[Fußnote 40: Siehe Ali Bey el Abassi, Voyage en Afrique etc. I, p. 153.]
Die Anrufung: Körper gerade und beide Hände erhoben bis zur Höhe der Ohren, "Gott ist der Grösste!"
Erstes Rikat und erste Position: Aufrecht, die Hände fallen herab, und man sagt das erste Capitel des Koran her. "Lob und Preis dem Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrschet am Tage des Gerichts. Dir wollen wir dienen, und zu Dir wollen wir flehen, auf dass Du uns führest den rechten Weg, den Weg derer, die Deiner Gnade sich freuen, und nicht den Weg derer, über welche Du zürnest, und nicht den der Irrenden."—Es folgt jetzt ein Koranvers, z.B. "Gott ist der einzige und ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt, und kein Wesen ist ihm gleich."
Zweite Position: Man verbeugt sich, die Hände auf die Knie stützend, und ruft: "Gott ist der Grösste!" Dritte Position, sich wieder aufrichtend: "Gott hört, wenn man ihn lobt." Vierte Position, niederknieend berührt man mit beiden Händen, mit der Stirn und Nasenspitze die Erde und ruft: "Gott ist der Grösste!" Fünfte Position: Man setzt sich auf die zurückliegenden Waden, legt die Hände auf die Schenkel und ruft: "Gott ist der Grösste!" Sechste Position: Man berührt abermals mit Händen, Stirn und Nasenspitze den Boden und ruft: "Gott ist der Grösste!" Siebente Position: Man richtet sich auf und ruft stehend! "Gott ist der Grösste!"
Zweites Rikat: Die ersten sechs Stellungen werden wiederholt, nach der sechsten bleibt man sitzen und spricht: "Die Nachtwachen sind für Gott, wie auch die Gebete und Almosen; Gruss und Friede sei Dir, o Prophet Gottes; Gottes Mitleid und Segen ruhe auf Dir. Heil und Friede komme auf uns und alle Diener Gottes, die gerecht und tugendhaft sind. Ich bezeuge, es giebt nur Einen Gott, ich bezeuge, dass Mohammed sein Diener und Gesandter ist!" Hat das Gebet nur zwei Rikats, so fügt man noch hinzu, indem man in derselben Stellung bleibt und dabei immer den rechten Zeigefinger kreisförmig bewegt: "Und ich bezeuge, Er war es, der Mohammed zu Sich rief, und ich bezeuge die Existenz des Paradieses, die der Hölle, die des Sirat (Brücke), die der Wage und die des ewigen Glückes, welches denen gewährt werden soll, welche nicht zweifeln und die wahrhaftig Gott aus dem Grabe erwecken wird. O, mein Gott, giesse Deinen Segen auf Mohammed und Mohammed's Nachkommen aus, wie Du Deinen Segen auf Abraham ausgegossen hast; segne Mohammed und die von Mohammed Stammenden, wie Du Abraham und die von Abraham Stammenden gesegnet hast. Die Gnade, das Lob und die Erhebung zum Kuhme sind in Dir und bei Dir."
Der Gruss und Schluss: Man bleibt sitzen, wendet das Gesicht erst links, dann rechts, erhebt etwas die Finger beider auf den Schenkeln ruhenden Hände und ruft: "Friede sei mit Euch!"
Fedjer und Esebah haben zwei, Dhohor und l'Asser vier, Magrheb drei, l'Ascha vier, l'Eschefa und l'Uter drei Rikats. Recht fromme Leute, namentlich solche, die sich gern beten sehen und hören lassen, die sich den Ruf eines "Heiligen" erwerben wollen, machen ausserdem fünf, sechs und noch mehr Rikats.
Der Freitagsgottesdienst, das Chotbagebet, wird in der Regel eine Stunde nach Mittag verrichtet. Nach vorhergegangener Ablution geht Jeder in die Moschee und betet für sich ein aus zwei Rikats bestehendes Gebet und setzt sich. Es dauert nicht lange, so erscheint ein Fakih, besteigt den Mimbr, ein Gerüst, ähnlich einer Treppe, und beginnt mit näselnder Stimme eine Art Predigt abzulesen. In seiner Rechten hat er einen langen Stock, aber auch nur in diesem Augenblicke des Treppenbesteigens, denn sobald er dieselbe verlässt, wird der der Moschee zugehörende übrigens werthlose Stock in eine Ecke gestellt. Die Fakihs und Tholba (Schriftgelehrten) der Marokkaner unterscheiden sich keineswegs in der Kleidung von ihren übrigen Glaubensgenossen. Da überhaupt Jeder, der lesen und schreiben kann, Thaleb, Jeder, der den Koran lesen und interpretiren kann, Fakih, d.h. Doctor ist, so halten die Tholba und Fakih, die sich speciell mit der Bedienung der Moscheen befassen, es nicht für nothwendig, sich durch besondere, z.B. schwarze Tracht auszuzeichnen; sie würden es auch nicht wagen, da in Marokko sich Jeder wenigstens eben so fromm und von Gott geliebt glaubt, als sein Nächster, innerlich sogar Jeder sich wohl für am frömmsten hält. Es mag anderen unbefangenen Menschen dies unglaublich vorkommen, aber die fanatische Dummheit in Marokko ist so gross, dass man der festen Ueberzeugung lebt, jedwede Sünde begehen zu können, wenn man nur mit dem Munde bereut und mit dem Munde durch Gebete seine Reue kund thut.
Wirkliche Gebete, d. h. improvisirte, selbstgemachte, von Herzen kommende Anreden an Gott, meistens Wünsche und Bitten enthaltend, giebt es auch. Erfleht der Marokkaner etwas, so hält er beide Hände zumal offen gen Himmel, als ob er etwas empfangen wollte; auf dieselbe Art wird auch der Segen erfleht. Selbst ein Scherif, d. h. ein Abkömmling Mohammed's, erflehet den Segen für sich oder für die Menge derart, d. h. die Hand offen haltend. Der Mohammedaner würde es als grosse Sünde ansehen, wenn ein Mensch sich vermässe, die Hand umzudrehen, um den Segen zu ertheilen, wie es bei den Christen Sitte ist.
Aber "das Gebet führt nur halbwegs zu Gott, die Fasten fuhren uns vor die Thore seines Palastes und das Almosen verschafft uns Einlass."