Auf dem Wege nach città vecchia hat man noch das hübsche Landhaus des Gouverneurs zu besuchen, welches mit seinen dunklen Cypressen und duftenden Orangen einen wohlthuenden Eindruck auf das von dem ewigen Einerlei ermattete Auge macht. Denn, wenn auch Malta nicht ohne Cultur, vielmehr jedes Stückchen bebaut ist, so hat man alle Felder mit hohen Steinmauern umgeben, so dass man nichts als Steine erblickt. Bäume giebt es aber fast gar nicht auf den Inseln, namentlich keine Gruppen, nur hie und da einzelne Feigen-, Johannisbrodbäume und Oliven. Und doch wie fleissig ist die Insel bebaut, wie ist jedes Fleckchen benutzt, die Erde, um den Felsen zu bedecken, hat man oft aus Sicilien holen müssen. Aber gerade die Baumlosigkeit der Insel macht alle Mühe und Anstrengung zu Nichte, von heftigen Regen wird der Humus wieder abgeschwemmt, und so bleibt das Land ewig ein halbnackter Felsen. Und auch für den Pflanzenwuchs ist die Baumlosigkeit beeinträchtigend, denn Malta hat im Sommer vollkommen afrikanisches Klima, und auch im Winter sieht man nie Schnee oder Eis. Sagt nicht Duveyrier so trefflich in seinem Buche der Tuareg "die Vorsehung versorgte die Oasen mit Dattelbäumen, nicht nur um aus den Dattelbäumen allein Nutzen zu ziehen, sondern um im Schatten derselben Korn bauen zu können", er "nennt die Palmwälder" die "Treibhäuser der heissen Gegenden", und das ist auch vollkommen wahr. Aber der Malteser hängt so fest an seinen Gewohnheiten, dass er lieber fortfährt Erde aus Sicilien zu holen, als Bäume zu pflanzen, ja er hat sich noch nicht einmal von dem Pfluge losmachen können, den Abraham bei den Arabern einführte, und die Araber vielleicht mit nach Malta brachten. Giebt es noch sonst auf der Erde ein christliches Volk, das mit Abrahams Pflug den Boden bestellt, wie die Semiten? Doch ich muss um Verzeihung bitten, während ich dies schreibe, fällt mir ein, dass ich gerade aus dem christlichen Abessinien gekommen bin, und die Abkömmlinge der Königin von Saba sind auch heute noch nicht weiter.
Wir waren bis civita vecchia zu Fusse gegangen, da wir aber noch am selben Tage weiter bis Melleha wollten, ein Ort, welcher in einer Bucht am Nordwestende der Insel liegt, und wo man glaubt, dass sich die berühmte Calypsogrotte befindet, so nahmen wir in der Stadt einen Wagen. Auch in diesem Locomobile sind die Malteser so stabil geblieben, dass man glauben sollte, sie hätten ihre Wagen nach den alten Circuswagen direct abmodellirt; ohne Federn und nur von zwei Rädern getragen, entbehren die echten hier einheimischen Wagen sogar der Sitze, man legt sich hinein, wie zu Zeiten der Wettkämpfe die Kämpfer und Wagenlenker darin gestanden haben mochten. Freilich sind die Fiaker von Lavalette insofern bequemer, als sie Sitze haben, im Uebrigen aber auch ganz die Form der Wagen unserer klassischen Vorfahren beibehalten haben. Hier auf dem Lande war nur ein recht alter Wagen aufzutreiben, und uns hineinlegend fuhren wir ab.
Auf dem Wege nach der Calypsogrotte passirt man die nicht minder interessanten Gräber von Ben-Djemma (Bengemma). Es steht wohl unzweifelhaft fest, dass es keine Wohnungen von Lebendigen waren, sondern Todtengräber, an mehreren anderen Stellen der Inseln findet man ähnliche, wenn auch nicht in so grosser Zahl. Als wir übrigens in Melleha ankamen, war es stockfinstere Nacht geworden, und wir waren froh, sogleich ein Unterkommen zu finden. Es ist auffallend genug, dass obgleich in der Hauptstadt Lavaletta die Gasthöfe nur mittelmässig nach unseren Begriffen sind, man in den kleinsten Orten äusserst gute Aubergen antrifft. So auch hier. Reinliche Zimmer und Betten, einige Eier, ein Kaninchen, eine Flasche Marsalawein, was wollte man mehr. Dazu die freundlichste Aufnahme. Man muss überhaupt ins Land selbst hineingehen um den Malteser kennen zu lernen. Wie schlecht urtheilt man über ihn, wenn man ihn nur in Aegypten, Tripolitanien, Tunisien und Algerien gesehen hat! Wie oft habe ich selbst davon zurückgestanden, mich mit einem Malteser im Auslande einzulassen, und erzählen einem nicht alle englischen Consuln, dass gerade ihre maltesischen Unterthanen ihnen am Meisten zu thun machen! Das ist auch in der That der Fall. Und die Malteser haben wohl recht, wenn sie dies so erklären: die Guten bleiben in ihrem Vaterlande, die Schlechten wandern aus.
