Frühzeitig wie Phayre, dieser unermüdliche Fussgänger, welcher immer um 3 Uhr Morgens seine Märsche antrat, machten auch wir uns um 4 Uhr Morgens auf den Weg. Im Anfange folgten wir noch dem Militärwege, der uns in die Dóngolo-Ebene führte, gingen also in N. z. O. R., aber etwa eine Meile, ehe wir den von Dóngolo kommenden Gonfel-Fluss benutzten, bogen wir ab und hielten dann N. N. W. R. Die grosse Dóngolo Ebene ist äusserst fruchtbar und hat herrliche Wiesen, deren Kräuter und Gräser der letzt gefallene Regen jetzt hervorspriessen machte. Wir liessen gleich links auf einer kleinen Anhöhe eine halbe Meile[[13]] vom Wege entfernt das Dorf Adekau liegen, und von hier an kamen wir in buschiges Terrain, belebt von einer grossen Anzahl bunter Vögel, Tauben, Perlhühner, Hasen und von grösserem Wilde, welche hier einen ungestörten Aufenthalt fanden; aber eine Unmasse kleiner Fliegen, die Begleiterinnen des weidenden Rindviehs, begannen uns und unsere Pferde auf eine schreckliche Weise zu quälen, und je heisser es wurde, desto schlimmer wurden diese Qualen.
Nach einer Weile überschritten wir dann die Grenze von Tará um den District Eiba zu betreten, hier deutlich gekennzeichnet durch eine tief von S.O. nach N.W. laufende Schlucht, welche auf den von N. kommenden Sulloh oder Surohfluss mündet. Dieses stark rieselnde, von buschigen Ufern eingefasste Wasser verfolgten wir eine Meile nördlich und lagerten dann unter einem schattigen Oelbaum, um unseren Thieren etwas Ruhe zu gönnen. Von hier aus biegt der Fluss dann von N. O. kommend ab, wir selbst aber gingen in N.W. Richtung weiter. Ansteigend kamen wir dann auf einen Hochkessel von sonderbar geformten Sandsteinfelsen eingeschlossen; im Westen bilden die Wand hauptsächlich die Berge Adamesso und Adeitesfei mit Dörfern gleichen Namens. Nach O. zu sind die Berge weiter entfernt. In der Mitte liegen zahlreiche Dörfer, doch auch die bevölkerteste Gegend Abessiniens ist arm an Menschen in Vergleich zu Ländern, die wir gut bevölkert nennen. Wir campirten Abends in Eiba, der Hauptstadt des Districtes gleichen Namens. Es ist dies ein weitläufiger Ort aus grossen Gehöften, die oft mehrere Familien einschliessen, bestehend, die Hälfte, oft zwei Drittel der Häuser sind immer in Ruinen. Und obgleich hier in Tigre die Häuser jetzt ausschliesslich aus Stein gebaut sind, so ist doch der Vorrath an Ungeziefer in demselben eben so gross wie in den südlichen Provinzen. Es unterliegt keinem Zweifel, die Abessinier sind das schmutzigste Volk von ganz Afrika. Sobald man Tigre betreten hat, bemerkt man indess eine auffallende Verschiedenheit in der Construktion der Gebäude, nicht nur dass die Wände alle von Stein gebaut sind (dies findet man auch auf den hohen südlichen Hochebenen von Uadela und Talanta), wird die runde Hüttenform mehr und mehr verlassen und an ihre Stelle tritt das viereckige Haus mit plattem Dache. Meist nur aus einem Zimmer bestehend, deren innere Möblirung sich in Nichts von denen der Hütten unterscheidet, sind die Dächer von Balken gebildet, die ausserdem noch mit Reisern, auf welche man Thon gelegt hat, überdeckt sind.
In Eiba fanden wir übrigens noch einigermassen gute Aufnahmen, d.h. wir konnten für Geld etwas haben, und zwar keineswegs billiger als in Europa.
