Die acht Knaben wurden vor das Djemmazelt[74] in einer Reihe aufgestellt, und nachdem vom Fakih Sidi Mussa ein langes Gebet war gesprochen worden, ging er auf Omar zu, der von seinem Vater gehalten und ermahnt wurde, standhaft zu sein, ergriff sodann das Präputium und trennte es mit einem raschen Schnitte von der übrigen Haut; das noch übrig gebliebene Frenulum wurde mit einem zweiten Schnitte getrennt und sodann kam ein anderer Thaleb und streuete pulverisirten Schöb (Alaun) auf die blutenden Ränder. Standhaft hatte der Knabe Omar ausgehalten, seine Zähne zusammenbeißend murmelte er fortwährend: "Gott ist der größte, es giebt nur einen Gott." Sein Vater trug ihn, Omar war fast ohnmächtig geworden, nun gleich ins väterliche Haus zurück, während ein Sclave ein ganz neues Hemd und eine neue weißwollene Djilaba[75] vor ihm hertrug, Festgeschenke seines Vaters, welche aber erst angelegt werden durften, wenn der Kranke vollkommen genesen war. Die Beschneidung der übrigen Knaben erfolgte auf dieselbe Weise, nur daß einige von ihnen ein entsetzliches Geschrei ausstießen, und merkwürdiger Weise war einer unter ihnen ohne Präputium, oder doch nur mit einer Andeutung davon. Natürlich wurde er gleich für heilig erklärt, denn wie selten trifft es sich, daß ein Mensch beschnitten zur Welt kommt. Die Geschichte (d.h. nach der Auffassung der Marokkaner) nennt nur Mulei Edris, Sidna Mohammed, Sidna Brahim, Sidna Daud und Sidna Mussa als von Gott beschnittene Leute, d.h. ohne Präputium zur Welt gekommen. Der so ausgezeichnete Knabe, Namens Hamd-Allahi, hat denn auch später eine wichtige Rolle gespielt; er war von Gott beschnitten, er war ein Heiliger vor Gott und wer weiß, ob er nicht einst berufen ist, alle Menschen zum Islam zurückzuführen, damit alle Menschen des Paradieses teilhaftig werden, das Gott ihnen durch seinen Liebling Mohammed verheißen hat.
Aber wie segensreich sollte überhaupt diese Beschneidung für die acht Knaben werden, wie überhaupt für den ganzen Stamm der Beni-Amer! Die Beschneidung nämlich war vollzogen worden mit einem Mus min Hedjr[76] (Steinmesser). Seit undenklichen Zeiten vererbte sich ein Steinmesser vom Vater auf den Sohn in diesem Stamme der Beni-Amer, und einer schriftlichen Tradition zu Folge soll die Beschneiduug Sidni Omar's, des Stammvaters der Beni-Amer und zweiten Chalifen, mit diesem selben Messer vorgenommen worden sein. Wie ein Heiligthum wurde dasselbe in der Familie bewahrt, und selbst als es bei der Eroberung der Provinz Tlemsen durch die Ungläubigen, bei der Plünderung des Duars durch die Christenhunde, verloren gegangen war, kam es durch ein Wunder wieder in den Besitz des Kaids Abu Ssalam. Der Chalif Sidni Omar hatte es ihm selbst eines Nachts zurückgebracht, er fand es unter seinem Kopfkissen. Alle umliegenden Stämme beneideten die Beni-Amer um einen so köstlichen Schatz. Die meisten Marokkaner lassen sich mit gewöhnlichen Rasirmessern beschneiden, d.h. diese haben den Namen Rasirmesser, sind aber weiter nichts, als die elendesten Klingen dieser Art.
Omar verbrachte nun die nächsten Jahre damit, den Koran zu lernen, d.h. schriftlich und auswendig; denn heute gilt es in Marokko für einen Mann, der einst Kaid seines Stammes sein will, für unerläßlich, selbst lesen und schreiben zu können. Nicht, als ob er jemals diese Wissenschaften praktisch verwerthen würde, aber es gehört zum guten Ton, und wie auch in Marokko in dieser Beziehung die Mode anfängt, unerbittlich zu sein, so mußte sich Omar den langweiligen Unterrichtsstunden im Koranlesen und Buchstabenmalen unterwerfen. Sein Vater war glücklicher gewesen; zu seiner Zeit erheischte man noch nicht von den jungen Leuten, Lesen und Schreiben zu lernen. Omar machte dann in Gemeinsamkeit mit seinem Vater mehrere Reisen in Marokko, denn Kaid Abu Ssalam hatte den Entschluß gefaßt, die Pilgerfahrt nach Mekka erst dann zu machen, wenn sein Sohn eine Frau habe: dann solle die ganze Familie das Haus Gottes besuchen. Aber er lernte doch Fes kennen, er sah in Mikenes den Sultan, er unternahm eine Siara (Pilgerreise) nach der heiligen Stadt Uesan, er kam nach Tanger, um dort die Feuerschiffe der ungläubigen Hunde zu bewundern, und hatte das achtzehnte Jahr erreicht, um daran denken zu können, eine Frau zu nehmen.
