Endlich naht der jüngste Tag, dessen Ankunft durch "Zeichen" angekündigt wird. So soll am Abend vorher die Sonne aufgehen, der zwölfte Imam, der Mehedi verkündet aufs Neue und zuletzt den Islam, und Jesus Christus, die Lehre Mohammed's bekennend, erscheint aufs Neue. Nach dem Glauben der Mohammedaner haben sowohl Moses als auch Christus den wahren Islam gepredigt, nur wir Christen und die Juden haben unsere, respective ihre Bücher gefälscht. Die Mohammedaner verweisen auf verschiedene Stellen des Alten und Neuen Testaments, von denen sie glauben, dieselben enthielten eine Weissagung, einen Bezug auf Mohammed.

Die Trompete erschallt, die Sonne wird verfinstert, die Sterne fallen zur Erde, es herrscht Chaos. Ein zweiter Trompetenstoss ertönt, und Alles auf Erden, was Leben hat, stirbt. Ein 40 Jahre anhaltender Regen soll zum neuen Keimen und Leben rufen, und dann werden die Engel Gabriel, Michael und Israful zuerst erweckt (an anderen Koranstellen lässt Mohammed sie nicht sterben, wie überhaupt die grössten Widersprüche herrschen). Letzterer sammelt die Seelen in seiner Trompete, und beim letzten Schall entfliegen sie derselben, um den Raum zwischen Erde und Himmel auszufüllen. Die Länge des jüngsten Gerichtstages wird im Koran verschieden, im 30. Capitel zu 1000, im 70. Capitel zu 50,000 Jahren angegeben.

Nachdem die Menschen von den Engeln Munkir und Gabriel gefragt sind, wiegt Gabriel in einer Waage, die so gross ist, dass sie Himmel und Erde zugleich enthalten kann, die Thaten der Menschen. Ueberwiegen die guten Thaten auch nur Ein Haar die bösen, so ist der Eingang in das Paradies gesichert. Ein Mohammedaner, der einem andern Unrecht gethan hat, muss übrigens einen Theil seiner guten Thaten demselben abgeben, hat er gar keine, so übernimmt er dafür des Anderen Sünden. Obschon die Verdammung an vielen Stellen als eine ewige geschildert wird, so glaubt man doch nach anderen Andeutungen, wenigstens für die Rechtgläubigen auf eine zeitweise Strafe rechnen zu können, "nachdem die Haut 1000 Jahre lang zu Kohle verbrannt ist".

Bei der Auferstehung sind die Frommen bekleidet mit Leinwand, die Gottlosen erstehen nackt, und jene, welche unrechtmässig Reichthümer erworben haben, werden als Schweine auferstehen; die, welche Zinsen nehmen, werden Kopf und Füsse verkehrt tragen. Um einer solchen Strafe zu entgehen, leiht man in Marokko nie auf Zinsen, aber man umgeht das unentgeltliche Darleihen dadurch, dass man z.B. 100 Metkal ausleiht, aber gleich zur Bedingung macht, nach so und zo [so] langer Zeit das verdoppelte oder verdreifachte Capital zurückzubekommen. Nur so konnte ich mir selbst später am Tsadsee vom Mohammedaner Mohammed Sfaxi 200 Maria- Theresia-Thaler verschaffen; es war Bedingung, 400 zurückzuerstatten; Zeit war hierbei nicht angegeben, aber man verlangte Zahlung auf Sicht in Tripolis, und da die Karavane gleich darauf abging nach dieser Stadt und etwa neun Monate Zeit gebrauchte, so konnte der Darleiher gewiss zufrieden sein.—Die ungerechten Richter, die Mörder, Diebe etc., Alle werden in eigenen Gestalten erscheinen, um ihre Strafe anzutreten. Das Gericht wird lange dauern und Gott wird in Person richten, Mohammed wird Fürbitter sein, Adam, Noah, Abraham und Jesus weisen das Amt der Fürbitte von sich. Auch die Engel, die Geister und die Thiere werden zur Rechenschaft gezogen.

Die Auferstandenen haben, um in den für sie bestimmten Aufenthalt zu kommen, die Siratbrücke zu passiren, die so fein wie ein Haar und so schneidig wie ein Messer ist; die frommen Seelen kommen mit telegraphischer Geschwindigkeit hinüber, die Gottlosen stürzen in die Tiefe.

