Da indess noch immer kein Dampfer nach Tripoli abgehen wollte, so wagten wir es nach Gozzo zu gehen. Ich sage wagen, nicht als ob es gefährlich sei die enge Strasse zu überfahren, sondern weil möglicherweise während unserer Anwesenheit auf Gozzo bei der so wechselvollen Winterzeit Sturm hätte ausbrechen können, und dann vielleicht die Communication abgeschnitten gewesen wäre, wir also den Dampfer hätten vergessen können.
Man fährt von Lavalletta am besten bis Marfa dem äussersten Nordwestpunkte von Malta. Auf dem Wege dahin passirt man Musta, ein kleiner Ort von einigen Hundert Einwohnern, die sich aber eine so prächtige und grossartige Kirche erst vor wenigen Jahren erbaut haben, dass jede Hauptstadt in Europa stolz darauf sein könnte; die grosse Kuppel, das Ganze ist ein Kuppelbau, ist sicher nicht viel kleiner, als die der St. Paulskirche, und ganz aus Steinen aufgewölbt.
In Marfa angekommen, welches 14 engl. Meilen von Lavalletta entfernt ist, fand es sich, dass kein einziges Boot zum Ueberfahren vorhanden war; ein alter dort stationirter Soldat wusste aber bald Rath; er machte ein recht qualmendes Feuer und auf dies Signal hin sahen wir von dem gegenüber liegenden Orte auf Gozzo, Mai-Djiar (Miggiar wie die Engländer schreiben) bald ein Schiffchen absegeln, welches mit günstigem Winde schon nach einer halben Stunde in Marfa war. Zurück nach Mai-Djiar ging es freilich nicht so schnell, da wir Anfangs den Wind nur halb benutzen und bei Comino und Cominetto angekommen, nur noch durch Rudern weiter kommen konnten; indess waren wir auch nach anderthalb Stunden in Gozzo und eine kleine Stunde später im Hauptorte Rabatte, nicht mit dem Rabatto bei der Stadt città vecchia zu verwechseln, im Hotel Calypso einquartirt.
Dies Hotel entsprach ganz den Erinnerungen an den Namen Calypso, für einen so kleinen Ort wie Rabatto war es ein kleiner Zauberort und wir konnten, es war schon Nacht geworden wie wir ankamen, es hier recht gut bis zum andern Morgen aushalten.
Mit Tagesanbruch machten wir uns dann auf den Weg um die grösste Sehenswürdigkeit der Malteser-Inseln, die Riesenthürme zu besuchen. Und in der That, man fand sich keineswegs getäuscht. Aus Riesenquadern aufgeführt, befindet man sieh vor zwei runden Tempeln, fast wie eine Brille jeder gestaltet, doch so, dass je vor der grossen Brille noch je zwei kleinere sich befinden. Die Aehnlichkeit dieser Bauten mit der von Hedj-Kim und Mnaidra ist unverkennbar. Auch hier scheinen die Wandungen inwendig mit Sternen überdeckt gewesen zu sein und mehrere spiralförmige Zeichen sieht man noch heute. Einige Figuren, durch Ausgrabungen gewonnen, befinden sich in Lavalletta, in einer hat man eine Isis erkennen wollen. Didot hat eine genaue Beschreibung des Thurmes der Riesen gegeben.
Wir waren kaum mit der Besichtigung dieser merkwürdigen Denkmäler der Phönizier fertig, als ein Wagen vorfuhr und der Commandant von Gozzo, ein junger englischer Offizier, dem ich Abends zuvor ein Empfehlungsschreiben geschickt hatte, ausstieg um mich abzuholen. Erst jedoch forderte er mich auf die Calypso-Grotte zu besehen, welche auf dem nördlichen Theile von Gozzo sich befindet. Wir gingen auch hin, aber nichts ist unwahrscheinlicher, als dass hier Odysseus sich in den Armen Calypsos befunden haben soll. Das Hereinklettern in diese Höhle durch unzählige davorliegende Felsblöcke lebensgefährlich gemacht, nahm fast eine Viertelstunde in Anspruch, und als wir endlich darin waren, standen wir, obgleich mit Licht versehen, von jedem weiteren Versuche ab in das Labyrinth von halbverschütteten Gängen einzudringen.
Unser Weg führte uns nun zu Wagen rasch nach dem kleinen Fort Chambray, welches die Rhede von Mai-Djaro beherrscht und nachdem wir mit unserm liebenswürdigen Commandanten noch gefrühstückt hatten, setzte uns die Barke diesmal mit günstigem Winde in einer halben Stunde nach Malta über.
Im Hafen von St. Paul fanden wir einen Wagen, so dass wir noch selbigen Tages, wenn auch etwas spät Lavalletta erreichen konnten und gerade an dem Tage konnten wir das seltene Schauspiel gemessen den Aetna in seiner feurigsten Thätigkeit zu sehen: seit 130 Jahren hatten die Malteser ihrer Aussage nach kein solches Schauspiel erlebt.