Unter dem Vorwande, nach Fes reisen zu wollen, brach Abu Ssalam, von seiner Frau Mariam begleitet, auf und erreichte Nachmittags den Duar der Uled Hassen, um bei seinem Freunde Abu Thaleb abzusteigen. Die Begleitung der Lella Mariam erregte natürlich das größte Aufsehen und im ganzen Zeltdorfe flüsterten die Frauen und jungen Mädchen über dieses Ereigniß und prophezeiheten eine baldige Hochzeit. Abu Thaleb, der, wie schon gesagt, nicht begütert war, besaß nur ein Zelt, aber durch eine Scheidewand von wollenen Stoffen war eine Abtheilung für seine Frau hergestellt und in diese begab sich sogleich Lella Mariam zur Mutter Aischa's.
Sie fing damit an, von gleichgültigen Sachen zu sprechen und kam dann allmälig auf die Vorzüge ihres Sohnes; sie pries dessen Kraft und Schönheit, sie deutete an, daß er dereinst Kaid seiner Stämme werden würde, sie betonte, daß er von väterlicher Seite das Blut des Chalifen Omar, von mütterlicher das des Propheten habe und meinte schließlich, daß jedes Mädchen glücklich sein müsse, das er sich als Frau auserwählen würde. Sodann fügte sie noch hinzu, daß Aischa ein hübsches und tugendhaftes Mädchen sei, die wohl für Omar passen möchte. Aischa, wohl ahnend was kommen würde, war gleich im Anfange dem Zelte entschlüpft und hatte sich draußen etwas zu thun gemacht. Die Mutter Aischa's hingegen hatte nicht genug Lob für ihre Tochter, keine sei so schlau wie sie, keine verstehe so dauerhafte Haiks (Umschlagetücher) zu weben wie sie, keine verstehe die Kügelchen zum Kuskussu so fein zu reiben wie sie und ihre Keuschheit und Sittsamkeit sei über alles Lob erhaben; aber schließlich meinte auch sie, daß Aischa wohl für Omar passen würde.
Als nach dem Abendessen, welches die beiden Männer gemeinsam eingenommen hatten, ein jeder sich mit seiner Frau allein befand,—Aischa selbst war für die Nacht zu einer Freundin gegangen,—erfuhren sie von ihren Frauen den Gedankenaustausch und Abu Ssalam beschloß nun, am anderen Morgen von Aischa's Vater ihre Hand für seinen Sohn zu verlangen. Ob Aischa einwilligen würde, daran dachte er wenig, zumal er nach seines Sohnes Worten vermuthen durfte, daß eine gegenseitige Neigung vorhanden sei.
Da Kaid Abu Ssalam entschlossen, seinem Sohne (er hatte ja nur den einzigen) schon bei Lebzeiten einen Theil seiner Heerden abzutreten, so war er bald mit Aischa's Vater, dem Abu Thaleb, einig, er bezahlte ihm 200 Duoros, also einen bedeutend höheren Preis[77], als sonst üblich ist. Es wurde außerdem festgesetzt, daß Aischa drei neue silberne Spangen (um das Gewand festzustecken), zwei silberne Armbänder, zwei silberne Fußringe, im Ganzen im Gewichte von fünf Pfund Silber, bekäme, daß sie zwei Sack Korn, eine neue große kupferne Gidra[78], einen Teppich von Arbat, im Werthe von 20 Duoros, ein neues Hemd, einen neuen Haik, ein neues seidenes Kopftuch und eine neue seidene Schürze als Aussteuer bekäme, daß endlich das Maulthier, auf dem sie hergeleitet würde, Eigenthum ihres Mannes bliebe. Es war also genau so viel der Braut an Gegenständen mitzugeben, als der Schwiegervater dem Abu Thaleb an Geld gezahlt hatte; einer alten Sitte gemäß hatte überdies Aischa noch für ihren Zukünftigen das Hemd selbst zu nähen, welches er am Hochzeitstage zu tragen hatte, auch eine rothe Mütze mußte sie ihm mitbringen, wofür der Bräutigam am Festtage der Braut einen silbernen Ring und eine Halsschnur von Bernstein überreichte.
Nachdem die beiden Väter dieses unter sich abgemacht hatten, begaben sie sich zum Kadhi der Uled Hassan, wo alle diese Bestimmungen zu Papier gebracht und von Beiden unterzeichnet wurden; auch wurde der Tag der Heimführung der Braut, der Hochzeitstag, bestimmt und Alles dies durch ein gemeinsames Fötah (Segen, d.h. das erste Capitel des Koran wird gesprochen) besiegelt.
Abu Ssalam mit seiner Ehehälfte zog sodann eiligst nach Hause, denn da die Hochzeit schon nach acht Tagen stattfinden sollte, mußten jetzt rasch die Vorbereitungen zur Festlichkeit gemacht werden. Es mußten die Einladungen ergehen an nahe wohnende Freunde, Geschenke für die Geistlichkeit mußten gemacht werden, damit diese den Segen Gottes auf das neue Ehepaar herabflehe, Lämmer und Ziegen mußten ausgesucht werden zum Schlachten, und Tag für Tag waren die Frauen der drei Duar beschäftigt, Kuskussukügelchen[79] zu rollen, denn Hunderte von Personen waren am Hochzeitstage zu bewirthen.