Ehe man ins Paradies gelangt, kommt man zu einer Mauer, welche Hölle und Paradies trennt. Diese Mauer wird zugleich als neutrales Gebiet betrachtet und dient als Aufenthalt für Solche, die gleichviel Gutes und Böses, oder überhaupt weder Böses noch Gutes gethan haben.

Das mohammedanische Paradies mit den rieselnden Bächen von Milch und Honig, den schwarzäugigen Huris, deren Leib aus duftendem Bisam besteht, dem Weine, der nicht berauscht, und den 80,000 Sklaven, die jeder Rechtgläubige zur Verfügung hat, ist hinlänglich bekannt, und der Marokkaner schmückt sich nach seiner Art die Versprechungen, die ihm Mohammed im Koran davon gemacht hat, noch mehr aus. So wird er dort immer seine Haschischpfeife haben, und der Haschisch wird ihn nicht schlaftrunken machen; er wird nicht schwarzäugige Huris als Dienerinnen haben, sondern blauäugige, blondlockige Engländerinnen, welche nach der Meinung der Marokkaner diesen Vorzug verdienen. Das Paradies befindet sich über den sieben Himmeln, unmittelbar unter dem Throne Gottes; was aber räumlich über Gott selbst ist, darüber nachzudenken ist dem Marokkaner nicht erlaubt.

Nach der Beschreibung der die Hölle vom Paradiese trennenden Mauer sollte man denken, dass dieses letztere sich auf gleichem Niveau befände mit der Hölle. Aber wie bei den übrigen semitischen Religionen und wie bei fast allen Völkern ist mit der Hölle der Begriff des "Tiefen, Unterirdischen" verbunden. Deshalb sagt man auch, die Bösen fallen von der Siratbrücke. Man stellt sich sodann die Hölle mit sieben Stockwerken vor; im obersten wohnen jene Mohammedaner, die auf Fürbitte des Herrn Mohammed nach einigen tausend Jahren Eintritt ins Paradies bekommen können. Es ist sodann ein Aufenthalt für die Christen, für die Juden, für Sabäer, Magier, Ungläubige überhaupt vorhanden. In das unterste Stockwerk werden die Heuchler kommen, d.h. Solche, die äusserlich eine Religion, vornehmlich die mohammedanische, bekannten, aber innerlich nicht daran glaubten. Die Qualen der Hölle werden eben so erfinderisch beschrieben, wie bei den übrigen Völkern, so dass es eine wahre Lust ist, sich daneben den allbarmherzigen Gott zu denken, wie er im Paradiese in seiner ewig allgütigen und allmitleidigen Natur auf diese seine Geschöpfe hinabschaut, ohne dass es ihm einfällt in seinem unerforschlichen Rathschlusse, die von ihm verhängten und nach seiner Vorherbestimmung (nach der Lehre Mohammed's ist ja Alles vorherbestimmt) erfolgten Qualen zu lindern oder gar zu beendigen.

Feuer spielt natürlich eine Hauptrolle in der Hölle; die Anzüge sind von Feuer, in den Eingeweiden brennt Feuer, Feuer verkohlt die Haut, Feuerschuhe bekleiden die Füsse; ebenso heisses Wasser (22. Cap.). "Es soll auf ihre Köpfe gegossen werden, wodurch sich ihre Eingeweide und ihre Haut auflösen." Genug von den Freuden des mohammedanischen Paradieses und den Leiden der mohammedanischen Hölle.

Unter dem Schutze des Grossscherifs von Uesan, der mir ein unwandelbarer Freund war, wagte ich einst, einem Thaleb, der mit glühenden Farben die Köstlichkeiten des Paradieses der Gläubigen mir ausmalte, zu erwiedern: "wenn aber Ihr Marokkaner Alle Anspruch macht, ins Paradies zu kommen, so will ich lieber nach dem Orte kommen, der den Christen angewiesen wird." Da mein Beschützer zu lachen anfing, lachten Alle pflichtschuldigst über die Abfertigung, die der Thaleb erhalten hatte, mit. Ich konnte mir damals in Uesan eine solche Aeusserung erlauben, weil ich nach den Worten Mohammed's als übergetretener Christ den Vortritt vor den übrigen Moslemin hatte. Wenn Mohammed von Vortritt spricht, meint er darunter den in das Paradies.