Unterdessen nahm ich die Gelegenheit wahr, mich etwas umzusehen. Unser Kanúri erzählte mir, dass die Bassa auf Loko hauptsächlich von der Fähre lebten, da hier ein Hauptübergang sei; bei Hochwasser sei die ganze Insel, welche jetzt etwa 16 Fuss über dem Wasserspiegel lag, überschwemmt, und die meisten Leute zögen sieh dann aufs linke Ufer zurück, während nur die zur Besorgung der Fähre unumgänglich notwendigen jungen Leute in hohen auf Pfählen ruhenden Hütten zurückblieben. Die Bassa-Neger wohnten früher alle auf dem rechten Bénuē-Ufer, wurden aber von den Fellata, ihren fanatischen Feinden, zurückgedrängt, so dass nur noch einige wenige Plätze von ihnen am rechten Ufer behauptet werden. Die Bassa sind mit den Afo- und Koto-Negern eng verwandt und scheinen sanfter Natur zu sein; sie nähren sich hauptsächlich von Fischen, die der Bénuē ausgezeichnet und in unglaublicher Menge liefert. Dem Aeussern nach sind sie echte Neger, ohne doch dabei hässlich zu sein. In der Jugend gehen beide Geschlechter nackt, und unter den Erwachsenen haben die ärmeren Leute höchstens ein Schurzfell um die Hüften geschlagen. Eigenthümlich ist die Art ihrer Begrüssung, indem sie den Vorderarm der Länge nach an einander legen, derart, dass einer dem andern den Ellenbogen umfasst. Sie sind wie die Afo-Neger Fetischdiener, ohne jedoch einen so ausgeprägten Penatendienst wie jene zu haben.

Endlich war die kleine runde Hüte, welche man provisorisch aus Matten aufgeführt hatte, fertig, so dass wir einziehen konnten. Kaum hatten wir uns niedergelassen, als der Galadima oder König der Insel kam. Er besah Alles, that viele Fragen mittels des Kanúri und sagte, er würde nach einem Araber als Dolmetscher senden. Im Ganzen benahm er sich recht anständig. Als er sich entfernt hatte, war meine erste Sorge, ein Schiff zu miethen nach Imaha (wird auch von den Arabern und Soko-Negern Um-Aischa genannt), einem Orte, der drei Tagereisen unterhalb am Bénuē liegt und wohin wir zunächst mussten. Das war keineswegs leicht, nicht etwa desshalb, weil die Leute zu hohe Preise forderten,—sie verlangten, ich glaube, 10,000 Muscheln, was mit den 4000 fürs blosse Uebersetzen also in gar keinem Verhältnisse stand,—sondern weil wir gar kein baares Geld, d.h. Muscheln, mehr hatten. Ich versprach ihnen, in Imaha zu zahlen, wo ich einen Burnus, das letzte Stück, was mir von meinen Waaren geblieben war, zu verkaufen gedachte. Aber kein Mensch wollte Credit geben; es blieb uns also nichts Anderes übrig, als alle Kleidungsstücke, die wir entbehren konnten, zu verkaufen, um so die Summe zu Stande zu bringen. Indem wir uns auf das Notwendigste beschränkten, gelang es uns 8000 Muscheln zusammen zu bekommen, und indem wir gleich im Voraus baar bezahlten, konnten wir von den 10,000 Muscheln 2000 abdingen.

Nachdem dies in Ordnung war, machte ich dem Könige meine Aufwartung. Er mochte wohl ein hübsches Geschenk erwartet haben, ich konnte ihm aber blos einige kleine einheimische Baumwollentücher geben, mit denen sich in Haussa die Weiber bekleiden. Damit gab er sich zufrieden, weil er selbst vorher gesehen hatte, dass wir gar nichts mehr besassen. Er machte dann die freundschaftlichsten Versicherungen, und meinte, er wünsche nichts so sehr, als mit den Engländern direct in Handelsverbindung zu treten. Ja, als ich zu Hause kam, sandte er mir sogar ein Gegengeschenk: ein Huhn, trockne Fische, Madidi, d.h. eine Art Kleister in Bananenblätter gewickelt, und 1500 Muscheln baar.