Die herrlichste Aussicht hat man von hier auf die wunderbar geformten Felsen Abergale's, welche im W. den Horizont wie ein Wald gothischer Kirchthürme oder sonstiger eigenthümlicher Gebilde verschliessen. Diese zackigen Felsen, von denen Gemer-Amba, Dar-Mariam, Korar, Debrar-Abraham die hervorragendsten sind, tragen sämmtlich, wie das schon der Name andeutet, Kirchen auf ihren Gipfeln. Nach den Aussagen der Leute von Eiba sollen dieselben an Pracht und Kunst selbst die in ganz Abessinien berühmten Kirchen von Lalibala übertreffen. Da unsere Zeit sehr gemessen war um rechtzeitig bei der Einschiffung der englischen Truppen in Zula einzutreffen, bedauerten wir beide sehr, diese interessanten Kirchenberge nicht besuchen zu können, obschon wohl nicht anzunehmen ist, dass sie auch nur im Entferntesten den Gebäuden Lalibala's gleich kommen. Die Bewohner in diesem Theile von Abergale sollen ebenfalls noch heute Troglodyten sein.
Am folgenden Tage hatten wir nur einen kleinen Marsch nach dem 4 Meilen entfernten Hausen, welches auf einer von O. nach W. streichenden Sandsteinrippe liegt. Wir mussten dahin zwei kleine Bäche passiren, den Mai-Gundi und den Abega, die hier von NO. nach SW. laufen. Die zu passirende Gegend ist gewellt und noch einigermassen der Cultur zugängig, während nach W. sich bis zu den Bergen Dama Galla ein unabsehbares Gewirr von steinigen Hügeln erstreckt.
Bei Hausen selbst fliesst ein kleiner Bach, der gleich nördlich am Orte entspringt, und an seinen Ufern unter schattigen Akazien schlugen wir unser Lager auf. Der Platz war wirklich reizend, der Rasen fing eben an auszuschlagen, die Mimosen entwickelten ihre jungen fein ausgezackten Blätter, im Rücken das Dorf, oder die Stadt wenn man will, auf hohen Sandsteinblöcken gelegen, welche halb durch einen Wald dichten Rohres versteckt waren, vor uns das klar rieselnde Wasser und dann die herrliche Aussicht auf Eiba und die wunderlichen Felsen Abergale's. In Hausen giebt es freilich nichts Bemerkenswerthes; dazu kam, dass der Dedjat oder Statthalter abwesend, da er zu Kassai gerufen war, und die Leute zeigten sich so ungastlich und frech, wie man sie nur in Tigre finden kann. In der That fanden wir hier die Preise des Korns für uns so unverschämt hoch, dass wir für unser Vieh, wir hatten zusammen 11 Stück, an Einem Tage 14 Marien-Theresien-Thaler verausgabten. Hausen war in früheren Zeiten mehrfach Hauptstadt[[14]] von Tigre gewesen, jetzt ist es ein elendes Nest. Auch die Kirche hat nichts Bemerkenswerthes, höchstens dass der hinterste Theil derselben aus dem Fels ausgehauen ist. Ursprünglich scheint die ganze Kirche auf diese Art erbaut gewesen zu sein; später zerstört, hat man dann ein Gebäude abessinischer Art daraus gemacht, welches sich durch nichts als Geschmacklosigkeit auszeichnet.
Froh diesen ungastlichen Ort verlassen zu können, brachen wir am anderen Tage früh morgens auf; aber kaum hatten wir einige Schritte gemacht, als ein Unfall andeutete, dass wir keinen angenehmen Tag haben sollten: mein bestes Maulthier, welches die beiden schwersten Kisten trug, überstürzte sich beim Ueberspringen eines Grabens, und ich weiss noch nicht wie es kam, dass weder Maulthier noch Kisten Schaden litten. Dann ging es weiter; aber wie trostlos, echt abessinisch war die Gegend, Zum besseren Verständniss führe ich hier an, dass von Adigrat auslaufend die hohen Berge in Debra-Zion weit nach S. zu vorbiegen, dann sich wiederzurückziehend, kommen sie mit der Angoba Amba wieder nach S. Von diesem Zuge aus laufen nach S. zahlreiche kleine Rippen, aber bald ist das Ganze ein Gewirr von niedrigen Bergen, von Oben und Weitem gesehen wie eine Ebene, in der That aber durchschnitten genug, um bei den schlechten Wegen die Geduld des Reisenden auf eine harte Probe zu setzen.
