Folgendes ist die unwandelbare Lehre, wie sie von Gott durch die Propheten den Menschen vermittelt worden ist; sind Juden und Christen später von diesem Islam abgewichen und haben die Bücher verfälscht, so war es die Hauptaufgabe Mohammed's, die reine Lehre wieder herzustellen. Mohammed lässt verschiedene Offenbarungen zu seit der Erschaffung der Welt, und unter den Propheten giebt es verschiedene Rangstufen. Zu den ersten gehören Adam, Noah, Abraham, Moses und Jesus. Es kommen sodann Patriarchen und Propheten, welche vollkommen heilig und sündlos auf Erden lebten. Nach der Meinung der Marokkaner giebt es 104 heilige Schriften[37], von denen auf Adam 10, auf Seth 50, auf Edris oder Enoch 30, auf Abraham 10, auf Moses 1, auf David 1, auf Jesus 1 und auf Mohammed 1 kommen. Bis auf die vier letzten sind alle anderen verloren gegangen, und bis auf das letzte, den Koran, die drei noch übrig gebliebenen gefälscht. Damit der Koran nicht gefälscht werde, darf er nur geschrieben und in arabischer Sprache verbreitet werden. Ein gedruckter Koran ist daher in Marokko schlecht angesehen; gleichwohl machte ich dem Grossscherif einen solchen sowie ein Altes und Neues Testament in arabischer Sprache zum Geschenk, und er nahm sie gern an. Aus demselbsn [demselben] Grunde, d.h. um den Koran verstehen zu können, müssen aller nichtarabischen Völker Schriftgelehrte Arabisch lernen. Ein Versuch, den die Marokkaner selbst machten, den Koran ins Berberische zu übersetzen, da die überwiegende Mehrzahl der Marokkaner Berber sind, scheiterte vollkommen an dem Fanatismus der arabischen Tholba; die schon übersetzten Exemplare wurden verbrannt.

[Fußnote 37: Siehe Jackson, Account of Marocco, p. 197.]

Unter den Propheten erkennt Mohammed Jesu den ersten Platz zu; er glaubt, dass Jesus der Sohn Mariä sei und dass diese auf wunderbare Weise empfangen habe. Er glaubt weiter, dass die Juden Jesum nicht kreuzigten, sondern eine andere Person unterschoben. Die Auferstehung und die Höllenfahrt werden also vollkommen von den Mohammedanern geleugnet. Indess glauben sie, dass Jesus lebendig gen Himmel empor gestiegen sei; und ebenfalls wird er, wie schon erwähnt, zum jüngsten Gericht zurück erwartet.—

Ein Haupterforderniss ist das Gebet; aber kein Gebet ist gültig, wenn nicht vorher eine Abwaschung des Körpers, d.h. eine bestimmte Ceremonie, vorgenommen worden ist. Man unterscheidet in Marokko wie überhaupt bei den Mohammedanern die grosse Abwaschung, el odho el kebir[38]; die kleine, el odho el sserhir; die Abwaschung mit Sand, el timum, und das blosse Fingiren des Waschens, el chofin. Diese Abwaschung wird in verschiedener Weise bei den vier rechtgläubigen Riten vorgenommen, aber nach einer der vorgeschriebenen Normen muss die Ablution verrichtet werden. Würde man z.B. zuerst das linke Auge auswaschen, wenn es erforderlich ist, dass vorher das rechte gewaschen werden soll, dann ist die ganze Ablution batal, d.h. umsonst, und es kann nicht gebetet werden. Würde man z.B. um den Mund auszuspülen, dies mit der linken statt mit der vorgeschriebenen rechten Hand thun, so taugt die ganze Ablution nichts. Jeder Körpertheil kommt nach vorgeschriebener Ordnung an die Reihe, und je nachdem wird die rechte oder linke Hand zum Abwaschen benutzt. Die grosse Abwaschung unterscheidet sich von der kleinen dadurch, dass man bei jener den ganzen Körper einer Reinigung unterzieht, bei dieser indess nur die Theile des Körpers abwäscht, welche man, ohne sich der Kleidungsstücke zu entledigen, einer Wäsche unterziehen kann. Bei der Waschung mit Sand reibt man sich natürlich nicht buchstäblich mit Sand ab, sondern legt die Hände auf den reinen Erdboden und fingirt die Waschung. Auch hier muss streng die Reihenfolge der abzuwaschenden Theile inne gehalten werden. Bei unreinem Boden und wenn kein Wasser vorhanden ist, berührt man irgend einen Gegenstand, eine Wand, einen Stein, und fingirt dann die Ablution; es ist dies was man el chofin nennt. Malek, der überhaupt duldsamer als die übrigen drei mohammedanischen Gelehrten ist, erlaubt auch das timum und el chofin da, wo Wasser vorhanden ist; deshalb findet man in den meisten marokkanischen Moscheen, namentlich in allen Djemen der Oasen, Steine, welche umfasst werden, nach welcher Umfassung sodann die Ablution vor sich geht.

[Fußnote 38: Höst S. 204 sagt: Die grosse Abwaschung heisst Ergasel. Es ist dies ein Irrthum; Ergasel bedeutet jede beliebige Abwaschung, aber keine religiöse; wenigstens habe ich in Marokko dies Wort nie in diesem Sinne gebrauchen hören, obschon ich selbst täglich die Ceremonien mitzumachen hatte.]