Denselben Tag konnten wir natürlich nicht an die Abreise denken, und es war auch gut, dass wir blieben. Denn am Abend kündigte sich die Regenzeit mit einem solchen Tornado (Orkan) an, dass ich fest glaubte, es sei ein Erdbeben damit verbunden. Da das Unwetter gegen Sonnenuntergang hereinbrach, also um eine Stunde, da alle Leute ihren Topf auf dem Feuer hatten, so kann man denken, wie sehr die Weiber sich beeilten, die Feuerstellen zuzudecken. Die Windstösse waren so heftig, dass in einem Nu mehrere Hütten weggeführt und Gott weiss wohin geweht wurden. Glücklicherweise lag unsere Hütte zwischen anderen so geschützt, dass wir nicht zu fürchten brauchten, fortgeweht zu werden. Das hinderte aber nicht, dass, als die Wolken an zu brechen fingen, Ströme Wassers von oben und unten hereinflutheten, so dass wir in einem Augenblicke durchnässt waren. Es ist gut, dass dergleichen Unwetter in der heissen Zone nie lange anhalten; nach einigen Stunden hatten wir einen vollkommen sternhellen und unumwölkten Himmel, und am andern Morgen tauchte die Sonne wie neu aus dem Bénuē, dessen früher staubige, dunkelbuschige Ufer jetzt durch den Regen rein gewaschen waren und wie im Frühlingsgrün prangten. Bei uns in Europa hat man keine Idee davon, wie rasch belebend der erste Regen auf die todte Natur einwirkt. Schon nach einigen Tagen sprosst Alles neu und frisch aus dem Boden, welcher sich wie durch Zauber in einen grünen Teppich voll bunter Blumen umwandelt. Und sobald die Pflanzenwelt erwacht, thut es nicht minder die kleine Thierwelt; Schmetterlinge und Käfer, die man sonst nur in Thälern, wo immer fliessende Bäche und Rinnsale rieseln, bemerkt, treiben sich nun überall umher.


Am andern Morgen endlich nahmen wir von unseren Bassa-Freunden in Loko Abschied und bestiegen unsern hohlen Baum. Dieser Kahn war gerade gross genug, um uns beherbergen zu können; nur Ein Neger stand auf dem Hintertheile, um mit einer Schaufel das schnell stromabwärts treibende Schiffchen zu lenken. In seinem Munde hatte er eine lange Pfeife, die bis auf den Boden ging und nur von Zeit zu Zeit fortgelegt wurde, wenn die Lenkung des Schiffes vielleicht mehr Aufmerksamkeit wie gewöhnlich erheischte. Wenn uns ein anderer Kahn begegnete, dann wurde sicher beigelegt, um einige Züge gemeinschaftlich zu schmauchen. Die meisten hatten sogar ein kleines Feuer in einem irdenen Topfe auf dem Vordertheile des Kahnes brennen, theils um Fische im Rauche des Feuers vor Fäulniss zu bewahren, theils um die Pfeifen anzünden zu können.

Es ist die Sitte des Rauchens hier bemerkenswerth genug; während z. B. in ganz Nordcentralafrika, Uadai, Bornu, Haussa, Bambara etc. überall Taback gezogen wird, verwenden die dortigen Einwohner dies Kraut nur zum Kauen, indem sie es pulverisirt mit Natron mischen, zuweilen auch zum Schnupfen; erst in der Nähe des Bénuē wird das Rauchen allgemein.

An Abwechselung fehlt es bei dieser Fahrt natürlich nicht; zahlreiche Herden von Flusspferden, Haufen fauler Kaimans, die sich auf den Sandbänken sonnten, fliegende Fische, die unser Fahrzeug umgaukelten, in den dichtbelaubten Bäumen am Ufer Herden von Affen aller Art, die neugierig auf uns herunterschielten,—hier und da, und dies meist am linken Ufer, ein Negerdorf. Auch sah ich die mannigfaltigsten Vorkehrungen zum Fischfange; sie nahmen sich fast wie grosse Vogelbauer aus und standen überall an seichten Stellen im Bénuē. Die Zeit wurde mir nicht lang. Nachts legten wir bei einer Sandbank inmitten im Strome bei, unterhielten aber immer Feuer, damit die gefrässigen Kaimans nicht zu nahe herankämen. Am dritten Tage endlich waren wir im Angesichte Imaha's, wo wir bei Sultan Schimmegē, einem Freunde des verstorbenen Dr. Baikie, die freundlichste Aufnahme fanden.