenartigkeit der Sprachen bisweilen wohl etwas hindernd erschien.

Die Fahrt durch die unvergleichlich schöne Meerenge von Messina, die Einfahrt in den Busen von Neapel werden für Jeden von uns gewiß unvergeßlich sei. Da ankerten wir nun im Angesichte der stolzen Königin des Mittelmeeres, ungeduldig des Zeichens gewärtig, das Schiff verlassen zu dürfen. Eifrig suchten wir unter den hundert kleinen Booten, die den Dampfer umkreisten, ob nicht in einem unsere Frauen sein könnten. Aber vergebens, keine blonde Dame war unter ihnen. Hier war ein Boot mit hübschen schwarzen Damen, auf Verwandte wartend, dort waren Hôteldiener, um Fremde zu angeln; hier hatte ein Policinello in schaukelnder Jolle sein Theater aufgestellt, hier trillerte ein Leierkasten, dort kam ein Schiff mit Mönchen, ja es drängte sich sogar eine ganze Musikbande heran; aber so sehr wir auch suchten, unsere Frauen waren nicht erschienen.