Unsere Richtung war, die vielen kleineren Biegungen ausgenommen, fast durchaus WNW. Und so fort kletternd über die unwirtlichen Felsen, ohne auch für den ganzen Tag auf ein einziges Dorf zu stossen, oder auch nur von Ferne eines zu sehen, war das einzige Schöne die wunderbaren Formen der Felsen im Norden. Wer in der That Berge sehen will, muss nach Abessinien gehen, es giebt keine denkbare Form, die hier nicht zu finden wäre. Das Gestein, welches wir an diesem Tage erblickten, bestand fast durchweg aus verschiedenen Schiefern, von denen Thonschiefer und Glimmerschiefer die vorherrschenden waren, oft marschirten wir indess über Hügel, die mit kleinen weissen Quarzstücken wie bestreut waren. Die Vegetation war äusserst spärlich und bestand meist aus verkrüppelten Mimosen und dem unvermeidlichen Kolkol-Baum. Wir passirten den Felagelasi, der in den Woreb geht, und hielten dann längere Zeit am Mai-Metjelorat, der ebenfalls dem Woreb tributär ist Sodann hatten wir noch den Orei zu passiren, der von dem Tjametfluss durch den Adergebeto-Berg getrennt ist. Wir hatten den Angeba-Berg endlich erreicht, aber obschon unser Führer uns gesagt hatte, wir würden ein Dorf hier finden, sowie Wasser, so erwies sich das als irrig: das Dorf war hoch am Berge hinauf gelegen, das Wasser eine Stunde weit zurück. Heftig eintretender Regen nöthigte uns indess unsere Zelte aufzuschlagen, und in der Nähe fanden wir Hirten, welche aber nichts zu verkaufen hatten. Das Vieh musste Abends l Stunde weit zum Wasser zurück geführt werden, und ebendaher mussten wir auch unser Trinkwasser holen; für uns selbst hatten wir Vorräthe, und ein grossen Haufen Stroh musste als Viehfutter dienen.
Der folgende Tag war besser, was Gegend und Bevölkerung anbetraf. Aber wegen des Regens am Tage vorher konnten wir erst um 7 Uhr aufbrechen; wir umgingen dann den Angeba-Berg und hielten dann im Ganzen NW. z. N.-Richtung. Grosse Feigenbäume, die hier und da die Gegend beschatten, Dörfer an den Abhängen der Berge, Viehheerden, welche von singenden, halbnackten Hirtenburschen durch die Büsche getrieben wurden, lassen die Zeit rasch verstreichen. Wir passiren um 9-1/2 den von NO. kommenden Gebre Rhala-Bach mit gutem Wasser, und um 11 Uhr sind wir am Flusse Fersmai, wo wir in der Nähe eines üppigen Pfefferfeldes einen Halt bis Nachmittag machen. In gerader W.-Richtung sehen wir von hier den Gipfel des mächtigen Semaita-Berges über die niedrigen Hügel, die uns umgeben, hervorragen. Wir gingen denselben Abend noch bis zum Orte Assai, der am nordöstlichsten Ende des Semaita-Berges selbst liegt. Der Ort hat indess wie alle eine grosse Ausdehnung woraus es sich erklärt, dass er auf einigen Karten weit östlich von Semaita verzeichnet ist. Halbwegs zwischen Semaita und Fersmai liegt östlich vom Wege der Berg und Ort Gedera.
Wir hatten jetzt nur noch einen Marsch bis Adua, der jetzigen Residenz von Tigre, wenn von Residenz die Rede sein kann in einem Lande, wo der Fürst fortwährend im Lager lebt, und heute hier, morgen da campirt. Wir umgingen nördlich den Semaita-Berg, eine Schlucht übersteigend, die ihn vom Raya-Berg trennt, und den Gu-Asses, den Gedem-Anharet, endlich den Aba Gerima links lassend, langten wir nach 3 Stunden vor Adua an.