Am Bénuē

Wir verliessen Nachts um 10 Uhr die Stadt Udéni, wo der Fetischdienst von den Negern am ausgeprägtesten betrieben wird. An demselben Tage noch, als ich Nachmittags Abschiedsaudienz beim Sultan hatte, konnte ich mich davon überzeugen, und war Zeuge der eigenthümlichen Opfer, welche diese Stämme ihren Götzen darbringen. War es ein wirkliches Fest, oder war es um den Zorn der aus Thon geformten Götter zu versöhnen, weil ein Weisser mehrere Tage in den Mauern der Stadt geweilt hatte, das konnte ich nicht erfahren.

Die Götter sind meist aus Erde, oft auch aus Holz geformt, und bewohnen eigene kleine Hütten. In den Gegenden am Bénuē sind es hauptsächlich Dodo und Mussa, denen man allgemeine Verehrung und Anbetung zollt. Es giebt nämlich Götter, die allgemein sind, und Privatfetische; jeder hat z. B. seinen eigenen Hausgötzen, ausserdem hat man Stadtgötter, Thorgötter, Feld- and Gartengötter, Flussgötter etc.

Als ich Abends mit meinen Leuten die schmale Brücke überschritt, die uns aus dieser Hexenstadt mit ihren Blutopfern wieder ins Freie brachte, dauerte es lange Zeit, trotz der herrlichen Nacht, trotz der lieblichen Gegenden, bis mir die Opfer, die ich Nachmittags im Hause des Sultans mit angesehen hatte, wieder aus dem Sinne kamen. Immer schwebten mir im Geiste die Bilder vor, wie unter Pauken- und Trommelschlag nackte Sklaven Schafe, Hühner und Tauben abstachen, die irdenen Bilder mit Blut beschmierten und dann Federn daran klebten. Aber endlich riefen die Stille der Natur und die üppige Pflanzenwelt andere Gedanken hervor. Man sah, dass die Nähe des Bénuē hier schon einen mächtigen Einfluss auf die Entwickelung der Vegetation ausübte. Schweigend durchzogen wir die Ebene, denn Nachts vermeidet man gern jedes Geräusch. Waren wir doch überdies in einer Gegend, wo fortwährend Krieg und Ueberfälle an der Tagesordnung sind, auf der äussersten Grenze der Macht der Fellata oder Pullo (Fulbe) nach Süden zu. Voran gingen zwei riesige Neger aus Keffi-abd-es-Senga; jeder trug auf seinem Kopfe einen 3 Ellen langen, an 80 Pfund schweren Elephantenzahn. Ich hatte das Elfenbein gegen meine Pferde ausgetauscht. Dann kam einer mit mehreren kleinen Zähnen, dann drei Sklaven, die unser Gepäck trugen, und den Schluss machten wir selbst.

Die Stille der Natur wurde fast durch nichts unterbrochen, nur zuweilen hörte man von fern das Krachen der Zweige im Gebüsche, durch welches ein unförmliches Flusspferd weidend sich den Weg brach, oder aufgescheuchte Vögel, welche eine andere Schlafstelle suchten, flogen kreischend davon. Mehrere Male wurde Rast gemacht, denn die Elfenbeinträger, obwohl es schien, als ob sie nichts zu tragen hätten, weil sie so rüstigen Schrittes vorwärts eilten, hatten doch von Zeit zu Zeit eine Erholung nöthig. Nach einem vierstündigen raschen Dahineilen gelangten wir plötzlich in einen dichten, hohen Wald; nur tastend konnten wir vorwärts kommen, denn die Kronen der Bäume bildeten ein so dichtes Dach, dass kein Stern durchfunkelte. Indess war der Pfad ziemlich breit, aber viele im Wege liegende Baumstämme und grosse Wurzeln machten das Weitermarschiren sehr beschwerlich. Dann wehte uns plötzlich eine kühlere Luft an, der Weg wurde frei und vor uns lag eine weite Ebene. Unsere Träger hielten an und legten, sich gegenseitig helfend, das Elfenbein auf den Boden; ein Gleiches thaten die Gepäckträger. Schon glaubten wir, es handle sich um eine blosse Rast; als ich weiter vorwärts ging, sah ich, dass ein weiter, blanker See zu unseren Füssen sich ausdehnte.

