Das Füllen der Schläuche aus einem mächtigen Strome ist leichte Arbeit. Die jungen Mädchen gingen bis an die Knie in den Strom, ließen das Wasser hineinlaufen und nachdem sodann noch Einige die Zeit benutzten, ein Bad zu nehmen, wurden die Schläuche, je zwei, einem Esel aufgeladen und zurück ging es zum Duar.
Unter der Zeit war die Geburt vor sich gegangen und Abu Ssalam's größter Wunsch war erfüllt, seine junge Frau hatte ihm einen kräftigen Knaben geschenkt. Zu Ehren seines Vaters erhielt derselbe noch am selben Tage den Namen Omar. Es ist Sitte, daß das Namengeben noch am Tage der Geburt geschieht. Wie war nun die Geburt vor sich gegangen? Wir können nur nach Hörensagen berichten, denn nie, und wenn auch die Frau dadurch vom Tode hätte gerettet werden können, darf ein Mann, ein Arzt oder Geburtshelfer bei einem solchen Acte zugegen sein.
Es scheint, daß bei Lella Mariam die Geburt leicht von Statten ging; Abends vorher waren Hülfsweiber gekommen, und als am anderen Morgen die Frauen vom Wasserholen zurückkamen, ertönte durch die Duar der Ruf: "El Hamd ul Lahi mabruck uldo", "Gott sei gelobt, der Sohn sei ihm zum Segen". Und vor dem Zelte, aus einem Arbater Teppiche, saß Abu Ssalam und empfing die Glückwünsche der männlichen Bevölkerung der drei Zeltdörfer. Auch manche alte Frau, ja manches junge Mädchen kam herbei, beugte rasch ein Knie und küßte Abu Ssalam's Hand den Gruß flüsternd: "Rbi ithol amru", Gott verlängere seine Existenz. Und er konnte recht stolz sein, unser Abu Ssalam; sein heißer Wunsch, einen Nachfolger, einen Sohn zu haben, war erfüllt. Zwar sein Stamm konnte so leicht nicht aussterben; den Stammbaum direct bis zum Chalifen Omar zurückführend, waren die Beni-Amer jetzt einer der mächtigsten Stämme unter den Arabern, ihre Duar zogen sich durch ganz Nordafrika. Seine eignen Leute näherer Verwandtschaft, die er nach dem Rharb (Marokko) geführt hatte, zählten über 100 Leute männlichen Geschlechts. Genau hatte Abu Ssalam sie nie gezählt, denn ein rechter Gläubiger zählt die Seinigen nicht. Aber er selbst hatte von seiner zuerst angeheirateten Frau Minana nur zwei Töchter, und Minana mit ihren 21 Jahren schien ihm wenig Hoffnung zu machen, ihm noch einen Sohn zu geben. Daher hatte er denn auch vor etwa neun Monaten die liebliche Lella Mariam geheirathet.
Jede Vorkehrung war aber auch diesmal getroffen worden, damit Abu Ssalam einen Sohn bekäme. Er selbst war nicht nur vor mehreren Monaten nach Uesan gepilgert, um die Intervention Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam's anzurufen, er hatte sogar das feste Versprechen Sidi's[68] erlangt, daß der Allerhöchste ihm einen Sohn schenken würde, und der Großscherif hatte freundlich dafür ein Pferd als Geschenk anzunehmen geruht; ja, um ganz sicher zu gehen, war er nach Fes zum Grabmal Mulei Edris gepilgert und hatte den Tholba (Schriftgelehrten) der Djemma (Gotteshaus) des Mulei Edris fünfzig Duros geopfert; mußte da Allah ihm nicht einen Sohn schenken?
