Die Dunkelheit ist nun völlig hereingebrochen. Da sieht man plötzlich aus dem Zelte der Frauen einen Zug herauskommen, voran die Braut, sie allein verschleiert; ihr zur Seite gehen andere junge Mädchen, in der einen Hand eine Papierlaterne tragend, in der anderen ein mit Rosenwasser geschwängertes Tuch, womit sie der Braut wohlriechende Luft zuwehen; andere Frauen, und zwar zunächst die Schwiegermutter Lella Mariam, folgen, alle haben Laternen. Sie gehen auf das Zelt Omars zu, der fortwährend allein geblieben war, und da von der anderen Seite auch die Männer herbeigekommen waren, so ruft Abu Thaleb: "Omar ben Abu Ssalam, bist Du im Zelte, so erscheine und bezeuge im Namen des einigen Gottes, daß Du meine Tochter Aischa als Deine Frau aufnehmen und ernähren willst." Omar erschien und bezeugte es im Namen Gottes. Sodann ruft sein Vater: "Ich bezeuge im Namen des Höchsten, daß ich an Abu Thaleb 200 Duro gezahlt habe; hast Du sie bekommen, o Freund?"—"Mit Hülfe Gottes habe ich das Geld empfangen und laß Deinen Sohn morgen zeugen, ob die Morgengabe Aischa's richtig ist."—Darauf wurde das Fötah gebetet und die Mutter Omars, die Braut ihm zuschiebend, schlug das Zelt über Beide herab, und Omar und Aischa lagen einander in den Armen.

Draußen wurden aber die Schwelgereien im Essen fortgesetzt. Kaid Abu Ssalam hatte Sänger und Lautenspieler kommen lassen, Tänzerinnen hatten sich eingestellt, kurz, es fehlte nichts einer, einem so reichen und mächtigen Kaid würdigen Hochzeitsfeier. Aber stürmischer Jubel brach los, als einige Zeit nachher Lella Mariam, die Mutter Omar's, die vor dem Zelte Platz genommen hatte, aufstand und ein Hemd, das der gewesenen Braut Aischa, durch die Luft schwenkte. Das Hemd enthielt Blutstropfen, Omar konnte also den sichtbaren Beweis der Jungfräulichkeit seiner Braut liefern und dieser mußte Allen, die an der Hochzeitsfeier Theil nahmen, gezeigt werden. Kann dieser nicht beigebracht werden, so ist überhaupt die Heirath, wenn der Gatte will, als nicht geschehen zu betrachten.

Drei Tage dauerten diese Schmausereien, während welcher Zeit aber das junge Paar meistens allein blieb, um ganz das Glück der ersten Liebe zu genießen; vielleicht hätte auch Kaid Abu Ssalam die Festlichkeit noch länger ausgedehnt, da bei sehr reichen Familien acht Tage lang festirt wird, wenn nicht ein Ereigniß eingetreten wäre, das den Lustbarkeiten ein jähes Ende setzte.

Wohl durch zu viele Arbeit, die der alte Omar, Vater Abu Thalebs, seinem Magen aufgebürdet hatte, vielleicht auch durch Uebermaß des sonst ungewohnten Fleischgenusses, erkrankte er und schon nach einigen Stunden hatte er aufgehört zu leben.

Sobald man den Tod des alten Omar als sicher constatirt hatte, wurden alle alten Weiber vor sein Zelt beordert, um das Klagen und Weinen zu besorgen, während die Männer den noch warmen Leichnam wuschen, räucherten und in ein neues Stück Kattun einwickelten. Dies dauerte einige Stunden, sodann wurde eine Tragbahre geholt und der Verstorbene hinaufgelegt, denn bei den Zeltbewohnern herrscht die Sitte, den Todten in einen Sarg oder eine Truhe zu legen, nicht. Vier Männer bemächtigten sich der Bahre und sodann ging es fort in so schnellem Schritte, als man, ohne zu laufen, nur gehen konnte. Beständig wurde nach einförmiger Melodie gesungen: Lah illaha Il Allaha, und wenn dies etwa hundert Mal wiederholt worden war, bildete der Satz: Mohammed ressul ul Lah den Schluß, um aber gleich wieder von vorn anzufangen. Alle zwanzig Schritte lösten sich die Leute im Tragen ab, damit Jeder der Ehre, den Todten zur letzten Stätte zu tragen, theilhaftig werden könne. Nach dem Gottesacker der Beni-Amer, der ziemlich entfernt vom Duar gelegen war, waren aber schon vorher einige Leute geschickt worden, um die Gruft zu bereiten, und als der Trauerzug ankam, war Alles in Ordnung.

Ein letztes Fötah wurde gebetet und die Sure: "Sag', Gott ist der Einzige und Ewige. Gott zeugt nicht und ist nicht gezeugt und kein Geschöpf gleicht ihm," wurde von allen Anwesenden gelesen[80] und darauf unter dem Ausrufe: "Bism Allah!" (im Namen Gottes) der Leichnam in die Gruft gelegt. Ein Jeder der Anwesenden warf eine Hand voll Sand auf den Körper und hierauf wurde durch Hacken die Grube schnell mit Erde gefüllt. Damit nicht etwa Hyänen das Grab eröffnen könnten, wurden sodann zum Schlusse schwere Steine über das Ganze gelegt. Zurück wurde der Weg eben so rasch und ebenfalls unter dem Gesange: "Lah illaha Il Allaha" gemacht. Acht Tage lang mußten außerdem Trauerweiber, die zum Theil bezahlt waren, klagen und weinen, die Männer aber gingen ihren gewöhnlichen Beschäftigungen nach, pflegten sich aber auch Abends beim Trauerzelte einzufinden, weniger um der Vorzüge und Tugenden zu gedenken, die der verstorbene Omar ben Edris gehabt haben sollte, als um an der Mahlzeit Theil zu nehmen, die sein Sohn während der achttägigen Klagezeit allen Mittrauernden spenden mußte. Die Trauer durch besondere Kleider, z.B. schwarze Gewänder, auszudrücken, ist aber bei den Zeltbewohnern so wenig Sitte, wie bei den mohammedanischen Städtern.

Daß der Kaid der Uled Sidi Schich die Kränkung nicht ruhig hinnahm, weil man seine Tochter verschmäht hatte, versteht sich von selbst. Und so erschien er denn eines Tages mit zwanzig Reitern nach gefahrvollen Märschen; es gelang ihm auch, eine Nachts außengebliebene Heerde fortzutreiben. Doch die schnell aufgebotenen Beni-Amer, im Verein mit einigen Uled Hassan, ereilten die Räuber, ein kurzes Gefecht entspann sich, einige Kugeln wurden gewechselt. Die Uled Sidi Schich zogen natürlich den Kürzeren, im Triumphe wurde die geraubte Heerde zurückgebracht und seit der Zeit lebt Omar zufrieden und ruhig am Ued Ssebu, lebt wie sein Vater und seine Vorfahren gelebt hatten und wie seine Söhne und Nachkommen unwandelbar nach denselben Sitten und Gebräuchen weiter leben werden.

Fußnoten:

[66] Wie man bei uns sagt, er stammt aus einem großen Hause, so sagt man in Marokko min cheima kebira ("von einem großen Zelte").

[67] In Marokko flechten und kämmen die Frauen und Mädchen ihr Haar keineswegs alle Tage, sondern nur bei festlichen Gelegenheiten.