Das eigentliche Leben beginnt aber um 9 Uhr; jeder Prinz, jeder Beamte, und darunter namentlich die Cognaua (Plural von Cogna) oder Räthe, welche die Rathsversammlung oder Nókna, die alle Morgen in der Wohnung des Mai stattfindet, bilden, begeben sich mit grossem Gepränge, von vielen Sklaven und Clienten begleitet, zur Wohnung des Sultans. Da kommt auf einem prächtigen Berberhengste, der vielleicht mit zwanzig Sklaven bezahlt worden ist, ein nächster Verwandter des Sultans; sein Pferd hat einen silbernen Kopfhelm und einen reichen seidenen Ueberwurf, der Sattel, bei den Vornehmen meist mit hohen Lehnen, wie bei den Arabern, ist in der Regel von echtem blauen oder rothen Sammt, worauf Arabesken von Gold gestickt sind, überzogen; eine eben so kostbare Schabracke und Zügel aus feinen Lederstreifen zusammengeflochten, vervollständigen das Ganze. Der Reiter trägt meist nach Art der Tuniser Kaufleute einen Anzug aus Tuch und Seide, jedoch sind nur sehr wenige mit einem Turban versehen, meist begnügen sie sich mit einem rothen Fes. Und sobald er vor dem Sultan sich befindet, hat nur der Prinz von Blut und die Cognaua die Erlaubniss, den Fes aufzubehalten, alle anderen, selbst die Generäle und Minister, müssen barhaupt und barfuss erscheinen. Vor ihm her laufen seine Waffenträger und rufen Jedem zu, Platz zu machen, während hinterher noch Spiessträger und ein ganzes Gefolge von Sklaven trabt. Mit weniger grossem Aufzuge reiten die Beamten, höheren Offiziere und Räthe, alle lieben es aber, ein so grosses Gefolge wie möglich zu haben, jedoch darf ihr Pferd weder Silberplatten noch Seidentroddeln tragen. Dies ist ausschliessliches Vorrecht der königlichen Familie und vielleicht eines fremden Gesandten.
Alle diese Aufzüge gehen im schnellsten Trabe durch die Stadt. Was liegt dem Grossen daran, ob seine hinterhertrabenden Sklaven keuchen und husten, er kümmert sich nur um sich und achtet nur den, welcher im Range über ihm steht. Sobald alle in den geräumigen Sälen des Fürsten versammelt sind und sich gesetzt haben, ertönen die grosse Trommel und mehrere Pfeifen und andere Instrumente, für die wir keinen Namen haben, von denen eins jedoch unserm Dudelsacke gleicht und einen clarinetartigen Ton abgiebt. Jetzt betritt, von Eunuchen umgeben, der Mai die Versammlung, und während sich die Verschnittenen zurückziehen, nimmt er Platz auf einer Erhöhung, die mit schönen Smyrnaer Teppichen überdeckt ist. Die ganze Versammlung, welche sich beim Eintritt des Mai erhoben hat, lässt sich nun auch nieder, und jeder Einzelne kann dann den Mai begrüssen, kann Beschwerden vorbringen und Gesuche einreichen; die speciell Bevorzugten dürfen auch die Hand küssen. Dies thun indess eigentlich nur Schürfa (Abkömmling des Propheten, deren es immer eine Menge aus Mekka und Medina kommende in Kuka giebt). Die alten Cognaua haben so grosse Ehrfurcht vor ihrem Fürsten, dass sie ihm gar nicht ins Gesicht sehen, wenn sie mit ihm reden. Und früher zur Zeit der Sefua-Dynastie war es Gebrauch, wie das heute noch im Königreiche Mándara Sitte ist, dass alle beim Könige Versammelten demselben den Rücken zukehrten, um nicht vom Glanze des königlichen Antlitzes geblendet zu werden. Der Mai allein ist bewaffnet; zur Seite hat er zwei mit Silber beschlagene Pistolen liegen, manchmal auch noch einen Karabiner; vor ihm liegt ein kostbares silbernes Schwert, Geschenk der Königin Victoria[[5]]; alle anderen aber müssen, ehe sie die Wohnung des Mai betreten, draussen ihre Waffen zurücklassen. Die Versammlung dauert meist bis 11 Uhr, wo der Sultan durch seinen Rückzug das Zeichen zum Auseinandergehen der Versammlung giebt. Ehe sie jedoch die Wohnung verlässt, gruppiren sich drei oder vier um eine Fleischschüssel, Geschenk des Sultans, der ihnen manchmal auch während der Versammlung Goronüsse präsentiren lässt. Die Reste in den Schüsseln sind immer für die Sklaven.