Das Gebet der Marokkaner ist keineswegs ein solches nach dem Sinne solcher Christen, welche darunter vorzugsweise einen freien Herzenserguss, einen selbständigen Gedankenausfluss, eine aus eigenem Herzen entspringende Bitte an Gott sehen, sondern vielmehr ein bestimmt auswendig Gelerntes, und eine mit bestimmt vorgeschriebenen Ceremonien verknüpfte Handlung. Es kann daher bei den Marokkanern nach christlicher Auffassung von keinem eigentlichen Gebet die Rede sein, sondern nur von Gebetsübungen, von Gebetsceremonien; und so muss man es wohl für alle Mohammedaner auffassen, indem die dabei vorkommenden Ceremonien und Verbeugungen für Alle bestimmt vorgeschrieben sind. Fehlt eine dieser Ceremonien, würde man z.B. sich statt nach Mekka nach einer andern Richtung wenden, oder würde man es unterlassen; sich nach der und der Stelle zu Boden zu werfen, so ist das Gebet ungültig; es steigt dann nicht zu Gott auf.

Man unterscheidet das Morgengebet, essebah, das Mittagsgebet, eldhohor, das Nachmittagsgebet, elassar, das Abendgebet, el maghreb, und das Nachtgebet, elascha. Die so häufige Wiederholung der Gebetsübungen ist im Anfange des Islam auf zähen Widerstand gestossen, später gewöhnte man sich daran, so wie sich der Soldat an Disciplin gewöhnt. Und dadurch, dass Mohammed überall das Beten erlaubt, und das Gebet auf der Strasse oder im freien Felde für ebenso verdienstvoll gilt, als das in der Moschee, und vom Gebet im "stillen Kämmerlein" im Koran nirgends die Rede ist, dadurch hat sich nach und nach ein Pharisäismus in die mohammedanische Religion eingeschlichen, der anderen Leuten ganz ungeheuerlich vorkommen muss. Namentlich in Marokko hat sich unter dem Systeme der Unfehlbarkeit des Sultans eine entsetzliche Scheinheiligkeit und Heuchelei aller Classen bemächtigt. Der gewöhnlichste Marokkaner versteht es, sich beim Beten derart den Schein der Andacht, der Heiligkeit zu geben, er weiss seiner Stimme derart einen näselnden Ton, einen feierlichen Klang beizulegen, er wendet derart seine Augen gen Himmel und scheint überhaupt so sehr seinen ganzen Körper dem nichtigen, irdischen Dasein zu entrücken, dass man glauben sollte, er zerflösse vor Heiligkeit. Und doch ist er nichts weniger als fromm; die Worte, die er an Allah richtet, versteht er kaum, falls er nicht sehr gebildet ist. Das koranische Arabisch unterscheidet sich vom Neuarabischen und namentlich vom Magrhebinischen eben so sehr, wie das Lateinische von den neueren romanischen Sprachen. Man hält in Marokko darauf, beim Beten gesehen zu werden, man hält in Marokko auch darauf, recht laut die vorgeschriebenen Worte auszusprechen, damit man ja, falls man übersehen wird, gehört werde. Da es nicht nöthig ist, genau die Zeit des Gebetes inne zu halten, die Gebete aber nachgeholt werden müssen, so trifft man allerorts, auf allen Plätzen, auf allen Strassen, in allen Moscheen Leute, die ihre Gebetsübungen verrichten. Besucht man einen Marokkaner, so kann man sicher sein, dass unter hundert neunundneunzig den Gast einen Augenblick zu warten bitten, "damit ein nachzuholendes Gebet erst verrichtet werde." Man will damit documentiren, dass man fromm sei! Recht eifrige Leute, namentlich Brüder einer religiösen Innung, pflegen ausser den vorgeschriebenen Gebetsceremonien noch andere zu bestimmten Tageszeiten abzuhalten, z. B. vor dem Morgengebet das Morgenrothgebet Fedjer; um die Zeit des Dhaha, d.h. zwischen dem Morgen- und Mittagsgebete, das Dhahagebet; das eschefah- und uter-Gebet nach dem el ascha etc.

In den Städten wird von den Thürmen der Moschee die Gebetsstunde durch Aufziehen einer weissen am Freitage zum Chotbagebet einer dunkelblauen Fahne angekündigt, ausserdem ruft der Muden von den Thürmen zum Gebet auf. Auch dieser Aufruf ist bestimmt vorgeschrieben und beginnt nach Osten, um durch Süden, Westen und Norden wieder gen Osten beendigt zu werden. Die Worte lauten: "Gott ist der Grösste, Gott ist der Grösste, ich bezeuge, es giebt nur Einen Gott, ich bezeuge, es giebt nur Einen Gott, Mohammed ist sein Gesandter, Mohammed ist sein Gesandter[39]; kommt zum Gebet, kommt zum Gebet, kommt in den Tempel, kommt in den Tempel, Gott ist der Grösste, Gott ist der Grösste, es giebt nur Einen Gott!"

[Fußnote 39: Vor dem Morgengebet werden die Worte "das Gebet ist besser als der Schlaf" eingeschaltet.]

Das Gebet selbst zerfällt in Anrufung, verschiedene Rikats und Gruss[40] und wird folgendermassen bei den Malekiten abgehalten: