12. Bei den Zeltbewohnern in Marokko,
eine ethnographische Schilderung.
Geburt, Beschneidung, Hochzeit und Begräbniß.
Wie geschäftig die Frauen seit dem Morgen schon die Esel zusammentreiben! Unter Lachen und Schreien haben die Knaben und Jünglinge dabei geholfen, die Langohren vor einem großen Zelte (es gehört dem Kaid Abu Ssalam) zusammenzuhalten.
Heute wird eine große Festlichkeit vor sich gehen; man erwartet stündlich die Entbindung der zweiten Frau des Kaids, der Lella Mariam, einer jungen, reizenden Frau von vornehmstem Zelte. Kaid Abu Ssalam, der selbst nicht aus dem Geschlechte Mohammed's ist, sonst aber auch aus einem großen Zelte[66] stammt, hat durch seinen Reichthum es möglich gemacht, eine Scherifa zur Frau zu bekommen, d.h. eine Dame vom Stamme des Propheten. Um so mehr ist das zu bewundern, als Abu Ssalam schon eine Frau besitzt und Lella Mariam nicht nur jung und schön, ihr Alter betrug 15 Jahre, sondern auch reich ist. Aber welch' stattlicher Mann ist auch Kaid Abu Ssalam und wie geachtet und unabhängig im ganzen Lande! Selbst der Sultan liebt ihn.
Vom Stamme der Beni-Amer hatte er vor etwa 30 Jahren, als die Ungläubigen das Gebiet von Tlemßen besetzten, die dortige Gegend verlassen und nach einer dreijährigen Wanderung, immer nach Westen ziehend und oft genug mit der langen Flinte sich einen Weg bahnend, hat er den eigentlichen Westen erreicht, den Rharb el djoani, das gelobte Land der Gläubigen. Der Sultan ertheilte gern die Erlaubnis zum Bleiben, und nachdem die üblichen Abgaben geregelt waren, erhielt Abu Ssalam, es war das schon zu Lebzeiten des Sultans Mulei Abd-er-Rhaman-ben-Hischam, die Erlaubniß, seinen Stamm an die Ufer des Ued Ssebu zu führen.
Abu Ssalam herrschte über drei Duar (Zeltdörfer), von denen das größere sich aus circa 30 Zelten zusammensetzte und dem er selbst vorstand; die beiden kleineren, aus je 20 und 24 Zelten aufgeschlagen, waren von seinen jüngeren Brüdern beherrscht. Bei dem Jüngsten lebte außerdem noch ihr gemeinschaftlicher Vater, der Hadj Omar-ben-Edris, der aber schon lange die Kaidschaft an seinen ältesten Sohn abgetreten hatte.
Die drei Duar, so ziemlich in einer Linie gelegen, machten Front nach Westen und lehnten sich an einen Bergrücken; hier bestand derselbe aus herrlichen Wiesen, während nach dem Gipfel zu immergrüne Bäume, aus Korkeichen, Lentisken und Juniperen bestehend, den Berg bedeckten. Etwa eine Viertelstunde unterhalb der drei Zeltdörfer schlängelte sich der Ued Ssebu vorbei und ganz in der Ferne erglänzte der blaue Ocean. Der Raum zwischen den Dörfern und dem Flusse war durchweg beackert, aber unmittelbar neben den Zeltdörfern befanden sich auch kleine Gemüsegärtchen, eingezäunt von großen Dorngebüschen des stacheligen Lotusstrauches, das, obschon todt, dennoch hinlänglichen Schutz gewährte gegen weidende Thiere.
Von dem großen Zelte Abu Ssalam's also zogen sie ab, eine ganze Karawane lachender Frauen und Mädchen, einige zwanzig Esel mit leeren ledernen Schläuchen beladen vor sich hertreibend. Wohl manche mochte hoffen, heute bei der Festlichkeit das Herz eines Jünglings zu fesseln; die jungen Mädchen erzählten sich, wie viele Armbänder sie anlegen würden. Da sagte eine Andere, sie würde ihr Haar frisch machen lassen[67], und unter Jubeln und Lachen war der Ssebu erreicht.