Sobald sich die Grossen mit ihren Gefolgen wieder in ihre Wohnungen zurückbegeben haben, nimmt die Stadt einen todten Anstrich an. Die grosse Hitze erlaubt um diese Zeit keine Geschäfte und Arbeit, Alles zieht sich in die kühlsten und innersten Gemächer der Wohnung zurück, oder sucht einen dichtschattigen Baum auf, um sich dem Schlaf, und dem Nichtsthun hinzugeben.
Erst um 3 Uhr Nachmittags wird die Stadt wieder belebt, der Markt fängt an. Ich spreche hier nicht von dem grossem Markte, der jeden Montag vor den Thoren der Weststadt abgehalten wird, sondern von dem, der alle Tage in der Stadt selbst stattfindet. Aber wenn ich sage, es wird nur Ein Markt abgehalten, so muss man darunter nicht verstehen, dass derselbe an nur Einem bestimmten Orte wäre, im Gegentheil, um 3 Uhr Nachmittags ist die ganze Stadt ein Markt; Hauptpunkte bilden freilich der westliche Dendal der Weststadt, dann der Ṅgimgsegeni-Dendal und der Platz am Westthore der Oststadt.
Nur wer selbst dem Leben und Treiben in den Negerstädten mit beigewohnt hat, kann sich einen Begriff davon machen, wie es auf diesen Märkten hergeht. Man findet Alles, was zum Leben nöthig ist. Hier stehen grosse lederne Botta, weiche Butter enthalten, die natürlich immer flüssig ist, dort hacken die Metzger Fleisch, hier stehen Säcke mit Getreide, dort liegen Koltsche und Ngángala Erdnüsse, die einen kastanienartigen Geschmack haben. Melonen, Pasteten, Kornafrüchte (Lotus) und die bitteren äusserlich einer Dattel ähnlichen Früchte des Hadjilidj-Baums, selbst viele andere wilde Waldfrüchte werden ausgeboten, nicht zu vergessen die herrliche Gunda oder Melonenbaumfrucht, welche in den letzten Jahren aus dem Sudan ihren Weg bis an den Tsad-See gefunden hat. Aber auch gekochte Speisen findet man, um lodernde Feuer sieht man an kleinen hölzernen Spiessen grosse Stücke Fleisch braten, oder auch nach Art der Araber auf Kohlen backen. Wenn es gehackt und stark gewürzt ist und dann um Stäbchen geklebt und über Kohlen gar gemacht wird, bezeichnen sie es als Gúmgeni. Dies ist das, was die Araber Kiftah nennen. Auch kleine Brötchen, für einige Muscheln das Stück, sind zu haben, und damit ja nichts für den Gaumen fehle, findet man eine ganze Budenreihe, wo blos Goro- oder Kola-Nüsse verkauft werden. Aber wie manche arme Schlucker muss sich mit dem blossen Anblick genügen! Die Goro-Nuss, die nach Kuka von der Westgegend Afrikas über Kano kommt, wird durch diesen Transport so theuer, dass man manchmal das Stück mit 1000 Muscheln und mehr bezahlen muss, d.h. nach unserm Gelde mit etwa 9 Silbergroschen. Die übrigen Lebensmittel sind jedoch in Kuka so billig, dass ein Mann bequem seine Familie einen Monat lang mit 1000 Muscheln ernähren kann.
