Wenn auch vor Damiette waren wir doch nicht in der Stadt, ein schmaler Kanal führte vom Menzale-See zum Damm, der die fruchtbaren Niederungen des Nils abtrennt, und hinter ihnen liegt erst Damiette selbst am Nil. Unglücklicherweise hatte der Nordwestwind alles Wasser weggetrieben, so dass unser plumpes Schiff das Ufer nicht erreichen konnte, nichts blieb übrig als entweder den zwei Fuss tiefen Schlamm zu durchwaten oder bis am Abend im Schiffe zu bleiben, wo nach Aussage der Leute das Wasser höher werden würde. Aber ich zog doch lieber vor einen Kilometer im Schlamm zu stelzen, als angesichts der Stadt länger im Schiffe zu bleiben; nur rasch meine Kleider abwerfend, sprang ich hinaus und arbeitete mich glücklich an den Damm. Freilich war dies, da man bei jedem Schritt bis über die Knie einsank und förmlich festklebte, keine leichte Arbeit, aber nach einer Stunde hatten wir festen Fuss und konnten uns in den Wellen des Nils den Menzale-Schlamm abwaschen. Die Koffer wurden gegen ein hohes Bakschisch von der Mannschaft des Schiffes an das Land getragen, dann gleich auf einen Esel gelegt, und fort ging es zur Stadt.
Man hat die Wahl in Damiette zwischen zwei Hotels, wovon das eine ziemlich mitten in der Stadt liegt und von einem Griechen gehalten ist. Das andere, mehr eine Art Pension, liegt ausserhalb der Stadt nördlich und gehört Herrn Guérin, der, wie der Name andeutet, Franzose ist. Man kann sich wohl denken, dass ich letzteres als Absteigequartier vorzog, zumal ich einen Empfehlungsbrief für den Besitzer mitbrachte. Reizend in einem Palmengarten gelegen, zwischen denen Oliven, Orangen und europäische Fruchtbäume herrlich gedeihen, von den üppigsten Gemüseculturen fast aller Zonen umgeben, die Wege von Jasmin und Rosen besäumt, kann man sich keinen angenehmeren Aufenthalt denken als dieses ländliche Hotel, Reinliche Zimmer, freundliche Wirthe und, was erstaunenswerth ist in Aegypten, billige Preise, ist dies Hotel in Damiette so zu sagen eine Ausnahme. Zwei Familien, je aus Mann und Frau bestehend, wirtschafteten hier gemeinsam und lebten in vollkommenster Harmonie, ja das Merkwürdige dabei war noch, dass der Hauptinhaber Herr Guérin Jude ist, seine Frau eine Christin, während das andere Ehepaar ein umgekehrtes Verhältniss zeigt. Da nach Damiette sehr wenig Fremde kommen, so existirt natürlich keine Table d'Hôte, und man isst, wenn man nicht ausdrücklich es verlangt, mit der Familie à la française.
Obgleich sehr wenig Europäer in Damiette wohnen, hat die Stadt ein aussergewöhnlich reinliches Aeussere, die Strassen sind verhältnissmässig breit, viel reiner als die in Cairo und Alexandria, und die Hauptstrasse, welche die Stadt der Länge nach durchschneidet, mit ihren Buden und Gewölben an beiden Seiten, ist orientalisch schön. Die Stadt kann gegenwärtig 45 bis 50,000 Einwohner zählen, war aber früher bedeutend grösser.
In alten Zeiten galt Damiette als der Schlüssel Aegyptens und lag dann unmittelbar am mittelländischen Meere, während es heute durch die Ausschwemmungen des Nils, der fortwährend nach Norden Erdreich ansetzt, 12-15 Kilometer davon entfernt ist. Damiette liegt auf dem rechten Ufer des östlichen Nilarmes, auf einer Landzunge, welche den Nil vom Menzale-See trennt, es wird zur Provinz Mennfieh gerechnet. Eine ganze Tragödie spielte sich hier zur Zeit der Kreuzzüge ab, als der heilige Ludwig in der Nähe der Stadt geschlagen und gefangen genommen wurde. Aber schon vor ihm hatte man die Wichtigkeit Damiette's erkannt, und die Franzosen debarkirten zuerst im Jahre 1218, dann eroberten am 5. November 1219 Graf Wilhelm von Holland und Johann von Brienne, König von Jerusalem, die Stadt, mussten aber bei der Regierung des Sultans Mel-ed-Din sie wieder räumen, und Friedrich der II., der ein Hülfsheer im Jahre 1221 sandte, konnte nur noch Zeuge vom Abzüge des christlichen Heeres sein.
Im Jahre 1249 landete dann Ludwig der Heilige, eroberte die Stadt nach zwei Tagen, schleifte sie und liess durch Versenkungen den Hafen schliessen. Aber obgleich Ludwig noch zwei Schlachten gegen die Mohammedaner gewann, erlitt er eine empfindliche Niederlage vom Sultan Moadem-Turanscha im folgenden Jahre am 8. Februar dicht bei der Stadt Mansura. Ein Vertrag, den er mit diesem Emir abschloss, konnte nicht zur Ausführung kommen, da derselbe gleich darauf von seinen eigenen Mammeluken ermordet wurde. Der Bruder Ludwigs, der Graf von Artois, war ebenfalls unglücklich in seinen Unternehmungen, und am 5. April 1250 gerieth Ludwig der Heilige bei Mansura mit seinen Brüdern Alphons und Karl in Gefangenschaft, und konnte nur dadurch seine Befreiung erlangen, dass er Damiette, welches mittlerweile etwas weiter südlich wieder aufgebaut worden war, abtrat und noch 100,000 Mark Silber zahlte.
