Der See hat einen Umfang von 11 englischen Meilen und die Gestalt eines unregelmässigen nach Süden sich ausbiegenden Kreises. Auf allen Seiten, besonders nach Norden und Nordwesten zu, ist er von flachem Alluvialboden, welcher sich an die Berge hinaufzieht, umgeben, und diese flachen Ufer nehmen im Bergbecken einen eben so grossen Raum ein wie der See selbst. Dieser Boden, der nach dem See zu, fast möchten wir sagen vegetabilisch wird, so sehr ist er vermischt mit vermodernden Pflanzentheilen, erlaubt Niemand sich dem Wasser zu nähern, da man schon auf eine Entfernung von mehreren Schritten, obgleich die Oberfläche vollkommen hart und wie gefroren aussieht, einsinkt.

Die Bewohner um den See sind Abessinier, aber alle Mohammedaner; dies spricht noch dafür, dass die eigentliche Wasserscheide durch die Westgebirge des Sees gebildet wurde, da die Trennung des Christentums vom Islam hier der Wasserscheide folgt. Bei der Eroberung der östlichen Provinzen Waag's durch Gobesieh gegen Theodor leisteten die Anwohner des Aschangi ersterem so gute und wirksame Dienste, dass sie dafür als Belohnung die Auszeichnung bekamen, einen eigenen Kreis zu bilden, während sie früher zu Kasta gehört hatten. Sie bezahlen ihre Abgaben, die in Korn, Vieh und Kriegsdienstleistung bestehen, jetzt direct an Gobesieh von Waag, während sie früher an Meschascha, den Neffen Gobesieh's und Fürst von Lasta zahlen mussten. Sie wohnen in kleinen Weilern; die Häuser derselben sind roh aus unbehauenen Feldsteinen aufgeführt und rund von Form mit konischen Strohdächern; mehrere solcher runden Hütten durch eine niedere steinerne Mauer umgeben bilden eine Familien-Wohnung. Im Inneren sind sie sehr dürftig ausgestattet; einige Geräthe zum Kochen, grosse thönerne Töpfe oft 5 Fuss hoch zum Aufbewahren des Korns, eine erhöhte Ruhestätte oft aus Thon, oft aus Holz und Rohr, mit einem Fell überdeckt, bleierne Gefässe und Schüsseln, bilden das ganze Ameublement. Das Vieh ist häufig- bei den ärmeren Leuten Nachts im Wohnhause, bei den Wohlhabenden jedoch immer in besonderen Räumen. Der Hauptnahrungszweig der Aschangibewohner ist Ackerbau, der das ganze Jahr hindurch, sei es durch Regen im Sommer, sei es durch künstliche Irrigation im Winter betrieben wird. Man baut fast nur Gerste, sehr wenig Weizen und sonst wird ausser Tabak nichts gezogen. In der Kleidung unterscheiden sich die Bewohner in Nichts von den übrigen Abessiniern, indess haben viele Männer metallene Ringe, keilförmig zugebogen um den Arm. Dies ist ein Zeichen, dass sie einen Galla erlegt haben, denn trotzdem sie Mohammedaner sind, herrscht doch eine erbitterte Feindschaft zwischen ihnen und den östlich von ihnen wohnenden Asebo-Galla; mit den umwohnenden Christen leben sie in guten Beziehungen. Ausser Ackerbau ernähren sie sich aber auch von Viehzucht; Rinder und Schafheerden und besonders gute Pferde zeichnen das Aschangi-Thal aus. Die meisten nach Tigre kommenden Pferde, welche als Lasta- oder Schoa-Pferde, die besonders berühmt sind, aufgekauft werden, kommen aus Aschangi. Der See, der vielleicht viele Fische birgt (wir konnten von den Umwohnern merkwürdigerweise nicht in Erfahrung bringen, ob Fische darin sind oder nicht, und auch Herr Munzinger, der ihn früher besucht hatte, konnte keinen Aufschluss darüber geben) und auf dem grosse Schwärme Wasservögel aller Art sieh herumtummeln, scheint gar nicht von den Anwohnern ausgebeutet zu werden.