Die Bewohner von Lavaletta machen indess eine Ausnahme, der Fremde muss sich sehr in Acht nehmen, nicht von ihnen übervortheilt zu werden, für alles verlangen sie mindestens den dreifachen Werth. Auch sonst sind sie bei den Engländern in Verruf: Sehr begünstigt, da sie frei von allen Abgaben sind, überdies alle Privilegien eines Freihafens geniessen, kann kein Gouverneur es ihnen Recht machen, und die Blätter von Lavaletta lassen es sich angelegen sein, die Regierung in den Augen des Volkes so schlecht wie möglich zu machen.
Am anderen Morgen war das Erste, dass wir zur Grotte der Calypso wanderten, welche dem Orte in einer Kalksteinfelswand gegenüber liegt. Von den Malteser-Inseln behaupten auch die Bewohner Gozzo's die Calypso-Grotte zu besitzen, ausserdem haben verschiedene Gelehrte diesen berühmten Aufenthalt Odysseus' nach anderen Inseln hin verlegen wollen. Die meisten und besten Geographen stimmen aber darin überein, dass Malta der wahre Ort sei, ob man indess diese Grotte gerade die gewesen ist, worin Calypso den vielduldenden Wanderer festhielt, wage ich nicht zu behaupten. Jedenfalls ist es nicht die Grotte, welche auf Gozzo gezeigt wird.
Die Grotten, welche wir vor uns hatten, waren in den Fels gehauene Zimmer von verschiedener Grösse, und es scheint, als ob eine Hauptgrotte vor diesen Zimmern existirt hat, welche indess weggestürzt zu sein scheint. Das Merkwürdigste war, dass mehrere dieser Zimmer noch heute bewohnt sind, wie ich denn später noch an mehreren Orten constatiren konnte, dass in Malta Troglodyten sind, was für unser neunzehntes Jahrhundert in Europa immerhin auffallend genug ist.
Ein heftig ausbrechender Regen nöthigte uns zur Umkehr nach Lavalletta, da derselbe aber nur einen Tag anhielt, konnten wir schon gleich darauf unsere Wanderungen wieder antreten. Es galt eine andere merkwürdige Höhle zu besuchen, die am Südende der Insel liegt und den Namen Erhassan hat. Man gelangt dahin am besten über den kleinen Zorrik. Diese Höhle ist vollkommen Naturwerk, indem die untere Partie wahrscheinlich vom Meere ausgewaschen, weggesunken, der obere Felsboden aber stehen geblieben ist. Der Zugang ist sehr schwer und für Damen wohl kaum erreichbar, auch muss man sich in der Höhle selbst sehr in Acht nehmen, da viele Irrgänge vorkommen. Licht muss man auf alle Fälle mitnehmen, und wer sich weit in die Höhle hinein wagen will, thut wohl, Stricke mitzunehmen, um sich daran zurückleiten zu können. Zimmer, welche an den Seiten eingehauen sind, deuten darauf hin, dass auch diese Grotte bewohnt war.
Dicht bei Zorik ist noch eine andere Einsenkung, welche den Namen Makluba (umgestülpt) führt. Auch dieses sonderbare Loch über 100' tief und an der Basis einen eben so grossen Durchmesser habend, muss durch einen Einsturz hervorgerufen sein, die Wände sind überall senkrecht und das Gestein ist wie immer Kalk.
Geht man von Zorik nach Westen, so kommt man nach einer halben Stunde an den kleinen Ort Krendi und hier befinden sich zwischen Krendi und dem Meere sehr merkwürdige Bauüberreste der Phönizier, Hedjer-Kim oder Hedjer-Aim[[24]] von den Maltesern genannt. Kolossale Quadern, welche zu diesen Bauten benutzt sind, bilden diese meist doppelten Rundtempel, die Mauern sind gut erhalten, und selbst noch einige Altäre sieht man. Auf vielen Steinen findet man die äussere Wand mit Sternen bedeckt, andere zeigen Kreise, ammonsartig in sich selbst gedreht. Mehrere Gegenstände, auch eine Inschrift, die man durch Nachgrabungen gefunden hat, befinden sich auf dem kleinen Museum der Bibliothek, jedoch scheinen die Ausgrabungen nur oberflächlich vorgenommen zu sein.
An anderen Sehenswürdigkeiten hat die Insel Malta noch dicht beim Marsa Scirocco (Bucht an der Ostküste) einen Tempel, der den Namen Hercules-Tempel führt, dann das Bosquet, ein Lustgarten der alten Johanniterritter, zwischen Città notabile und dem Meere gelegen, beide diese hatten wir nicht Gelegenheit zu sehen.