Im Jahre 1798 wurde Damiette dann unter Kleber von den Franzosen erobert und den Türken eine empfindliche Niederlage beigebracht, Sidney Smith entriss es aber den Franzosen wieder und gab es den Türken zurück, welche es bis zum 26. Juli 1803 behielten. An diesem Tage schlug Mehemmed-Ali im Verein mit Bardissi unter den Mauern Damiette's die Türken, welche von Kursuf commandirt waren, und weihte damit die Unabhängigkeit Aegyptens der Pforte gegenüber ein.
Heutzutage ist Damiette[[22]] eine friedliche Stadt, und nirgends in ganz Aegypten sind die Einwohner so vorurtheilsfrei und zuvorkommend. Die Hauptbevölkerung besteht natürlich aus Mohammedanern, welche wie die christlichen Kopten die Urbevölkerung ausmachen; Levantiner, meist griechischen Glaubens, bilden dann zunächst das Hauptcontingent, und von eingewanderten Europäern bilden die Mehrzahl die Griechen, auch einige wenige Italiener und Franzosen giebt es, Engländer und Deutsche sind augenblicklich nicht da. Man glaube aber deshalb nicht, dass wir keinen Consul hätten, die schwarzweissrothe Flagge weht auf der ganzen Erde, und wo der Deutsche heutzutage hinkommt, überall giebt sie ihm kräftigen Schutz.
"Ich muss Herrn Surur", so heisst unser Consul, der nebenbei gesagt der reichste Mann der Stadt und ein eingewanderter Levantiner ist, "doch einen Besuch machen", dachte ich, und that es. Er wohnt am ganz entgegengesetzten Ende in einer prachtvollen Villa ausserhalb der Stadt. Zu meinem Bedauern fand ich den Consul verreist um eines seiner vielen Güter zu inspiciren, welche er rechts und links am untern Nil liegen hat. Aber den letzten Tag Abends kam der Kanzler des Consulats und bat mich doch noch den folgenden Tag zu bleiben, Herr Surur wünsche mich auch gern mit dem spanischen und englischen Consul bekannt zu machen. "Das ist er ja selbst", erwiederte ich, wissend, dass Herr Surur auch zugleich England und Spanien vertritt. "Das ist ganz recht", erwiederte der Kanzler, "aber da er Ihnen in preussischer Uniform einen Gegenbesuch machen wird, würde er Sie hernach sehr gern auch noch in englischer und spanischer Uniform empfangen, er hat auch für jedes Land besondere Empfangzimmer." Mir kam die Sache so sonderbar komisch vor, dass ich fast Lust hatte meine Reisedispositionen umzuändern, um diesen Sonderling, welcher schon seit 1812 jene drei Länder in Damiette repräsentirt, kennen zu lernen; aber ich dachte, dann kommen noch spanische und englische Gegenbesuche, die norddeutsche, englische und spanische Diners zur Folge haben werden, und so ist's besser gleich abzubrechen. Folglich erklärte ich dem Herrn Kanzler: ich könne meine Reiseplane nicht mehr umändern, und bat ihn, mich dem guten Andenken des Herrn Consuls zu empfehlen.
Herr Guérin, mein Wirth, erzählte mir nun noch folgendes, was mir nachher von vielen Seiten bestätigt wurde: trotzdem überlasse ich die Verantwortung dieser Erzählung den europäischen Bewohnern Damiette's; sie hat Aehnlichkeit mit der von Bismarck, wenn er in seiner Eigenschaft als Bundeskanzler, Ministerpräsident, Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Präsident von Lauenburg etc. etc. mit sich selbst correspondirt. "Herr Surur ist der älteste Consul auf der ganzen Erde, sehr geizig, aber wenn es darauf ankommt seine respectiven Souveräne zu repräsentiren, dann geht es bei ihm im Hause so hoch her wie nur irgendwo. Nur von England bezahlt, hat er für dieses die grösste Vorliebe, obgleich er alle Abend für die Königin Isabella dreimal zu Gott betet, während Wilhelm und Victoria nur einmal in seinem Gebete genannt werden, denn Herr Surur ist eifriger Katholik und muss deshalb doch der katholischen Fürstin einen kleinen Vorzug geben. Officiell empfangt er dreimal des Jahres, an welchen Tagen dann auch grosse Gala-Diners bei ihm stattfinden. An einem solchen Tage macht er sich aber zuerst selbst die förmlichsten Besuche; wenn z. B. der Königin Victoria Geburtstag ist, wirft er sich in preussische Consulatsuniform und stattet dem englischen Empfangssalon, wo inmitten auf einem Divan die grossbrittanische Consulatsuniform prangt, einen Besuch ab, sodann eine steife Referenz machend, puppt er sich in einen spanischen Consul um und wiederholt die Visite. Aber damit nicht zufrieden, macht er Nachmittags als englischer Consul seinen beiden Collegen Gegenbesuch, das heisst, er betritt feierlichst in grande tenue anglaise den norddeutschen und spanischen Salon.
Sein stärkstes Stück soll indess das Danksagungsschreiben gewesen sein, welches er an König Wilhelm für Ernennung zum norddeutschen Bundesconsul geschickt hat, und was in so schwülstigen Formen abgefasst war, dass das Generalconsulat in Alexandria, wie man sagt, es nicht hat passiren lassen. "Schade", erwiederte ich, "unser König ist dadurch um einen heitern Augenblick gekommen. Und wissen Sie denn auch, was er von Bismarck denkt?" "O ja; er hat gleich erklärt, da Bismarck nur auf die Vergrösserung Deutschlands sänne, er auch täglich ein Extragebet halte für Vergrösserung Deutschlands, denn als norddeutscher Consul müsse er officiell mit den Wünschen des Ministeriums des Auswärtigen übereinstimmen".