"Gott segne den Großscherif!" rief Abu Ssalam, "Gott gewähre Mulei Edris alle Freuden des Paradieses," fügte er hinzu, "denn sie waren es, die mir den Knaben schenkten." Und da kam auch schon Lella Mariam aus dem kleinen Zelte, welches neben dem Zelte ihres Mannes war, nicht in Festgewändern, aber doch in einen neuen Haik gehüllt. Sie hatte vor sich das Knäblein und niederknieend legte sie den neuen Familienstammhalter vor ihren Gatten hin. Sie selbst in aufgelöstem Haare[69], da sie genau nach den Vorschriften des Gesandten Gottes lebte, hielt sich knieend abseits, da ihr Mann sie doch nicht, weil sie unrein war, berühren durfte. Nachdem die junge Mutter und das Knäblein den Segen vom Manne und Vater erhalten und der daneben sitzende Fakih (Doctor der Theologie) der Zeltdörfer das Fötah (erstes Capitel des Koran) gebetet hatte, ging sie ins Zelt zurück; schon am anderen Morgen machte sich die junge Frau an ihre gewöhnlichen Beschäftigungen, denn ein Wochenbett abhalten, wie bei uns die Frauen in Europa es zu thun gewohnt sind, kennt man in Marokko nicht.
Am selben Abend aber war großes Festessen vor dem Zelte Abu Ssalam's. Er hatte viele Hammel und Ziegen schlachten lassen zu Ehren des Tages und die Frauen des Duars hatten den ganzen Tag Kuskussu bereiten müssen, der in größeren hölzernen Schüsseln für die Gäste hingesetzt wurde.
Was mich anbetrifft, so wollte ich gern Näheres über den Geburtsact erfahren. Auf mein Befragen erzählte man mir, es sei Sitte, wenn eine Frau in Nöthen sei, so lasse man zuerst einen Fakih kommen, der durch Weihrauch und fromme Sprüche den Teufel zu bannen versuche, denn der Teufel ist auch in Marokko die Ursache allen Uebels. Hilft das nicht, so bekommt die Frau Koransprüche, die auf eine hölzerne Tafel geschrieben werden, zu trinken, indem die Sprüche von der Tafel abgewaschen werden; hilft auch das Verfahren noch nicht, so werden Koransprüche auf Papier geschrieben, zerstampft und mit Wasser gemischt der Leidenden eingegeben. Aber manchmal hat der Satan das Weib derart in Besitz genommen, daß er selbst durch das heilige Buch nicht ausgetrieben wird. Dann werden allerlei Amulete angewandt, z.B. die in ein Ledersäckchen eingenähten Haare eines großen Heiligen, die man der Kreißenden auf die Brust legt, oder Wasser vom Brunnen Semsem, welches man ihr zu trinken giebt, oder Staub aus dem Tempel von Mekka[70], welchen man auf ihr Ruhebett legt. In einigen Fällen läßt sodann der Teufel seine Beute los und der Vorgang erfolgt für die Mutter auf glückliche Weise. Es kommen jedoch genug Fälle vor, wo der Iblis (Teufel) derart sich des Weibes bemächtigt, daß er keinem Mittel weichen will; die Hülfsweiber nehmen dann selbst den Kampf mit ihm auf. Unter Beschwörungen und fortwährend rufend: Rham-ek-Lab! (Gott erbarme sich Deiner!) wird die Frau ergriffen, ein starkes Band um den Rücken und unter die Achsel durchgeschlungen und so in die Luft gezogen. Dadurch wollen sie die Wehen beschleunigen, und zeigt sich möglicherweise ein Theil des Kindes, entweder der Kopf oder die Füße, so versuchen sie, diese Theile zu ergreifen und durch starkes Reißen und Ziehen das Kind zu Tage zu befördern. Nur selten gelingt das, meist wird das Kind zerrissen und fast immer ist der Tod der Mutter Folge dieses barbarischen Verfahrens: Gott verfluche den Teufel!