So nahete der Tag. Einige Tage vorher saß Aischa schon mit umwickelten Händen und Füßen; denn während sonst die+ Frauen es für genügend halten, während einer Nacht, um eine rothe Färbung hervorzubringen, ihre Gliedmaßen in zerstampftes Hennahkraut einzuwickeln, hatte Aischa's Mutter, um eine recht rothe Farbe hervorzurufen, es für nothwendig gehalten, dies während mehrerer Tage hindurch zu thun. Ihre Augenlider wurden mit Kohöl geschwärzt, ebenso die Brauen, und auf ihre Stirn hatte ihre Mutter ihr ein reizendes Blümchen gezeichnet, während auf die Außenfläche der rothen Hand verschiedene schwarze Zickzacklinien gemalt wurden. Ihre Freundinnen und Gespielinnen waren alsdann behülflich, sie anzukleiden, nachdem Aischa im nahen Flusse ein Bad mit ihnen genommen hatte. Aber weniger prunkvoll, wie dies die Städterinnen zu thun pflegen, war das bald geschehen: ein seidenes Tuch um den Kopf geschlungen, nur mit Mühe das lange hervorquellende Haar zurückhaltend, welches sorgfältig gekämmt, geölt und geflochten war, ein neues Hemd, ein neuer weißer Haik, der über den Kopf und um den ganzen Leib geschlungen wurde, eine seidene Schürze von Fes, das war nebst rothen Pantöffelchen an den Füßen der ganze Anzug; denn Hosen, Westen, Kaftane und dergleichen Kleider, wie sie die Städterinnen in Fes, Mikenes oder einer anderen Stadt tragen, kennen die Töchter eines Zeltes nicht. Sodann wurde Aischa mit Rosenwasser übersprengt, mit Bochor und Djaui (Sandelholz und Weihrauch) durchräuchert und in die Kubba auf's Maulthier gesetzt.
Unter Thränen hatte sie Abschied von ihrer Mutter und von ihren Freundinnen genommen, denn die Sitte erheischte, daß diese daheim blieben; nur die männliche Bevölkerung der Uled Hassan und zu beiden Seiten des Maulthieres zwei ehrwürdige Greise, ihr Vater und ihr Oheim väterlicher Seits, begleiteten sie. Früh aufgebrochen, waren sie schon Mittags Angesichts der drei Duar der Beni-Amer, und sobald der Zug sichtbar war, kamen sämmtliche Leute der Beni-Amer und viele Fremde der Umgegend, die Pferde hatten, auf sie losgesprengt und bewillkommneten die Braut durch Flintenschüsse. Der Bräutigam war aber nicht dabei.
Im Duar des Bräutigams selbst angekommen, wurde sie sogleich nach dem Zelte ihrer Schwiegermutter geführt, und jetzt, unter lauter ihr fremden Frauen, zeigte sie sich zum ersten Male ihren neuen weiblichen Verwandten; denn wenn die Frauen des Zeltes auch nicht verschleiert sind, so war Aischa doch in der Kubba, d.h. in einer Art Käfig, der auf dem Maulthiere ruhte, hergekommen und war somit allen Blicken entzogen. Die Frauen verbringen jetzt die Zeit mit Essen und Trinken. Unterdeß haben sich aber auch die Männer versammelt, sie ziehen vor das Zelt des Bräutigams, der, in neue Gewänder gehüllt, heraustritt. Sein Kopf ist vollkommen mit einem Turban umwickelt, nur ein schmaler Spalt für die Augen ist gelassen. Man heißt ihn ein Pferd besteigen und sodann reiten Alle aus dem Duar heraus, um ein Lab, d.h. ein Wettrennen mit Schießen, abzuhalten. Der Bräutigam allein nimmt nicht Theil. Er hält gegenüber dem Zelte, wo man weiß, daß die Braut mit den übrigen alten und jungen Frauen sich aufhält, und nimmt so gewissermaßen Angesichts seiner Braut eine Parade ab. Weder kann er sie sehen, noch sie ihn, denn das Zelt ist bis auf einige Schlitze dicht zusammengezogen und sein Kopf ist verhüllt. Endlich ergreift, nachdem Alle schon mehrere Male das Pulver haben sprechen lassen, Omar ebenfalls eine Flinte, er schwingt sie um seinen Kopf, er saust davon, macht Kehrt, um im rasendsten Ritte auf's Zelt seiner Braut loszugehen, und angekommen, drückt er seine Flinte ab, schwenkt seitwärts, nachdem er noch die Flinte hoch in die Luft geschleudert und geschickt wieder aufgefangen hat.
Es wird Abend und der Bräutigam wird nach seinem Zelte zurückgeführt. Nun beginnen allgemeine Schmausereien; aber die Frauen, immer in ihrer Mitte noch die Braut Aischa behaltend, setzen den Kampf gegen die Kuskussuschüsseln allein fort, frischen Muth dazu dann und wann durch eine Tasse stark mit Münze aromatisirten Thee's schlürfend. Die meisten Männer und Jünglinge essen im Freien, denn die Zelte bieten weder Raum noch Helligkeit, nur der Bräutigam bleibt allein. Es scheint sich ein wahrer Wettstreit unter den Gästen im Essen zu entwickeln; aber wenn man weiß, wie ausnahmsweise und selten in Marokko den Leuten die Gelegenheit geboten wird, Fleisch zu essen, so kann man sich vorstellen, wie es dann bei einem Mahle hergeht, wo Fleisch in Hülle und Fülle vorhanden ist und man seine Höflichkeit und Freude am besten dadurch kund zu geben meint, wenn man so viel ißt, als man überhaupt nur essen kann.