An den Ufern finden sich in den grossen wilden Feigenbäumen und Mimosen grüne Papageien der kleinen Art, ohne langen Schwanz, Nachtigallen und viele andere Singvögel. Die wohlriechende weisse einfache Rose, Jasmin, ächte Aloes bilden dann den Hauptbaumwuchs, während die Berge höher hinauf gut mit Juniperen, Schirmakazien und Kolkolbäumen bewachsen sind. Von reissenden Thieren scheint nur die Hyäne am Aschangi-See vorzukommen und auch diese selten, wenigstens wurden wir Nachts nur wenig gestört. Antilopen, Gazellen, Hasen, Rebhühner, Perlhühner und verschiedene Arten von Tauben beleben die Wälder und würden den Eingeborenen eine reiche Nahrungsquelle abwerfen, wenn sie dieselben zu jagen verstünden; aber fast ohne Feuerwaffen, nur mit Spiessen, langen, etwas krummen Schwertern und runden ledernen Schilden versehen, bleibt die Jagd erfolglos.

Dieser reizende See, den Herr Munzinger mit dem Zuger-See vergleicht, mit einem ewigen Frühlingsklima wie es eine Höhe von 7000 Fuss in diesen Breiten mit sich bringt, wird sicher, wenn Abessinien einmal erst ein stabiles Gouvernement und geregelte Beziehungen zu Europa hat, einen Hauptanziehungspunkt für Touristen und Jäger bilden. Der gutmüthige obwohl kriegerische Charakter der Anwohner, die bedeutend offener und zuvorkommender als die nördlichen Tigrenser sind, wird bald durch eine längere Berührung mit Europäern gewinnen, in der That konnten wir in der ganzen Handlungsweise der Eingebornen von Aschangi einen grossen Umschwung in der Gesinnung der Bevölkerung bemerken, in Tigre blos Duldung und gezwungene Freundschaft, in Waag von Aschangi an offene Freundschaft und herzliches Entgegenkommen.


Nach Axum über Hausen und Adua.

In Abessinien gewesen sein ohne Axum gesehen zu haben hiesse, um sich eines alten Sprichwortes zu bedienen, nach Rom gehen und den Papst nicht sehen. Und so, obgleich ermüdet von der ganzen englischen Expedition, die der Anstrengungen und Entbehrungen nicht wenige hatte, noch wie gerädert von der eben vollendeten Tour nach Lalibala, beschloss ich von Antalo aus, auf welchen Punkt ich von Lalibala und Sókoto herausgekommen war, nach Axum zu gehen.

Merkwürdigerweise hatte die englische Expedition bis jetzt gar keine Veranlassung gegeben zu weiteren geographischen Forschungsreisen, obgleich das Land und Volk namentlich zu kleineren Reisen gerade jetzt den günstigsten Augenblick bot. Man hätte von Magdala über den Dembea-See, über Chartum und über andere Punkte Partien schicken können, aber von alle dem geschah nichts, und nur dem Zufall verdankte ich es, von Talanta aus von Sir Robert die Erlaubniss zur Abreise von der Armee zu bekommen; spätere Gesuche um derartige kleinere Ausflüge zu machen wurden vom englischen Oberkommando abschlägig beschieden. Möglich auch, dass sich wenige Leute gemeldet haben würden, von denen man derartiges gerade hätte erwarten dürfen: Markham war, sobald der letzte Schuss von Magdala gefallen war, wieder zurückgeeilt, Grant ebenfalls, Blanford der Geologe hatte nach Gondar zu gehen die Absicht, doch ihm wurde eine Escorte (die er aber gar nicht nöthig gehabt hätte) vom General en chef verweigert, ebenso dem Oberst Phayre, der die schönen Wegeaufnahmen für die englische Arme gemacht hatte, kurz die Armee mit allem was mitgezogen war, eilte so rasch, wie sie gekommen war, wieder ans Meer.

In Antalo angekommen traf ich einer der ersten ein, von denen, die bei dem Sturm von Magdala gewesen waren; erst am folgenden Tage kam Oberst Phayre, Herr Lieutenant Stumm und Abtheilungen von Soldaten, welche die ehemaligen Gefangenen escotirten. Der General en chef war erst in Attala, also noch drei bis vier Tagemärsche zurück. Herr Stumm entschloss sich nun schnell sich mir anzuschliessen, indess wurde ausgemacht, um von Antalo oder vielmehr Boye, denn hier war das englische Lager, nach Axum zu gehen, dass wir erst in Gesellschaft von Oberst Phayre noch einige Etappen weit die Militärstrasse benutzen wollten. Indem wir die Etappen verdoppelten waren wir am 12. Mai in Agóla und traten von hier aus unseren Tour nach Axum an.