Der kleine Omar wuchs kräftig heran; wie sollte er auch nicht! Zwei Jahre hatte ihn seine Mutter Lella Mariam selbst gesäugt und nur wenig war er während dieser Zeit Tags vom Rücken seiner Mutter gekommen und Nachts aus dem Schooße derselben. Denn die Frauen pflegen ihre Kinder so aufzuziehen, daß sie mit Ausnahme der Augenblicke, wo dem Kleinen die Brust gereicht wird, Tags über in einer Falte des Haiks (großes Umschlagetuch) auf dem Rücken der Mutter in reitender Stellung sich befinden. Es hat das zur Folge, daß die meisten Marokkaner sowohl männlichen wie weiblichen Geschlechtes Säbelbeine haben. Nachts aber ruht das Kindchen vor seiner Mutter, die während der zwei Jahre beständig allein lebt, obschon es ihrem Manne nach Ablauf von drei Perioden gestattet ist, sie wieder zu besuchen und mit ihr Umgang zu pflegen. Nachdem die zwei Jahre vorbei waren und Omar statt der süßen Muttermilch jetzt saure Buttermilch und Abends Kuskussu zu essen bekam, wurde ihm auch zum ersten Male das Kopfhaar geschoren; aber sein Vater Abu Ssalam gab wohl Acht, daß am Scheitel des Kopfes eine Locke, Gotaya, sowie an der rechten Seite des Kopfes außerdem ein Streifen von Haaren in der Form eines Halbmondes stehen blieb, denn die Kinder der Beni-Amer hatten seit undenklichen Zeiten einen solchen Schmuck getragen. Am selben Tage gab er seinem Zelte[71] einen Hammel zum Besten, sonstige Festlichkeiten fanden nicht statt.
Dafür wurde aber die Beschneidung Omar's in seinem achten Jahre desto festlicher begangen. Omar war jetzt ein kräftiger Bursche geworden; fortwährend in der freien Natur hatte er tagelang die Schafe und Ziegen seines Vaters mit hüten helfen und gewöhnlich auch das Pferd mit zur Schwemme reiten müssen; er verstand es schon, die eignen Kamele oder die der etwa ankommenden Fremden mit niederknien zu machen und der Thaleb[72] der Zeltdörfer hatte ihn das erste Capitel des Koran gelehrt.
Der feierliche Augenblick war gekommen, wodurch der kleine Omar jetzt in die Gemeinschaft der Muselmanen aufgenommen werden sollte. Um den Glanz des Festes noch mehr zu erhöhen, hatte Abu Ssalam es übernommen, sämmtliche gleichalterige Knaben der drei Zeltdörfer der Beni-Amer, und es waren deren noch sieben, auf seine Kosten beschneiden zu lassen. Ja, ohne den Neid und die Mißgunst seines eignen Fakih's (Doctor der Theologie) und der Tholba[73] der Duars zu erregen, weil sie auch ihre Gebühren bekamen, hatte er einen in hohem Ansehen stehenden Schriftgelehrten aus Fes kommen lassen. Die Gebühr für die Beschneidung, 3 Metkal, erlegte er im Voraus. Wie reich aber mußte Abu Ssalam sein, daß er so große Summen zahlen konnte, denn zahlte er doch, wie schon gesagt, seinen eignen Schriftgelehrten die nämliche Summe. Und wenn man bedenkt, daß man in Marokko für die Beschneidung sonst nichts zu bezahlen braucht, der bemittelte Mann höchstens eine Maß Korn oder ein Huhn oder einige Eier dem Schriftgelehrten für seine Bemühung giebt, so kann man ermessen, wie freudig die Eltern ihre Söhne herbeibrachten. Das Glück, vom heiligen Sidi Mussa aus Fes beschnitten zu werden, war zu groß. Abu Ssalam aber hatte es von jeher als eine Regel der Klugheit betrachtet, mit den heiligen Leuten, mit der Geistlichkeit, auf gutem Fuße zu leben und er hatte längst eingesehen, daß man mit der Geistlichkeit nur dann auf gutem Fuße lebt, wenn man sie tüchtig zahlt. Aber dafür war er auch des Paradieses sicher; der Segen, den sie ihm ertheilten, war länger als der für die übrigen Gläubigen, und durch die vielen Wohlthaten, die er den Fakih's und Tholba erwiesen hatte und noch immer erwies, war Abu Ssalam selbst in den Ruf großer Frömmigkeit gekommen.