Interessant sind die Buden, welche europäische Artikel ausbieten: Perlen, Seidenzeuge, Kattune, Spiegel, Porzellanwaaren, Nadeln, Messer, grobes Schreibpapier und andere kleine Artikel. Namentlich in Perlen findet man eine erstaunlich grosse Auswahl, und man hat berechnet, dass die venetianischen Glasperlenfabriken für die schwarzen Damen eben so viele Perlen fabriciren, als es die böhmischen jetzt für die weissen Modedamen thun. Auch alle Handwerke findet man auf dem Markte vertreten, namentlich fehlt es nicht an Pferdegeschirr und Sätteln, denn jeder auch nur einigermassen bemittelte Mann in Kuka hat sein Reitpferd und einen Sklaven. Trödelbuden und Kleidermagazine sind natürlich auch vorhanden, denn wie bei uns kauft sich ein Kuka-Stutzer manchmal ein neues hübsches Gewand, zieht es ein oder ein paarmal an und verkauft es dann dem Trödler, nachdem er es einem neuangekommenen Araberkaufmann vorher auf Borg abgenommen hatte.
Sklaven sind ebenfalls alle Tage zu haben, jedoch von geringerer Sorte. Man findet deren 100 oder 150 ausgestellt, während Montags am grossen Markttage manchmal Tausende unter den Hangars kauern. Der Sklavenhandel wird überhaupt en gros in den Häusern getrieben, indem es z.B. vorkommt, dass ein reicher Kaufmann aus Tripoli oder Kairo seine Waaren oder einen grossen Theil derselben an Einen Mann für eine gewisse Zahl von Sklaven losschlägt, ohne dass diese auf den Markt kommen. Durch den grossen Aufschwung des Sklavenhandels in den letzten Jahren sind die Sklaven bedeutend im Preise gestiegen; so gilt ein hübsches junges Mädchen von 13 bis 16 Jahren bis gegen 50 oder 60 Maria-Theresia-Thaler, ein junger Bursche durchschnittlich 20 Thaler.
Hinter den Sklaven kommt gleich der Ort, wo das Vieh verkauft wird, denn auch Kameele, Pferde, Esel, Rindvieh, Schafe, Ziegen, Hühner etc. sind alle Tage und zwar nach unseren Begriffen zu fabelhaft billigen Preisen zu haben. So ersteht man eine fette Kuh für 2 Maria-Theresia-Thaler, ein gutes Pferd für etwa 12 solcher Thaler, ein Huhn für 50 Muscheln. Man kann aber auch alles mit Waaren kaufen, und wer z.B. europäische Artikel hat, steht sich sehr gut dabei, da diese bedeutend höher abgeschätzt werden, als ihr wirklicher Werth ist. Der Markt dauert bis 6 Uhr Abends, weil dann nach Sonnenuntergang die schnell eintretende Finsterniss jedem Austausch ein Ende macht.
Aber damit hat noch längst nicht das Leben in Kuka ein Ende. Nachdem man vom Markte zu Haus angekommen, wird das Mittagsessen eingenommen und dann machen sich die Leute ihre Besuche. Man giebt sich Rendezvous; namentlich die verheiratheten Leute leben in Kuka auf einem sehr leichtem und ungenirten Fusse. Fast jede hübsche verheirathete Frau hat ihren Cavaliere servente, und selbst die jungen Töchter des Sultans wussten es möglich zu machen, ihren Eunuchen zu entschlüpfen, um Liebesabenteuer aufzusuchen. Dabei bilden sich die Kinder Abends zu Gruppen, denn die kühlere Nachtluft gestattet jetzt Tanz und Singen; Musikbanden durchziehen die Strassen und namentlich bei Mondschein wird es selten vor Mitternacht ruhig in der Stadt.
Für einen Europäer würde indess bei allen materiellen Vortheilen ein bleibender Aufenthalt in Kuka unerträglich sein. Mit Europa ist in der Regel nur ein Mal im Jahre über Tripoli eine Verbindung; der viel nähere Weg nach der Küste vermittelst des Bénuē und Niger ist augenblicklich für Reisende und Warensendungen ganz verschlossen. Der einzige Artikel, der jetzt in Masse von der Küste seinen Weg bis an den Tsad-See gefunden hat, ist die kleine Muschel (Kauri), welche als Geld dient. Das Klima von Kuka ist sonst trotz der Nähe des Tsad und trotz der vielen Wasserlachen während der Regenzeit ein gesundes, weil die trockene Luft, durch die Nähe der Sahara bedingt, eine rasche Verdunstung des Wassers hervorbringt und so schon nach wenigen Tagen den Boden austrocknet.