Bei den freien Zeltbewohnern Marokko's ist es keineswegs Sitte, daß die Frauen sich verschleiern, wie in den Städten; Jünglinge und Jungfrauen haben daher auch Gelegenheit, sich zu sehen, kennen zu lernen und zu lieben. Auf dem Lande werden daher auch häufig genug Heirathen aus wahrer Neigung geschlossen. Omar hatte seit längerer Zeit Gelegenheit gehabt, die Reize und Vorzüge eines jungen Mädchens kennen zu lernen, welches nur einige Stunden von seinem Duar entfernt lebte. Es war das Aischa bent Abu Thaleb vom Stamme der Uled Hassan. Die beiden Väter waren seit Langem durch Freundschaft verbunden; der Duar der Uled Hassan lag auf dem Wege vom Ssebu nach Fes. Wenn nun Abu Ssalam nach der Hauptstadt reiste, was häufig genug vorkam, so nächtigte er nicht im allgemeinen Dar diaf (Fremdenzelt) der Uled Hassan, sondern ging zum Zeltendes Abu Thaleb selbst, und umgekehrt machte es dieser so, wenn sein Weg ihn in die Nähe des Ued Ssebu führte.
Omar war dann mehrere Male in Begleitung seines Vaters gewesen und seit vier Jahren war ihm die wunderbare Schönheit Aischa's aufgefallen; Aischa selbst mochte, als er sie zum ersten Male sah, 10 Jahre alt sein, jetzt hatte sie 14. Kein Mädchen hatte seiner Meinung nach so feurige Gazellenaugen, keine hatte einen kleineren Granatmund und längeres schwarzes Haar, keine hatte so volle Formen und kleinere Hände und Füße.
In seinen Augen verstand kein anderes Mädchen so gut die Ziegen zu melken wie Aischa, oder mit gleich lieblicher Anmuth einen Teller Brod anzubieten oder eine Schale mit Milch zu credenzen. Aber was war Alles dies gegen den Zauber ihrer Stimme? Zwar hatte Omar selbst nur einmal mit ihr gesprochen, als er ermüdet das Zelt ihres Vaters erreichte und um einen Trunk Wasser bat. Da schoß Aischa wie ein Reh davon, und aus dem Schlauche eine Tasse füllend, überreichte sie dieselbe mit den Worten: "Bism Allah!" (im Namen Gottes). Das war Alles, was Aischa direct zu ihm gesprochen hatte. Aber von dem Augenblicke sagte Omar zu sich: "Du kannst nur Aischa zum Weibe nehmen und keine andere." Er glaubte nun auch zu wissen, daß Aischa gern seine Frau werden würde, er schien bei ihr eine gewisse Sympathie für sich bemerkt zu haben, und ohne daß man mit Worten seine Gedanken auszutauschen braucht, merken die jungen Leute in Marokko ebenso leicht wie bei uns, was Liebe ist.
Omar war im Frühling, nur von Gefährten und Sclaven begleitet, von Fes zurückgekommen, er hatte wieder bei Abu Thaleb die Nacht zugebracht, er hatte die großen Augen Aischa's wiedergesehen, er hatte sie plaudern hören mit ihren Gespielinnen und von dem Augenblicke war sein Entschluß gefaßt. Als er am anderen Abend den eignen elterlichen Duar erreichte, rief er seine Mutter bei Seite; er gestand ihr seine Liebe zu Aischa und bat sie, mit dem Vater deshalb zu sprechen.
Obschon seine Mutter, Lella Mariam, eigentlich ein anderes junges Mädchen für ihren Sohn im Auge hatte, er sollte eine weitläufige Verwandte, die ebenfalls Scherifa (aus dem Stamme des Propheten) war, heirathen, so lag ihr das Glück ihres einzigen Sohnes doch viel zu sehr am Herzen, als daß sie hätte Schwierigkeiten erheben wollen. Zudem wußte sie wohl, daß, obwohl sie großen Einfluß auf ihren Mann hatte, die Entscheidung einer so wichtigen Angelegenheit von ihm abhing. Sie beeilte sich daher, ihrem Manne Mittheilung davon zu machen, und wunderte sich, daß derselbe ihres Sohnes Liebe ziemlich gleichgültig, fast kalt aufnahm.
Kaid Abu Ssalam war ein praktischer Mann, auch er hatte längst eine Schwiegertochter im Auge; das war aber keineswegs Aischa, die Tochter seines armen Freundes, sondern Sasia, die Tochter eines reichen Kaids der Uled Sidi Schich, deren Zelte in der Nähe von Udjda standen. Seit Jahren hatten die Väter dieses Project genährt. Die Uled Sidi Schich waren ebenfalls aus der Provinz Tlemsen vertrieben, aber sie waren nur über die Grenze gegangen. Safia mußte um diese Zeit etwa 13 Jahre alt sein und noch vor Kurzem hatte ihr Vater an Abu Ssalam geschrieben, nach Udjda zu kommen und seinen Sohn mitzubringen und dieser hatte es versprochen.—Jetzt sollte aus dieser Heirath, die Abu Ssalam fast schon als abgemacht fand, nichts werden, er sollte sein Wort brechen.—Aber Omar, der einzige Sohn, kam selbst, er beschwor den Vater, ihm Aischa zu verschaffen, er würde sterben, wenn Aischa nicht sein Weib würde, und dann flehte die Mutter, Lella Mariam, zu Gunsten des Sohnes; wie konnte da der Vater, der Gatte widerstehen?
Vor allen Dingen schickte er daher Leute ab an den Kaid der Uled Sidi Schichs, um ihm anzuzeigen, er könne und wolle sein Versprechen nicht halten, sein Sohn Omar habe sich eine andere Frau genommen. Sodann ging man gleich an die Brautwerbung, um jetzt die Hochzeit so rasch wie möglich zum Abschluß zu bringen.