Aber nein, es war kein See, es war der Bénuē. Nach rechts und links dehnte sich das Wasser so weit man sehen konnte aus, doch gegenüber sah man an einzelnen Lichtern und Wachtfeuern die Grenze des majestätischen Stromes. "Ist dies das andere Ufer?" fragte ich die Neger.—"Nein, das ist blos eine Insel, Loko, von Bassa-Negern bewohnt, und hier werden wir bei Tagesanbruch übersetzen", war die Antwort. Sodann luden sie uns ein, uns auf den Sand niederzustrecken, da bei Tagesanbruch, sobald die Bassa uns sehen, sie mit ihren Kähnen herüberkommen würden, um uns abzuholen. Wir labten uns mit einem Trunke Wassers; seit wir Abends die Stadt verliessen, hatten wir trotz des schnellen Marsches nicht getrunken, weil Niemand Wasser mit sich führte. Dann legten wir uns ruhig nieder und erwarteten halb wachend, halb schlafend den Morgen. Beim ersten Grauen des Tages hörten wir sofort Geschrei und Lärmen und sahen, wie von der mit Oelpalmen bewachsenen Insel, auf deren nördlichem Ufer zahlreiche kleine Hütten standen, eine Menge Kähne ins Wasser stiessen und von nackten Negern auf die Stelle zu hingeschaufelt wurden, an der wir uns befanden. Wir stiegen nun auch den Strand hinab, der jetzt beim niedrigsten Wasserstande des Bénuē sehr breit war, und bald waren wir den Bassa gegenüber. Diese schienen sehr erstaunt, ein paar Weisse vor sich zu sehen, denn hatten sie jemals welche gesehen, so waren diese den Bénuē herauf in eigenen Schiffen gekommen. Anfangs schienen sie uns sogar für Fulbe, die ihre erbittertsten Feinde sind, zu halten. Nachdem aber die uns begleitenden Neger ihnen die Versicherung gegeben hatten, dass wir diesem Stamme nicht angehörten, überdies keine Mohammedaner wären, sondern Nassara (Christen, mein mohammedanischer Diener Hammed liess es sich ganz gern gefallen, hier als Christ mit zu passiren), wollten sie sich sogleich ohne Weiteres unseres Elfenbeins bemächtigen, sowie des Gepäckes, um dieses und uns in die ausgehöhlten Baumstämme (ihre Kähne) zu werfen. So, dachte ich indess, geht das nicht. Die Menschen sind überall dieselben, und wenn man in Italien oder im Oriente nicht wohl daran thut, sich, ohne zu parlarmentiren, in die Hände des dienenden Publikums zu geben, so glaubte ich auch hier vorerst dingen zu müssen. Wir rissen ihnen also unsere Habe wieder aus den Händen, und ich machte ihnen begreiflich, dass sie mir zunächst den Preis für das Uebersetzen sagen müssten. Zu dem Ende legte ich 100 Muscheln (Kauris) auf den Boden und fragte durch Zeichen, wie viel sie solcher hundert haben wollten? Nach langem Streiten und Handeln wurden wir dann handelseins über 4000 Muscheln, was allerdings theuer genug war, wenn man bedenkt, dass es sich blos ums Uebersetzen handelte, 4000 Muscheln aber den Werth von einem Maria-Theresia-Thaler repräsentiren. Die anderen Neger, welche, wie ich gehofft hatte, uns bis nach Loko begleiten würden, erklärten dann, dass sie zurück müssten, um noch vor der grossen Hitze Udéni zu erreichen. Nachdem sie uns dann in die Baumstämme geholfen, die so klein waren, dass kaum zwei Mann darin Platz hatten, und wir desshalb mehrerer bedurften, nahmen sie Abschied, wir stiessen vom Lande und wurden von den Bassa rasch nach ihrer Insel hinüber geschaufelt.

Die Ankunft von Fremden ist auf solchen Plätzen immer ein Ereigniss, wenigstens des Morgens früh, wo Alles eben vom Schlafe erwacht und noch nicht der Arbeit nachgegangen ist. Als wir landeten, hatte sich ein zahlreiches Publikum versammelt, das vielleicht noch aussergewöhnlich vergrössert war, weil man längst gesehen hatte, dass zwei Weisse die Fremden seien. Wie besorgt ich nun auch anfangs war, mich so ganz ohne irgend eine Stütze unter den Bassa zu befinden, von denen die anderen dem Fulbe des Reiches Sókoto unterworfenen Negerstämme mir nicht schlecht genug zu sprechen wussten, so legte sich doch meine Besorgniss, da ich bald sah, dass alles Böse, was man von ihnen gesagt hatte, Uebertreibung sei. Obgleich von Hunderten dieser Leute umringt, die sich so dicht wie möglich an uns herandrängten, uns befühlten und befragten, und sich dann wunderten, dass wir nicht in ihrer Sprache zu antworten vermochten, that man uns nichts zu Leide, sondern wir wurden einfach in einen von mehreren Hütten gebildeten Hofraum gedrängt. Man gab uns zu verstehen, dass wir uns setzen möchten. Nachdem uns dann eine recht nett aussehende alte Negerin ein Gefäss voll warmer Suppe gebracht hatte, fragte man uns durch Zeichen und Laute, ob wir denn gar keine der dort üblichen Sprachen verständen, und nach einander nannten sie eine Menge Sprachen als: Fulfulde, Berbertji, Arabtji, Haussa, Nupe etc. Ich glaubte nun zu verstehen, dass unter ihnen Individuen wären, die eine dieser Sprachen verständen, und erwiderte sogleich Arabtji, Berbertji. Unter letzterem Worte bezeichnen nämlich alle diese Negerstämme die Bewohner und Sprache von Bornu (—das Kanúri—). Die Bassa schienen eben so froh zu sein wie ich, als ich Berbertji antwortete; es wurde gleich darauf einer fortgeschickt, der dann mit einem Andern zurückkam, welcher uns schon von Weitem sein La-Le-La-Le, ke l'áfia-lē ṅda tégē etc.: "Sei gegrüsst; Friede; wie befindet sich deine Haut" etc. entgegenrief.

Fand er sich im Anfange etwas getäuscht, dass ich nicht so fliessend zu antworten vermochte, als er sich wohl gedacht hatte, so sah er doch schnell ein, dass es sein Vortheil sei, uns zu Freunden zu behalten, und ich meine gar, er sagte den Bassa, dass wir wirkliche Kanúri vom Tsad-See seien, was sie indess nicht glauben wollten, sondern ihm entgegneten, wir wären Inglese und Vettern von den beiden weissen Christen in Lokója (—der bekannten von Dr. Baikie gegründeten Station an der Mündung des Bénuē in den Niger—). Er selbst war gerade nicht von Bornu, sondern von einer im Reiche Sókoto gegründeten Colonie Namens Lafia-Bere-Bere. Er sagte mir dann, dass man eine Hütte für uns in Stand setze, und dass der König der Insel mir einen Besuch machen würde, den ich später zu erwidern hätte.